Der Verwaltungsfachmann wurde 2008 in unruhigen Zeiten zum Bürgermeister der Doppelgemeinde gewählt. 16 Jahre hat er die Geschicke der Gemeinde gelenkt. Jetzt wird Paleit seinen Abschied nehmen.
Das neue Pflegeheim, die neue Kita Taubergießen, Tempo 30 in der Grafenhausener Hauptstraße, das Gewerbegebiet Rhinova, das Naturschutzprojekt Wilde Weiden und das gemeinsame Feuerwehrhaus für beide Ortsteile: Das sind nur einige der Projekte, die in 16 Jahren Amtszeit von Jochen Paleit verwirklicht wurden. Im Gespräch mit unserer Redaktion verriet der scheidende Bürgermeister, warum er ohne Wehmut geht, welchen neuen Herausforderungen er sich nun stellt und warum er Kappel-Grafenhausen bei seinem Nachfolger Philipp Klotz in guten Händen sieht.
Herr Paleit, wie geht es Ihnen mit der Entscheidung, nicht mehr zu kandidieren jetzt, wo der Abschied immer näher rückt?
Gut. Es war die richtige Entscheidung – für mich und für die Bürger.
Was waren Ihre Gründe für den Rückzug? Waren 16 Jahre einfach genug?
Ja – und ich muss zugeben, ich freue mich richtig auf meine neue Arbeit in meiner alten Kernkompetenz. Ich werde beim Industrieverband Steine und Erden Leiter der Rohstoffsicherung und des Genehmigungsmanagements.
Was genau machen Sie in dieser neuen Position?
Es ist meine Aufgabe, die heimischen Rohstoffe wie Kies oder Kalk in die Landes- und Regionalplanung zu bringen. So dass diese Rohstoffe auch heimisch abgebaut und für die heimische Industrie zur Verfügung gestellt werden. Also: Ich bemühe mich um regionale Wirtschaftskreisläufe und um regionale Wertschöpfung. Das ist eine Arbeit, die meinem Profil sehr gerecht wird.
Wo werden Sie tätig sein?
In Ostfildern. Gleichzeitig ist meine neue Position aber mit viel Reisetätigkeit in ganz Baden-Württemberg verbunden.
Also auch ein Stück weit weg von Kappel-Grafenhausen?
Ja, ich aber ich werde erst einmal hier und der Region verbunden bleiben.
Gibt es Orte, die Sie hier besonders vermissen werde?
Na klar, aber ich bin ja nicht weg. Ich werde mich weiterhin freuen, im Taubergießen laufen zu gehen. Und ich freue mich weiter darauf, mit dem Rad durch die Rheinauen zu radeln oder durch die Obstwiesen von Grafenhausen. Von daher ist da keine große Wehmut.
Denken Sie, Sie werden in Ihrer neuen Position das Bürgermeisteramt etwas vermissen?
Mit dem Bürgermeisteramt hatte ich bestimmte Freiheiten und Gestaltungsmöglichkeiten sowie den direkten Austausch mit den Menschen. Das alles hat mir immer Spaß gemacht – das werde ich sicher vermissen.
Was zählt für Sie mit zu den schönsten Momenten, die Sie als Bürgermeister hatten?
Zu sehen, wie Menschen mit ihren Aufgaben wachsen und sich freuen, neue Aufgaben zu übernehmen. Wenn etwa eine Mitarbeiterin zu mir gesagt hat, dass sie eine bestimmte Aufgabe schon immer einmal machen wollte, auf diese hingearbeitet hat und sie diese dann verwirklichen konnte – das hat mich glücklich gemacht.
Gibt es etwas, auf das Sie sich jetzt besonders freuen?
Es gibt keine großen Projekte, auf deren Verwirklichung ich 16 Jahre gewartet hätte. Aber ich freue mich über etwas mehr Zeit fürs Privatleben. Ich möchte aber betonen: Ich fand und finde mein Leben total schön – mit meiner Arbeit als Bürgermeister und hoffentlich auch in Zukunft mit meiner neuen Arbeit. Ein wenig freue ich mich allerdings, nun nicht mehr so in der Öffentlichkeit zu stehen.
Gibt es etwas, dass Sie im Nachhinein anders machen würden?
1000-fach. Aber Beispiele verrate ich Ihnen keine. (lacht). Zusammengefasst kann ich Folgendes sagen: Ich bereue nichts, aber ich würde 1000 Dinge anders machen.
Kappel-Grafenhausen wird dieses Jahr 50. Gehen wir zum Beginn Ihrer Amtszeit zurück: Haben Sie die Doppelgemeinde 2008 eher als einen oder als zwei Orte erlebt?
Ich hatte eine sowohl örtliche als auch politisch gespaltene Gemeinde vorgefunden. Aufgrund der Geschichte meines Vorgängers und der daraus resultierenden Neuwahlen war der Ort zum einen hoch polarisiert und zum anderen vom Ortsteildenken geprägt.
Und würden Sie sagen, das hat sich geändert?
