Die Gemeinde Rust liegt zwischen dem heutigen Europa-Park, der am Horizont zu sehen ist, und der Baustelle für die neue Wasserwelt. Foto: Europa-Park

Rulantica soll weiteres Publikum anlocken. Es gibt auch Kritik. Gemeinde profitiert vom Unternehmen.

Rust - Passt und sitzt millimetergenau. Eine mächtige Holzkonstruktion, 55 Tonnen schwer, 50 Meter lang, 3,80 Meter hoch und 3,50 Meter breit ist wie ein überdimensioniertes Streichholz von einem Kran 14 Meter hoch in die Luft gehoben und mit Seilen von beiden Seiten an die passende Stelle bugsiert worden. Kranfahrer, Monteure und Zimmerleute atmen durch, der Bauherr und seine Familie nicken anerkennend. Der sogenannte Dachanbinder aus hochwertiger Fichte ist eines von zehn Teilen, die das 12 000 Quadratmeter große Dach der Schwimmhalle Rulantica tragen werden.

Rulantica ist ein Märchen. Was in der Oberrheinebene in Rust im Ortenaukreis reale Gestalt annimmt, ist nicht einfach nur ein riesiges Schwimmbad. Seit mehr als 20 Jahren basteln die Brüder Roland und Jürgen Mack, die Herren des Europa-Parks – der größte deutsche Freizeitpark mit jährlich fünfeinhalb Millionen Besuchern – an einer neuen Attraktion. 2016 war Baubeginn, Ende 2019 soll die Wasserwelt auf 45 Hektar Gelände zwischen der Gemeinde Rust und der Autobahn 5 fertig sein. Das werde kein Spaßbad und kein Wellnessbad, sondern "eine Erlebniswelt" auf 20.000 Quadratmetern sein, betont der "Herr der Achterbahnen". So lautet der Titel eines Buches über Roland Mack. "Es wird sozusagen eine Achterbahn auf Wasser." Die Besucher werden in acht Themenbereichen auf 17 Bahnen durch künstliche Tropfsteinhöhlen und Gletscher schwimmen oder rutschen.

Von 16 auf 95 Hektar und jetzt noch einmal 45 Hektar für Rulantica – ist das nicht eine zu große Nummer für eine Gemeinde, die 4000 Einwohner zählt, was an guten Besuchstagen um das Elffache übertroffen wird? "Die Grenze ist erreicht", findet Elke Ringwald, Gemeinderätin der Fraktion "Aktive Bürger für Rust". Der Ort im Schatten des Massenbetriebes sei jetzt "umzingelt". Sie und ihre Fraktion hätten es lieber gehabt, wenn die Wasserwelt weiter weg und näher an der Autobahn gebaut worden wäre. Aber sie blieben in der Minderheit.

"Die große Mehrheit in Rust steht zum Park", sagt SPD-Fraktionschef Karl-Heinz Debacher. Seit 30 Jahren sieht er sich als "kritischen Begleiter" der Symbiose des größten Arbeitgebers und Steuerzahlers und der früher armen Gemeinde. "Wir müssen immer dran arbeiten, für beide Seiten das Beste herauszuholen", betont der frisch pensionierte Grund- und Hauptschulrektor.

"Es ist nicht so, dass der Park kommt, und dann wird im Rathaus oder im Gemeinderat alles durchgewunken", versichert Kai-Achim Klare. Der 36-jährige evangelische Sozialdemokrat aus Hannover, Historiker und Politologe, ist seit Februar 2014 Bürgermeister im katholischen Rust. Das Rathaus liegt unmittelbar am Park, man kann die Schreie der Achterbahnfahrer und die Musik der Tanzshows hören. "Ein Gegeneinander würde niemandem nützen", sagt Klare. "Beide Seiten profitieren voneinander."

