Hansjörg Haas beim Schneiden eines winterblühenden Schneeballs. Nach seiner Blütezeit von November bis März ist nun der ideale Zeitpunkt dazu. Foto: Göpfert

Weil er keine Fachliteratur für die Teilnehmer seiner Schnittkurse fand, schrieb Hansjörg Haas selbst einen Ratgeber. „Das große GU-Praxishandbuch Pflanzenschnitt“ wurde mehrfach ausgezeichnet – und ist in einer Neuauflage erschienen.

Als Fachberater für Obst- und Gartenbau, Landespflege beim Landratsamt Ortenaukreis ist Haas ein Profi in Sachen Gartenarbeit. Mit unserer Redaktion sprach er über die neuste Auflage seines Buchs, die häufigsten Fehler beim Pflanzenschnitt und worauf es bei diesem besonders zu achten gilt.

 

Herr Haas, weshalb muss man Pflanzen schneiden?

Das kommt auf die Art an: Ziergehölze muss man schneiden, um sie vital zu halten, sprich um ihren natürlichen Alterungsprozess zu unterbrechen. Bei Obstgehölzen geht es zusätzlich darum, mit dem Schnitt einen hochwertigen Ertrag zu erzielen. Bei Baumobst gilt es zudem, auf eine ausgewogenen Statik des Baums zu achten. Sind Obstbäume nicht oder falsch geschnitten und hängen dann voll mit schwerem Obst, droht Astbruch.

Wenn ich vollmotiviert mit Schere und Säge vor einem Baum oder Strauch stehe, worauf muss ich achten?

Auf vier Dinge. Erstens: Welche Funktion hat das Gehölz? Ist es ein Blütengehölz oder will ich eine schöne Struktur? Ist es ein Formgehölz, soll es mir Sichtschutz verschaffen oder ist es ein Obstgehölz, von dem ich hochwertige Früchte ernten will? Dementsprechend anders ist mein Schnitt. Zweitens: Bei Blüten- oder Obstgehölzen stellt sich die Frage, wie alt die Triebe sind, die Blüten oder Früchte tragen. Denn alles, was Blüten oder Früchte an diesjährigen Trieben trägt, muss vor der Blüte geschnitten werden. Alle anderen Ziergehölze erst nach der Blüte. Drittens: Bei Sträuchern, die sich immer wieder aus der Erde mit Jungtrieben erneuern, muss man sich auch die Frage stellen, wie lange die Bodentriebe vital sind. Das ist durchaus unterschiedlich. Viertens: Wie frostempfindlich ist das Gehölz? Einen empfindliches Gehölz wie Lavendel oder Hibiskus schneidet man im späten Frühjahr ab März, frostunempfindliche Pflanzen wie Apfelbaum oder Holunder kann man schon ab Januar schneiden.

Haben Sie Beispiel, wie sich der Schnitt im Einzelfall unterscheidet? Wie ist es etwa bei Obstgehölzen?

Auch bei Obstgehölzen gibt es Unterschiede, aber nehmen wir einmal die rote Johannisbeere: Bei ihr entfernt man zunächst ein Viertel aller Bodentriebe, die vierjährig oder älter sind. Dann belässt man die dieselbe Anzahl einjähriger Jungtriebe aus der Erde. An den verbliebenen zwei- bis vierjährigen verzweigten Seitentrieb sollten dann noch alle zehn Zentimeter ein einjähriger Trieb stehen. Alle älteren Triebe nahe der Erde am senkrechten Gerüsttrieb sollten entfernt werden.

Woran erkennt man das Alter der Triebe?

Alle einjährigen Triebe sind in einem hellen Grau. Alle älteren Triebe sind in einem dunklen Braunton. Je älter die Triebe sind, desto dunkler ist der Braunton.

Und wie ist der ideale Schnitt etwa bei einem Ziergewächs?

Bei einem Spierstrauch etwa entferne ich ein Viertel der ältesten Bodentriebe. Ich belasse dieselbe Anzahl einjähriger Bodentriebe, so dass nach dem Schnitt noch höchstens 15 Bodentriebe verbleiben. Übermäßige Verzweigungen im Strauchinneren sollten auf einjährige Triebe umgelenkt werden. Das heißt: Nur einjährige Triebe bleiben bestehen. Alle anderen sollten entfernt werden. Denn: Etliche Frühjahrsblüher wie Spieren tragen an einjährigen Trieben die schönsten Blüten.

Und bei Sommerblühern ist es nochmals anders?

Genau: Sommerflieder beispielsweise blüht am diesjährigen Trieb. Wachstum und Blüte erfolgen ohne also Winterpause und ohne Blütenknospenbildung im Vorjahr. Sommerflieder schneide ich jedes Jahr auf etwa 80 Zentimeter zurück – egal wie hoch er zuvor war.

Was sind typische Fehler, die Laien machen?

Viele Leute schneiden im Frühjahr vor der Blüte, was dazu führt, dass bei typischen Frühjahrsblühern der Großteil der Blüte entfällt. Das passiert auch, wenn man einen Strauch halbkugelig kürzt: Damit entfernt man alle Blüten. Alle frühjahrsblühenden Gehölze sollte man deshalb erst nach ihrer Blüte schneiden, also etwa in der Zeit bis Anfang Juni.

In der Neuauflage Ihres Ratgebers gehen Sie auch auf Zimmerpflanzen ein. Was ist bei diesen anders?

Einer der größten Unterschiede: Man sollte sie schon im Herbst schneiden, denn Zimmerpflanzen erhalten nur einseitig Licht. Ohne Schnitt erhalten die lichtabgewandten Blätter von dichten Pflanzen über den Winter so wenig Licht, dass die Blätter abgeworfen werden und Triebe absterben. Bei Freilandpflanzen schneidet man hingegen aufgrund der Frostgefahr erst ab Frühjahr.

Info – Ganzjährig erlaubt

Pflegeschnitte mit Achtsamkeit sind ganzjährig erlaubt, erklärt Haas. Was jedoch von März bis September nicht erlaubt ist, ist Gehölze auf Stock zu setzen, sprich auf Erdbodenhöhe abzuroden. Dafür braucht es eine Ausnahmegenehmigung der Unteren Naturschutzbehörde.