Der Überfall Russlands auf die Ukraine am 24. Februar 2022 sorgte weltweit für Entsetzen. Seither ist viel passiert – auch in Lahr. Die LZ-Redaktion blickt darauf, wie Menschen aus der Ukraine in der Stadt geholfen wird – und wo es noch Probleme gibt.
In der Ukraine sind in den vergangenen zwölf Monaten zahlreiche Soldaten und Zivilisten gestorben. Wie viele es sind, kann niemand sagen. Das Leid ist groß – doch auch die Solidarität im Ausland. In Lahr hat das Elend in der Ukraine kaum einen kalt gelassen.
Die Privatinitiative: Pirmin Styrnol kann sich noch gut an den 24. Februar 2022 erinnern. Er saß daheim vor dem Fernseher und habe „völlig fassungslos“ die Bilder des Krieges in der Ukraine gesehen, wie er im Gespräch mit unserer Redaktion erzählt. Der Journalist sowie Inhaber eines Film- und Tonstudios in Lahr hat viele private Kontakte in das Land – auch seine Freundin Anzhelika Kovalenko ist Ukrainerin. Für sie beide habe sofort festgestanden, dass sie angesichts des Leids im Kriegsgebiet nicht untätig bleiben werden, sagt Styrnol. Gemeinsam mit Jan Alvarez, Nicolai Hoch und Mike Gruenwald rief er die Initiative „Lahr hilft“ ins Leben, aus der später der gemeinnützige Verein „Gemeinsam Europa“ wurde.
Auf die Hilfsbereitschaft der Lahrer habe man von Anfang an zählen können, die Kartons mit Sachspenden hätten sich regelrecht gestapelt, freut sich Styrnol. In den vergangenen zwölf Monaten habe man rund 140 Hilfstransporte in die Ukraine mit insgesamt etwa 350 Tonnen an Hilfsgütern organisiert – und die Transporte laufen unvermindert weiter. Der nächste ist für den 10. März geplant. Aber man werde auch schon vorher aufbrechen, falls genügend Spenden zusammenkommen, so Styrnol. Seine Mitstreiter und er wollen weitermachen, solange ihre Hilfe in der Ukraine gebraucht wird – obwohl das Ganze viel Kraft kostet. „Ich bin todmüde“, sagt Styrnol. Vor allem das Planen der Transporte sei sehr aufwendig.
Dafür habe man aber auch die Gewissheit, dass die Spenden dort ankommen, wo sie benötigt werden. Kleiderspenden nehmen die Helfer von „Gemeinsam Europa“ dabei nicht mehr an. Gebraucht werden in der Ukraine heute vor allem Medikamente, Generatoren, Hygieneartikel und Babysachen. Man könne weiter auf die Hilfsbereitschaft der Lahrer zählen, freut sich Styrnol.
Die Flüchtlinge: Schon kurz nach dem 24. Februar 2022 kamen die ersten Ukrainer nach Lahr. Bis zum 20. Februar 2023 waren es insgesamt 1133, wie die Stadt auf Nachfrage mitteilt. 391 von ihnen haben Lahr in der Zwischenzeit wieder verlassen, sind dabei teils auch in die Ukraine zurückgekehrt. Aktuell halten sich laut der Verwaltung 742 Flüchtlinge aus der Ukraine in der Stadt auf. Angesichts dieser großen Zahl habe man zurzeit keine zusätzliche Aufnahmeverpflichtung, heißt es aus dem Rathaus.
Es sind meist Frauen mit Kindern, die in diesen zwölf Monaten gekommen sind. Für sie braucht es Wohnungen, Plätze in Schule und Kindergarten. Und es sind auch bürokratische Aufgaben zu erledigen. Etwa die Anmeldung beim Bürgerbüro, ein Termin bei der Ausländerbehörde zur Registrierung, die Antragstellung auf Leistungen beim Jobcenter oder Sozialamt, der Besuch von Sprachkursen oder die Kinderbetreuung. Doch die Flüchtlinge werden nicht alleingelassen.
