Lernen mit, durch und über Pferde: Ute Stingl bietet auf ihrer Anlage in Friesenheim pferdgestützte Pädagogik an. Sie ermöglicht Menschen Kontakt zu den Tieren, die sie selbst so sehr liebt. Artgerechte Haltung und ein fairer Umgang stehen dabei im Fokus.
Gut versteckt, am Rand von Friesenheim und umgeben von großen Bäumen hat Ute Stingl ihren vier Pferden ein kleines Paradies eingerichtet: Ein offener Stall, lange Laufwege und grüne Außenwiesen haben die Tiere dort zur Verfügung.
Eine naturnahe Haltung und ein fairer Umgang sind der Besitzerin besonders wichtig. „Pferde teilen einem so viel mit, wenn man sie nur lässt“, erklärt Stingl beim Besuch unserer Redaktion auf ihrer Anlage.
Sie möchte, dass Pferde nicht nur als Reittier gesehen werden, sondern vielmehr als Begleiter, Tröster und Kameraden.
Erster Kontakt zu Pferden mit drei Jahren
Mit ihrem Unternehmen „Hallo Pferd“, das sie im Mai 2021 gegründet hat, bietet die 61-Jährige Angebote rund um pferdgestützte Pädagogik an. Kinder, Jugendliche und auch Erwachsene bekommen bei ihr die Möglichkeit, Zeit mit den Pferden zu verbringen, sich ihnen im eigenen Tempo zu nähern und viel über die Tiere zu lernen. „Ich möchte mit meinen Pferden keinen Reitunterricht geben“, erklärt Stingl. Es gehe darum, anderen Menschen den Kontakt zu den Tieren zu ermöglichen. So wird in den Stunden, je nachdem wer gerade bei ihr ist, viel gespielt, die Pferde werden beobachtet und Stingl vermittelt Wissen rund um Pflege, Fütterung und artgerechte Haltung.
Dabei hat die 61-Jährige, die den ersten Kontakt zu Pferden hatte, als sie drei Jahre alt war und mit neun Jahren das erste eigene Pferd besaß, die Pferdebranche selbst aus einer ganz anderen Sicht kennengelernt: „Das war damals ganz herkömmlicher Reitunterricht“, erinnert sie sich, „das war Militärstil und Haudrauf.“ Pferde spielten für sie immer eine sehr große Rolle: Sie putzte tagelang Ställe, ritt Turniere, gab Unterricht für Jüngere, machte Abzeichen, half dabei mit, Pferde einzureiten und machte Praktika beim Tierarzt.
Früh habe sie auch damit begonnen, Fuchsjagd zu reiten und dabei großen Erfolg gehabt. „Mit 15 war ich die jüngste Fuchsreiterin im Verein“, berichtet sie. Doch irgendwann habe ein Umdenken eingesetzt: „Ich habe als Kind schon nicht verstanden, warum ich ein Lebewesen schlagen muss, das ich liebe. Ich bitte heute noch oft um Verzeihung bei meinen früheren Pferden“, so Stingl.
Ausbildung „Pferdegestützte Pädagogik“ absolviert
Heute tragen ihre zwei Pferde Cloud und Casy und die beiden Ponys Fips und Bella nur gebisslose Zäumungen. Reiten kommt für die 61-Jährige selbst überhaupt nicht mehr in Frage: „Wenn ich mich aufs Pferd setze, bedeutet das, dass ich etwas für mein Vergnügen auf Kosten des Pferdes mache. Ich liebe Reiten über alles, aber ich liebe meine Pferde mehr“, erklärt sie. Ihre Tiere kommen alle aus sehr schlechten Haltungsbedingungen und haben bei ihr eine zweite Chance erhalten. „Fips etwa war ganz dünn und abgemagert, als er zu mir kam“, erinnert sich Stingl.
Vor zehn Jahren hat sich die 61-Jährige dazu entschlossen, die Ausbildung „Pferdegestützte Pädagogik“ zu machen und begann in ihrem Job – sie arbeitet in einer Jugendhilfeeinrichtung – nur noch halbtags zu arbeiten. Sie absolvierte weitere Fortbildungen und Seminare und bietet nun als Fachkraft für pferdegestützte Pädagogik, Kinder-Entspannungstrainerin, Konzentrationstrainerin mit Pferd und Trainerin für Marburger Verhaltenstraining und Konzentrationstraining verschiedene Angebote an (siehe Info).
„Ich komme oft an Grenzen, es ist einfach viel Arbeit“, berichtet Stingl. Ohne ihren Mann, der sie viel unterstütze, ginge das alles gar nicht. „Wenn ich dann aber morgens im Stall stehe, denke ich wieder: Ich bin der glücklichste Mensch überhaupt.“
Die Angebote
Bei „Hallo Pferd“ bietet Ute Stingl Kurse für Kinder, Jugendliche, Erwachsene und Gruppen an. Sie arbeitet mit Behinderten sowie Kinder- und Jugendhilfe-Einrichtungen zusammen. Zudem gibt es Konzentrationstrainings für Grundschüler und Lernprogramme für Kita-Kinder und immer wieder an die Jahreszeiten angepasste „Specials“. Auch ehrenamtlich setzt Stingl sich ein und besuchte so etwa im Frühjahr mit ihren Pferden ein Altenheim in Friesenheim.