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Oberwolfach Die Macht des Servietten-Algorithmus

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Feiern das 75-jährige Bestehen des MFO (von links): Jean-Pierre Bourguignon, Leiter Gerhard Huisken, Wissenschaftsministerin Theresia Bauer und Staatssekretär Michael Meister. Foto: Dorn Foto: Schwarzwälder Bote

Für das 75-jährige Jubiläum des Mathematischen Forschungsinstituts Oberwolfach (MFO) haben sich kürzlich knapp 70 Festgäste versammelt. Zwischen den Grußworten setzte das Klarinettenquartett "Clarisonos" musikalische Akzente.

Oberwolfach. Nach der Begrüßung durch Direktor Gerhard Huisken trat als erste die baden-württembergische Wissenschaftsministerin ans Rednerpult. Im besten Wissenschaftsenglisch definierte Theresia Bauer Oberwolfach als den Ort, wo mathematische Forschung beginnt und wo in den kommenden Jahren den Herausforderungen im globalen Wettbewerb um die kreative Köpfe und die besten Ideen angenommen werden müssten. In enger Kooperation mit Frankreich – Bauer begrüßte als Ehrengast den französischen Mathematiker Jean-Pierre Bourguignon, der von 1994 bis 2001 im wissenschaftlichen Beirat des MFO tätig war – und den europäischen Partnern dürfe das MFO nicht nachlassen, junge Forscher erfolgreich auf den Weg zu bringen.

Vom Bundesministerium für Bildung und Forschung war der Parlamentarische Staatssekretär Michael Meister angereist. Meister gestand, dass sich die Reise nach Oberwolfach wie Urlaub anfühle, ein Umstand, der wohl Teil des Erfolgsrezepts des MFO sei. Abgeschieden im mittleren Schwarzwald und "munitioniert" mit einer 24 Stunden pro Tag zugänglichen wissenschaftlichen Bibliothek, die zu den weltweit Besten ihrer Art zählt, befänden sich die Forscher in einer "Denkfabrik" von Weltruf, der eine Schlüsselrolle in der Welt von Morgen zukäme und die dank der Aufnahme in die Leibniz-Gemeinschaft 2005 finanziell auf stabilen Füßen stünde. Mit der Generalsanierung 2010 habe sich der Bund über die Leibniz-Gemeinschaft stark finanziell engagiert und werde dies auch weiterhin tun. Für die Leibniz-Gemeinschaft nahm Albert Sickmann diesen Ball gerne auf.

Weiterer Geburtstag an diesem Tag

Neben dem 75-jährigen des MFO wurde an dem Tag auch noch der 60. Geburtstag der "Gesellschaft für Mathematische Forschung" gefeiert. Diese wurde 1959 aus der Taufe gehoben, um den Standort noch besser im Wissenschaftsbetrieb der jungen Bundesrepublik zu vernetzen und so die "Notlösung" aus dem Jahr 1944 (Oberwolfach als von den Nazis vor den Alliierten gut verstecktes Forschungszentrum) zu etablieren. Dank der Weitsicht der französischen und englischen Kriegsgegner wurde der Fortbestand unter Gründungsdirektor Wilhelm Süß gesichert und mit dem Engagement der Volkswagen-Stiftung in den 60er-Jahren, der üppigen staatlichen Forschungsförderung in den 70er-Jahren und dem Einstieg der Klaus-Tschira-Stiftung im Jahr 2006 wurde das MFO kontinuierlich erweitert und modernisiert. Aus der Kooperation mit der Oberwolfach-Stiftung resultiert das gemeinsame Projekt des "MiMa-Museums" und das "Imaginary-Projekt", das sich vom Geburtsort MiMa inzwischen zu einer Plattform für interaktive Mathematik-Vermittlung weiterentwickelt hat.

Wilhelm Krull und Beate Spiegel überbrachten für die Volkswagen- beziehungsweise Klaus-Tschira-Stiftung die Geburtstagsgrüße. Dazu kokettierte Krull mit dem "Institute of Advanced Studies" in Princeton, das für die Volkswagen-Stiftung als Vorbild für das MFO diente und stellte fest, dass sich das Institut viel besser entwickelt hatte als es die Planungen in den 60er-Jahren je vorgesehen hatten.

Für die Oberwolfach-Stiftung bemühte Ursula Gather Methoden der klassischen mathematischen Beweisführung und stellte fest, dass nach sieben Vorrednern heute nicht etwas Unwichtiges gefeiert würde und überreichte als Geschenk für den Jubilar 20 zusätzliche Reisestipendien für Mathematiker aus Ländern, aus denen aus finanziellen Gründen bislang nur selten junge Forscher der Einladung nach Oberwolfach folgen konnten.

Cédric Villani überbrachte aus Paris seine Laudatio per Video-Botschaft, darin hielt der hochdekorierte Wissenschaftler mit seiner Begeisterung für das MFO nicht hinter dem Berg und fügte der bis dahin schon umfangreichen Sammlung von Superlativen noch einige weitere hinzu und rief die Anwesenden auf, diesen "magischen Ort" zu feiern, zu bewahren und weiterzuentwickeln.

Ein mystischer Ort im Schwarzwald

Zum Abschluss erinnerte sich Stefan Müller von der Universität Bonn an seine Studentenzeit, in der auf den Gängen von Oberwolfach als einem mystischen Ort im Schwarzwald geraunt wurde, den zu besuchen akademischen Weihen gleich käme. Selbstgebackene Kuchen, der geheime "Servietten-Algorithmus", der einem zu jeder Mahlzeit neue Gesprächspartner generierte, der für die 80er-Jahre unvorstellbare 24-stündige Zugang zur Bibliothek und die Wanderung am Mittwochnachmittag nach St. Roman – ein Pflichttermin, für den die Tagungsleitung nur aus guten Gründen einen Dispens aussprach. Als ein solcher wurde dem Italiener Alessio Figalli die Eingebung des Beweises zur Theorie des optimalen Transports anerkannt, für die er 2018 ebenfalls die Fields-Medaille zuerkannt wurde.

Für knapp zwei Drittel der Preisträger der "Fields-Medaille" ist ein Forschungsaufenthalt am MFO belegt, zuletzt beim 35-jährigen Italiener Alessio Figalli 2018. Die "Fields-Medaille" wird auch als der Nobel-Preis der Mathematik bezeichnet, wobei die Kriterien viel enger gefasst sind, wird sie doch nur alle vier Jahre vergeben und die Preisträger dürfen höchstens 40 Jahre alt sein.

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