Die Ehrenamtler: In Lahr haben sich zahlreiche freiwillige Helfer gefunden, nicht nur im Verein „Gemeinsam Europa“, sondern etwa auch im „Freundeskreis Flüchtlinge Lahr“ oder im städtischen Dolmetscherpool. Darüber hinaus sind verschiedene Vereinigungen, soziale Einrichtungen und Behörden in der Beratung und Betreuung von Flüchtlingen engagiert. Außerdem hat die Verwaltung eine Koordinierungsgruppe für die Ukraine-Hilfe eingerichtet (siehe Info).
Die Wohnungssituation: Fast alle Flüchtlinge aus der Ukraine sind in Lahr in Privatwohnungen untergekommen. In städtischen Unterkünften halten sich zurzeit keine Ukrainer auf, bestätigt die Stadt. Man habe auch nur vereinzelt und vorübergehend Wohnungen für Flüchtlinge aus der Ukraine anmieten müssen, heißt es aus dem Rathaus. Der Wohnungsmarkt ist freilich sehr eng in Lahr. Deshalb führt die städtische Koordinierungsgruppe eine Datenbank für privaten Wohnraum und stellt den Kontakt zwischen Wohnungssuchenden und Vermietern her. Allerdings seien die Wohnraumangebote in den vergangenen Monaten „stark zurückgegangen“, bedauert die Stadt.
Die Probleme: Die größte Schwierigkeit besteht darin, alle Ukrainer unterzubringen, die vor dem Krieg in ihrer Heimat geflüchtet sind, aber auch Neuankömmlinge aus anderen Ländern. „Die Stadt Lahr bewegt sich an der Belastungsgrenze, was die Aufnahme, Unterbringung und Integration von geflüchteten Menschen anbelangt. Wir sind mit unseren Möglichkeiten ausgereizt“, sagt der Erste Bürgermeister Guido Schöneboom. Trotz der Besetzung zweier zusätzlicher Halbtagsstellen mit ukrainisch sprechenden Mitarbeiterinnen stoße die Ausländerbehörde aufgrund der aufwendigen Verfahren in der aktuellen Situation an ihre Kapazitätsgrenzen.
Auch wenn fast alle Menschen aus der Ukraine privat untergekommen seien, fehle es insgesamt an geeignetem und finanzierbarem Wohnraum für Flüchtlinge, heißt es aus dem Rathaus. Darüber hinaus wirke sich der hohe Zuzug von Flüchtlingen auf die städtische Infrastruktur insgesamt aus. So habe man in Lahr aktuell keine freien Betreuungsplätze für Kleinkinder. Bei Sprach- und Integrationskursen, für die sowohl Räumlichkeiten als auch Dozenten fehlen, sei die Warteliste lang. 178 Flüchtlinge aus der Ukraine (Stand Mitte Dezember 2022) haben sich außerdem bei der Lahrer Tafel angemeldet, die einen Aufnahmestopp verhängt hat.
Die Schulen: Viele Kinder aus der Ukraine besuchen Lahrer Schulen – keine leichte Situation für sie, schließlich beherrschen sie die Sprache nicht, zumindest am Anfang. Auch für die Lehrer ist das dann eine Herausforderung, wie zu hören ist. Für Schüler aus der Ukraine biete die Schule indes eine Tagesstruktur und die Gelegenheit, mit Gleichaltrigen in Kontakt zu treten, hebt die Stadt hervor.
Kurz nach Ankunft der ersten Flüchtlinge aus der Ukraine habe es speziell in Schulen „teilweise Konfliktsituationen“ gegeben, räumt die Verwaltung ein, ohne Details zu nennen. Zwischenzeitlich seien aber „keine gravierenden Vorfälle mehr bekannt“.
Der Dank: Die Unterstützung aus der Zivilgesellschaft sei unvermindert hoch, freut sich OB Markus Ibert: „Wir erleben in unserer Stadt nach wie vor eine große Welle der Solidarität und Hilfsbereitschaft. Hierzu tragen Bürgerinnen und Bürger aus der gesamten Gesellschaft bei – ausdrücklich auch Deutsche aus Russland, die seit vielen Jahren in unserer Stadt leben“. Er danke allen, „die sich für die geflüchteten Menschen aus der Ukraine, aber auch aus anderen Staaten in so vorbildlicher Weise engagieren“, so der Rathauschef.