Hundertprozentig. Ich nehme für mich in Anspruch, dass ich die beiden Ortsteile zusammengeführt habe. Ein wesentlicher Grund für die Umkehrung ist, dass – auch unter meiner Führung – die Feuerwehren den Mut dazu hatten, gemeinsam eine neue Wehr im neuen Gerätehaus zu begründen. Das war und ist der Katalysator, dass es kein Ortsteildenken mehr gibt. Weder politisch noch in den Köpfen der Menschen.
Spannend, wenn man sieht, welche große Rolle die Feuerwehr hat…
Ja, absolut. Und das ist das Tolle und das Positive an Kappel-Grafenhausen: dass es so viel Engagement gibt. Das hat Einmaligkeit.
Apropos Engagement: Sie hatten sich in Ihrer Amtszeit unter anderem besonders für die Wilden Weiden engagiert. Fällt es Ihnen schwer, nicht mehr über diese zu wachen?
Tatsächlich hatte ich viele Herzensprojekte. Eines davon war für mich zum Beispiel die angesprochene Zusammenlegung der Feuerwehr. Ein anderes Herzensprojekt war für mich die Rheintalbahn, der öffentliche Nahverkehr. Ein anderes Herzensprojekt ist der Rückhalteraum Elzmündung und damit verbunden ein guter Hochwasserschutz. Ein anderes Herzensprojekt war der Bau neuer Trinkwasserbrunnen. Ein anderes Herzensprojekt war ein gutes Gewerbegebiet. Und ein weiteres war ein guter ökologischer Ausgleich.
Und da kommen dann die Wilden Weiden ins Spiel….
Ja, denn vorher wurde ökologischer Ausgleich immer so gemacht: Mitten im Acker wurde eine Fläche aufgekauft und es wurden dort Obstbäume gepflanzt. So haben wir ganz viel Ackerfläche verloren und unser Bauhof musste diese Obstbäume aufwendig pflegen.
So wurde es für mich zum Herzensprojekt diesen ökologischen Ausgleich für die Baugebiete, Straßen und Ähnliches von den Äckern weg in unseren Wald zu verlegen. So sind die Wilden Weiden entstanden. Dieses Projekt läuft inzwischen zehn Jahre – und zwar hervorragend mit bundesweiter und grenzüberschreitender Anerkennung.
Am Donnerstag war noch eine Gruppe von 30 Franzosen bei mir, die ähnliche Wilden Weiden-Projekte im Elsass realisieren wollen. Und ich kann es jetzt in gute Hände übergeben: in die der Revierleiterin Ronja Schneider. Ich bin darüber von ganzem Herzen froh: Sie wird es gut machen.
Apropos gute Hände: Sehen Sie Kappel-Grafenhausen bei Ihrem Nachfolger Philipp Klotz in guten Händen?
Voll und ganz. Der Wählerwille war sehr eindeutig. Das ist eine gute Voraussetzung, dass er unmittelbar erfolgreich startet.
Gibt es etwas, das Sie selbst noch gerne vor der Übergabe zum Abschluss gebracht hätten?
Nein, ich habe hier alles ganz gut abgearbeitet: meine persönliche Liste – und auch die der Bürgerschaft. Für mich waren die Bürgerbeteiligung, die wir 2019 gemacht haben, und die Aufgabenliste, die dadurch entstanden ist, eine sehr gute und sehr klare Orientierung: Darauf standen unter anderem das Pflegeheim, ein Vollversorger, wie wir ihn jetzt mit dem Edeka haben, eine gute Kinderbetreuung und Tempo 30 für Grafenhausen. Und das haben wir wirklich abgearbeitet – darum bin ich froh.
Haben Sie einen Rat für Ihren Nachfolger?
Nein, gar nicht. Aber wir haben uns in den Vorwochen oft getroffen – auch mit den Amtsleitern und den Bürgermeister-Stellvertretern Heinz Renter und Johannes Lehmann. Ich freue mich, dass ich die Informationen fließend übergeben werden konnte. Das beste Beispiel dafür ist der Haushalt: Ich habe ihn beraten – und Philipp Klotz wird ihn im März beschließen, weil es auch seine Arbeitsgrundlage für 2024 ist.
Haben Sie noch einen Wunsch zum Schluss?
Den Wunsch, dass wir erkennen, dass wir alle in einem demokratischen Gemeinwesen leben. Und dass es lohnenswert ist, sich dafür einbringen und zwar in einer Art und Weise, dass es weiterhin stabile demokratische Strukturen gibt.
Zur Amtszeit
Der Beginn: Jochen Paleit, Jahrgang 1970, ist gebürtiger Osnabrücker und gelernter Verwaltungsfachmann, Ingenieur und Landschaftsarchitekt. Mit 26 Stimmen Vorsprung wurde er am 13. Januar 2008 im zweiten Wahldurchgang zum Bürgermeister Kappel-Grafenhausens gewählt. Insgesamt hatte es vier Kandidaten gegeben. Paleits Amtsvorgänger Armin Klausmann schied nach langen Querelen im neunten Amtsjahr aus dem Bürgermeisteramt aus. 2015 wurde Paleit mit 86 Prozent der Stimmen und bei einer Wahlbeteiligung von 39 Prozent wiedergewählt.