Die Wasserwelt, die jetzt gebaut wird, ist für den Park ein Zukunftsprojekt, das die Tochter und die Söhne der Brüder Mack maßgeblich mit gestalten. Rulantica soll nicht nur weiteres Publikum anlocken, sondern vor allem die Verweildauer erhöhen. Dafür wird das sechste Hotel gebaut, dessen Name Krønasår zu einer Erzählung gehört, wie sich Michael Kreft von Byern, Beauftragter der Geschäftsführung, ausdrückt. "Keine Südseestory unter Palmen, sondern eine nordische Sage über die im Nordmeer untergegangene Insel Rulantica."

Längst nicht alle Parkbesucher übernachten aber in den Hotels der Familie Mack. In Rust – und in den angrenzenden Gemeinden – sagt man: Wer eine Besenkammer leer stehen lässt, ist selber schuld. Margita Rein, die Gita genannt wird, und ihr Mann Wolfgang haben keine Besenkammer, sondern ein Gästehaus und bieten neun Zimmer für zwei bis sechs Personen an. Bei ihr wohnen Parkbesucher und die Zimmermänner von der Rulantica-Baustelle. "Der Park lebt von Rust und Rust lebt vom Park", sagt Gita Rein. Direkt oder auch indirekt, denn Rust kann es sich etwa leisten, auf Kindergartengebühren zu verzichten und Schülern das Busgeld für Fahrten zur Schule zu bezahlen.

"Wir sind bei der Planung von Rulantica von Anfang an gut informiert worden", betont Gita Rein. Bei allen Erörterungsterminen war sie dabei. "Die Bürgerbeteiligung war gut und richtig, es konnten auch ein paar Verbesserungen durchgesetzt werden", sagt die Gemeinderätin Elke Ringwald.

"Wir waren am Anfang skeptisch, dass möglicherweise alles zerredet wird", gibt Parkchef Roland Mack zu. Aber im Ergebnis ist der ­68-Jährige froh, dass bei den Versammlungen alle Themen auf den Tisch gekommen sind. Und auch geklärt wurden. "Jemand hat gefragt, ob dann noch genug Wasser zum Duschen da ist", erzählt Roland Mack. Aber das war das geringste Problem, erinnert sich der Bürgermeister.

Bezahlbarer Wohnraum für Ortsansässige knapp

Die Rulantica-Planer hätten sehr schnell und überzeugend darstellen können, dass die Wasserwelt weit weniger Wasser verbraucht als angenommen und dieses auch nicht aus der Trinkwasserleitung der Kommune abzapft, sondern aus einem eigens angelegten neuen Brunnen. Zudem werde das Brauchwasser von Rulantica in einem Kreislauf gereinigt und wiederverwendet. Auch ökologische Auflagen würden erfüllt, es gebe zum Beispiel Passagen für Wild und Fledermäuse. Einsprüche und Klagen gab es nach dem Beteiligungsverfahrens keine. "Das heißt nicht, dass alle Probleme gelöst sind", betont Klare. Beispielsweise gibt es laut dem Bürgermeister nicht genug Parkplätze für Autos. Ein Masterplan ist in Arbeit. "Am besten wäre halt, wenn wir einen Bahnhof hätten", sagt Roland Mack, "oder einen besser ausgestatteten Bahnhof mit ICE-Halt in Ringsheim." Das ist die Gemeinde jenseits der Autobahn. "Aber da tut sich nichts, weder bei der Bahn, noch bei der Politik."

Der Übernachtungsboom hat zudem auch Investoren von auswärts angelockt, bezahlbarer Wohnraum für Ortsansässige ist knapp – auch für Angestellte des EuropaParks. Ferienwohnungen in Neubaugebieten werde es deshalb vorerst keine mehr geben, sagt der Bürgermeister. Und die Gemeinde will auch im Bestand nur maximal 40 Prozent der Wohnfläche als Ferienwohnung genehmigen.

Den fehlenden Wohnraum bekommen freilich auch die 3700 Angestellten des EuropaParks zu spüren. Wenn das Hotel und die Wasserwelt 2019 fertig sind, kommen 500 neue Mitarbeiter hinzu. Deshalb will der Europa-Park jetzt auf eigene Faust reagieren und eine Wohnsiedlung für rund 300 Mitarbeiter bauen. Mit Kindergarten und Tiefgarage. Der Gemeinderat hat bereits zugestimmt.