Dirigent Steffen Jäger (Mitte) und seine Musiker erhielten von den Besuchern langanhaltenden Applaus. Foto: Schillinger-Teschner

Bei ihrem Konzert zum 200-Jährigen beeindruckte die Kapelle Grafenhausen mit einer anspruchsvollen Darbietung. So wurde etwa auch ein Blackout für die Gäste eindrücklich erfahrbar.

„Chronologisch rückwärts in der Zeit wollen wir Sie auf eine Erinnerungsreise mitnehmen. Beginnen werden wir in unserer nicht all zu weit zurückliegenden Vergangenheit“, versprachen die Moderatoren des Abends Helena Sauter und Raphael Hägle. Mit der kraftvollen Eröffnungsfanfare „Rise of the Firebird“ nahmen die in festliches Schwarz gekleideten Akteure die 400 Konzertbesucher mit auf die erste Etappe einer geschichtlichen Reise, die sich musikalisch der Thematik „Freiheit durch Widerstand“ widmete. Mit „Wendepunkte 1-9-8-9“ erklang eine dramatische Rhapsodie, die von der Unzufriedenheit der in der DDR lebenden Menschen zeugte, sich bis zur friedlichen Revolution steigerte und mit versöhnlichen Klängen zur daraus resultierenden Grenzöffnung und Wiedervereinigung den Spannungsbogen musikalisch auflöste.

 

„Today is the Gift“ rief Erinnerungen an die Bürgerrechtsbewegung der frühen 1960er-Jahre in den USA wach. Martin Luther King mit seiner unvergessenen Rede „I have a dream“ war eine der großen Leitfiguren im Kampf gegen Diskriminierung und Ungleichbehandlung.

Für das 1918 veröffentlichte Antikriegslied „Zogen einst fünf wilde Schwäne“ wurde die Musikkapelle durch ein vokalistisches Quartett ergänzt. Franziska Braunstein, Laura Stork, Fabian Zepf und Manuel Oesterle, alle von der Hochschule Freiburg, sorgten mit dem mehrstimmig vorgetragenen Kanon für Gänsehautmomente.

Auch die Badische Revolution ist Thema

Als links und rechts der Bühne Tambourmajore Aufstellung nahmen und rhythmisch ihre Trommeln schlugen, war dies der Auftakt, der Badischen Revolution von 1848 zu gedenken. Ein regionaler Aufstand mit großer Wirkung, in welchem Presse-, Gewissens- und Lehrfreiheit gefordert wurden und an der der Grafenhausener „Engel Wirt“ beteiligt war. Kapelle und Vokalensemble ließen kraftvoll das „Heckerlied“ erklingen. „Die Gedanken sind frei“ setzte der ersten Etappe der Zeitreise einen würdigen Schlusspunkt.

Block zwei katapultierte die Zuhörer in die eigene Kindheit zurück und würdigte die Helden dieser Zeit in drei Medleys: „Die Unglaublichen“, „Das Dschungelbuch“ und „Die Eiskönigin“.

Illusion eines durchrauschenden Zugs

„Meilensteine der Menschheit“ wurden im dritten Akt des Jubiläumskonzertes aufgezeigt. Die Musikstücke waren allesamt von Steffen Jäger „freestyle“ erarbeitet und arrangiert worden und verlangten von Dirigent und Orchester nochmals das volle Können. Das Rattern und „tschtschtsch“ der Schienen bei gleichmäßiger Fahrt, das Kurvenquietschen, das Hupen und Pfeifen des Signalhorns erschloss sich dem Ohr des Zuhörer bei „The Locomotive Chase“. Bei geschlossenen Augen ließ das Stück die Illusion eines durchrauschenden Zuges entstehen.

Mit der Frage „Wie hört sich Elektrizität, wie ein Blackout an?“ setzte sich das nächste Musikstück auseinander. Von der Bühne dringen instrumental erzeugte Geräusche, die an niederfrequentes Brummen erinnern, in den Festsaal. Es zischelt, elektrische Spannung entlädt sich mit einen kurzen trockenen Schlag. Plötzlich ist es still ... und dunkel. Den Blackout geben die Musiker mit Klagelauten, vereinzelten Lichtblitzen wieder. Mit Taschenlampen bewaffnet machen sich die Akteure auf die Suche nach der Ursache des Stromausfalls und gehen, begleitet von laut werdenden Dissonanzen, durch die Reihen der Zuhörer. Dann wird es schlagartig wieder hell, alle finden sich wieder an ihren Plätzen ein und das Stück wird zu Ende gespielt.

Bild und Ton mussten synchron laufen

Um die Industrialisierung wiederzugeben, wurde das „Schlagregister“ der Musikkapelle aufgestockt und im hinteren Bühnenbereich zu einer „Produktionsstraße“ aufgebaut. Das Musikstück „Foundry“ klingt wie eine Werkhalle der Industrialisierung, klingt wie Metall auf Metall, klingt wie Hammer auf Amboss.

Ein weiterer Meilenstein der Menschheit ist die Erfindung des Films. Die Bilder lernten Ende des 19. Jahrhunderts zunächst laufen. Spezielle Kino-Orchester unterlegten die Bilder mit zur Handlung passender Musik. Für den Buster Keaton Stummfilm „Cops“ hat Steffen Jäger genau das getan – den passenden Kino-Orchester-Sound geschaffen. Da die Musiker den im Hintergrund ablaufenden Stummfilm nicht sehen konnten, war eine präzise Kommunikation mit dem Dirigenten unerlässlich, damit Ton und Bild synchron liefen. Auch diese anspruchsvolle Aufgabe meisterten Dirigent und Kapelle vorzüglich.

Minutenlanger Applaus und zwei Zugaben

Die Musikkapelle Grafenhausen mit ihrem Dirigenten Steffen Jäger haben unter Beweis gestellt, dass anspruchsvolle und unterhaltsame Musikdarbietungen sich nicht gegenseitig ausschließen und ernteten für ihren virtuosen Auftritt minutenlange Standing Ovations.

Als Zugabe wurde zunächst die Stummfilmvertonung erneut gespielt. Als die Zugabe-Rufe immer noch nicht verstummen wollten, fanden sich Kapelle und Vokalensemble nochmals auf der Bühne ein, um gemeinsam den Simon & Garfunkel Song „The Sound of Silence“ zu singen.

Freude über Vereinsehrungen (von links) zeigten: Foto: Schillinger-Teschner

„Musik ist ein verbindendes Element zwischen den Menschen und der Gemeinde. Sie verleiht Veranstaltungen Glanz. Das heutige Konzert hat diese These erneut bewahrheitet“, sagte Bürgermeister Philipp Klotz. Gabriele Hertweck bedankte sich bei allen Aktiven vor und hinter der Bühne. „Die größte Bühne ist nichts wert, wenn kein Publikum davor sitzt“, richtete sie Dankesworte an die so zahlreich erscheinen Gäste des Konzertes.

Ehrungen

Die Verbandsehrung
für 50 Jahre in der Musikkapelle erhielt Oskar Bär durch den Blasmusik-Verbandsvorsitzenden Bruno Löffler.

50 Jahre:
 Bernhard Köbele 50 Jahre aktiv am Flügelhorn, Notenwart, Schriftführer

40 Jahre:
Frank Steuer, aktiv am Tenorhorn, Notenwart, Beisitzer, zur Zeit Rechner und wirtschaftlicher Vorstand