Ettenheims Bürgermeister Bruno Metz und Wilchowezkas Gemeindevorsteher Mykhailo Tsiryk haben eine Solidaritätspartnerschaft unterzeichnet. Der Morgenstern war ein Mitbringsel von Mykhailo Tsiryk für Ettenheim. Foto: Decoux

Die erste persönliche Begegnung zwischen Vertretern von Wilchowezka in der Ukraine und Ettenheim war von einer familiären, freundschaftlichen Atmosphäre geprägt.

Der Ettenheimer Gemeinderat hat eine deutsch-ukrainische Solidaritätspartnerschaft mit einer ukrainischen Gemeinde beschlossen, so wie es Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier angeregt hatte. Über die Servicestelle Kommunen in der einen Welt (SKEW) kam es schließlich zum Kontakt zwischen der Rohanstadt und der westukrainischen Stadt Wilchowezka (auch Vilkhovetska oder Vilkhivtsi), die als einen primären Bedarf zur Stärkung der Infrastruktur ein Feuerwehrauto benannte. Dieses wurde mit Hilfe der Ettenheimer Feuerwehr bestellt und über ein Bundes-Förderprogramm von Ettenheim mitfinanziert.

 

Gemeinde ist aktuell vom Kriegsgeschehen verschont, leidet trotzdem

Am Sonntagabend nun stand das Fahrzeug im Scheinwerferlicht auf dem Hof des August-Ruf-Bildungszentrums. Aus gutem Grund, war doch am Wochenende eine kleine Delegation aus Wilchowezka um Gemeindevorsteher Mykhailo Tsiryk bei einem Zwischenstopp nach Leipzig – dort findet von Montag bis Mittwoch eine deutsch-ukrainische kommunale Partnerschaftskonferenz statt – zu Gast in Ettenheim. Tagsüber hatte Ettenheims Bürgermeister Bruno Metz der vierköpfigen Delegation aus Wilchowezka einige Sehenswürdigkeiten der Rohanstadt gezeigt. Beim abendlichen Empfang mit dabei: neben Lioba Metz, Tsiryks Ehefrau Vira, Ettenheims Hauptamtsleiterin Julia Zehnle (sie zeichnet in Ettenheim für diesen Themenbereich verantwortlich), ihre ukrainische Kollegin Emilia Krichfalushii sowie deren Schwester Jana als Dolmetscherin. Ebenfalls eingeladen waren die Sprecher der vier im Gemeinderat vertretenen Fraktionen jeweils mit Ehepartner, Feuerwehrkommandant Jürgen Rauer sowie als weitere Dolmetscherin Julia Wangler, gebürtige Ukrainerin, die seit 24 Jahren in Ettenheim-Münchweier lebt und verheiratet ist.

Neben der symbolischen Übergabe des Feuerwehrautos (es wird von Ettenheim ins knapp 1500 Kilometer entfernte Wilchowezka überliefert) stand auch die Unterzeichnung der beschlossenen Solidaritätspartnerschaft mit der zwar aktuell vom Kriegsgeschehen verschonten, infrastrukturell jedoch in Mitleidenschaft gezogenen Gemeinde mit ihren 13 500 Einwohnern an.

Hilfe für ein Land, das „tapfer für die Demokratie in ganz Europa kämpft“

Natürlich sei der Anlass für diese Solidaritätsgemeinschaft mit dem Krieg kein erfreulicher, so Metz beim kleinen Empfang in der Mensa des August-Ruf-Bildungszentrums. Es sei Ettenheim indes ein großes Bedürfnis, mit der finanziellen Unterstützung beim Ausbau der Infrastruktur einem Land zu helfen, das tapfer nicht nur für das eigene Land, sondern für die Demokratie in ganz Europa kämpfe. „Helfen, nicht nur mit Worten, sondern auch im Tun“, so Metz. Das persönliche Kennenlernen diene sicherlich einer angestrebten, langjährigen Partnerschaft zwischen beiden Kommunen.

Gemeindevorsteher Tsiryk dankte für die Hilfe, die seiner Gemeinde und dem ganzen Land zuteil werde. „Es blutet das Herz“ beim Anblick des Kriegsleids erklärt er. Die Hilfe für die Ukraine komme nicht nur den einzelnen Gemeinden und der ganzen Ukraine, sondern letztendlich ganz Europa, dem Kampf für Demokratie zugute. „Wir würden gerne zur Europäischen Union gehören“, so Tsiryk, der versicherte, man werde „alles tun, um die aktuelle Situation zu beenden“. Unterstützung, wie sie sein Land aus der ganzen Welt, aus Europa, aus Ettenheim erfahre, wecke bei den Menschen in der Ukraine die Zuversicht auf eine bessere Zukunft. Russland sei der Ukraine natürlich nicht nur bevölkerungszahlenmäßig überlegen, sondern auch im Bereich des technischen Knowhows.

Das neue Feuerwehrauto für Wilchowezka wurde in Ettenheim getestet. Foto: Decoux

Vor dem Austausch von Gastgeschenken, typischen Produkten aus der jeweiligen Region, bestiegen dann beide Bürgermeister unter dem Beifall der Anwesenden das Feuerwehrauto, das nun in Vilkhivtsi dem Aufbau einer Freiwilligen Feuerwehr dient, ehe sie die Solidaritätsurkunde nach dem Wortlaut des BMZ unterzeichneten.

Beim anschließenden Umtrunk wurde Wissenswertes über aktuelle Situation, geografische Lage, Geschichte, Infrastruktur und wirtschaftliche Schwerpunkte beider Partnerstädte ausgetauscht. So erfuhr man unter anderem, dass aus der ukrainischen Stadt, die jeweils etwa 100 bis 150 Kilometer von den Grenzen zu Ungarn, Rumänien oder der Slowakei entfernt liegt, derzeit etwa 25 Männer an der Kriegsfront im Einsatz, viele andere indes beruflich in Kriegszusammenhänge involviert sind. Berührend auch die Mitteilung von Emilia Krichfalushii, dass sie wie viele andere Ukrainer auch Verwandte in Russland habe – dass Putins Krieg keine Rücksicht auf familiäre Banden nimmt.

Absichtserklärung

 In ihrer „Absichtserklärung“ erklären die beiden Gemeinden die Bedeutung der internationalen Zusammenarbeit bei der Bewältigung gemeinsamer Herausforderungen - aus der Überzeugung heraus, dass eine gemeinsame Arbeit die freundschaftlichen Beziehungen stärke, zur Überwindung der Kriegsfolgen sowie zur Entwicklung von Bildung, Kultur, Sport, Medizin, Umweltschutz und erneuerbaren Energien beitrage. Die Stärkung des Friedens und die Bewältigung der Folgen des Krieges werden in der Absichtserklärung als Hauptaufgaben der gemeinsamen Arbeit genannt. Mit der Unterzeichnung verpflichten sich die Kommunen, Erfahrungen und bewährte Praktiken im Wiederaufbau betroffener Gebiete auszutauschen und zur Erhaltung und Restaurierung von Kulturstätten und historischen Objekten beizutragen. In der Absichtserklärung wird die Bedeutung von Bildung, Sport, Kultur, Medizin, Umweltschutz und erneuerbarer Energie ausgeführt und die Verpflichtung formuliert, „aktiv an der Umsetzung dieser Ideen und Pläne zu arbeiten und dadurch zur erfolgreichen Entwicklung beide Kommunen beizutragen.“