Die Anteilnahme nach den tödlichen Schüssen an der Waldbachschule war in den Tagen nach der Tat groß. Die Schule hat den Betrieb unter Begleitung von Psychologen wieder aufgenommen und versucht, langsam zur Normalität zurückzufinden. Foto: Armbruster

Eine Mitteilung der südbadischen und Ortenauer Lehrergewerkschaft GEW zum tödlichen Vorfall an der Waldbachschule hat am Donnerstag für Wirbel gesorgt. Deutlich schwingen darin Vorwürfe an die Bildungspolitik mit – Stuttgart reagiert empört.

Eine Woche nach den tödlichen Schüssen auf einen 15-Jährigen in Offenburg läuft die Aufarbeitung des schrecklichen Vorfalls. In die erste Ruhe nach den Ereignissen platzte am Donnerstag ein Vorstoß der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) Bezirk Südbaden und Kreis Ortenau.

 

Die Verfasser einer gemeinsamen Mitteilung nehmen die Tat zum Anlass, den Zustand an den Schulen in Baden-Württemberg zu kritisieren.

Mehr Lehrkräfte und Betreuer, bessere Qualifizierung, mehr Investitionen – es dränge sich die Frage auf, heißt es in der Mitteilung, „was noch passieren muss, bevor die bereits seit über einem Jahrzehnt politisch getätigten Zukunftsversprechen endlich umgesetzt werden“. Ob die Tat hätte verhindert werden können, bleibe freilich Spekulation, so die Verfasser.

Gewerkschaft fordert mehr Personal an allen Stellen

Einer von ihnen ist Matthias Biegert, Vorsitzender der GEW Ortenau. „Ich bin der Meinung, dass wir solche Fälle nicht verhindern werden können“, erklärt er auf Nachfrage unserer Redaktion. „Aber wenn wir das richtige Personal hätten, könnten wir uns dem Individuum widmen.“ Natürlich schwinge dabei auch mit, solche Vorfälle künftig womöglich auch verhindern zu können, gesteht er.

Das Schulsystem sei derzeit chronisch unterbesetzt, Lehrkräfte mit Schülern mit besonderem Bedarf oft überfordert – viele Lehrer seien an der Belastungsgrenze. „Wir beklagen uns seit 15, 20 Jahren über den Fachkräftemangel“, betont Biegert. Die in Aussicht gestellte „Einrichtung multiprofessioneller Teams, eine Erhöhung des Personalschlüssels, die Schaffung neuer Stellen auf allen Ebenen und die Ausweitung von präventiven Fortbildungsangeboten über alle Schularten hinweg“ seien bislang jedoch größtenteils ausgeblieben.

Der Frust bei der Gewerkschaft ist groß: Seit Jahren stehe die GEW der Politik „als konstruktiver Gesprächspartner“ zur Verfügung. „Gehört fühlen wir uns jedoch leider selten, gerade auch dann, wenn die Behauptung im Raum steht, dass alle Veränderungen im Bildungsbereich ohne weitere finanzielle Mittel vollzogen werden müssen“, so die Mitteilung vom Donnerstag.

Kultusministerium spricht von Instrumentalisierung

In Stuttgart stößt der Vorstoß der südbadischen GEW derweil auf völliges Unverständnis. „Ein Instrumentalisieren dieses furchtbaren Ereignisses verbietet sich und ist geschmacklos“, kommentiert Jochen Schönmann, Pressesprecher des Kultusministeriums, auf Anfrage unserer Redaktion.

Matthias Schneider, Landesgeschäftsführer und Sprecher der GEW Baden-Württemberg, stellt sich derweil inhaltlich hinter seine südbadischen Kollegen: „Die Sachen die da drinstehen sind nicht falsch“, kommentierte er die Mitteilung. Dass es etwa bei Schulpsychologie und Schulsozialarbeit im Südwesten ein großes Defizit gebe, „wissen wir seit Langem“.

Landes-GEW verzichtet zunächst „konkrete Konsequenzen“ zu ziehen

Die Landes-GEW habe allerdings zunächst bewusst darauf verzichtet, konkrete Konsequenzen aus der Tat in Offenburg zu ziehen. „Jetzt muss man erst mal genau untersuchen, wie es zu dem schrecklichen Vorfall kam“, so Schneider. In der GEW sei der Kreisvorstand allerdings „eine autonome Einheit“.

Es sei schwer, die richtigen Worte zu finden und „auch die Frage, ob diese Mitteilung angebracht ist, beschäftigt uns sehr“, heißt es in der Mitteilung der südbadischen Lehrergewerkschaft. Angesprochen auf womöglich mangelnde Sensibilität im Umgang mit den Ereignissen an der Waldbachschule, erklärte GEW-Kreisvorsitzender Biegert: „Das mag man mir gern unterstellen. Wenn das Ende vom Lied ist, dass wir Gehör finden und gesellschaftliches Verständnis aufkommt, nehme ich den Schwarzen Peter gerne in Kauf.“

Ermittlungen laufen

Der 15 Jahre alte Tatverdächtige soll vergangene Woche Donnerstag einen Gleichaltrigen in der Klasse der sonderpädagogischen Waldbachschule erschossen haben. Er sitzt seither wegen des Verdachts auf Totschlag in Untersuchungshaft. Die Tatwaffe stammt offenbar aus dem häuslichen Umfeld. Auch gegen die Eltern wird ermittelt.