Die Front des Hauses zeigte typischerweise zum Tal und begrüßte den Ankommenden, weiß der wissenschaftliche Leiter des Freilichtmuseums Thomas Hafen. Foto: Reinhard

Küche, Stube, Schlafzimmer, Dachboden – wo sich in den alten Schwarzwaldhöfen welcher Raum befand und was in ihnen zu finden war, war kein Zufall. Jedes Anwesen, auch der Vogtsbauernhof in Gutach, war ökonomisch gut durchdacht. In unserer Sommerserie erklären wir an seinem Beispiel, wie die Höfe aufgebaut waren.

Der 1612 erbaute Vogtsbauernhof, der sich als einziger Hof im Gutacher Freilichtmuseum noch an seinem Originalstandort befindet, steht stellvertretend für den Gutachtäler Haustyp – wobei Thomas Hafen als wissenschaftlicher Leiter des Museums betont: „Den absolut typischen Hof gibt es nicht.“ In so gut wie jedem Haus gebe es Abweichungen und Besonderheiten, weswegen das Wort „normalerweise“ bei der Beschreibung der alten Höfe unabdingbar sei.

 

Lage und Ausrichtung: „Das typische Siedlungsbild im Schwarzwald war der Einzelhof“, sagt Hafen. Dieser wurde aufgrund von Überschwemmungsgefahr im Normalfall nie in der Nähe von Wasser gebaut, zumal das Gelände an einem Bach zumeist hervorragendes Weideland ist, das zugebaut verschwendet gewesen wäre. Die Höfe lagen meistens in der Sommerhalde, also da, wo viel Sonne hin schien. Ein weiterer Faktor für die Wahl der Lage war der Quellhorizont. Das ist die an die Erdoberfläche reichende, wasserstauende Schicht, längs derer mehrere Quellen austreten. „Je näher man an der Quelle ist desto sauberer ist das Wasser“, erklärt Hafen.

Aufbau: Der Vogtsbauernhof wurde auf ein steinernes Fundament gebaut, auf dem ein rundlaufender Schwellenkranz errichtet wurde. „Das Haus ist eigentlich ein großer Holzkasten“, fasst der wissenschaftliche Leiter zusammen. Von zentraler Bedeutung für das Gebäude war der vordere Eckpfosten. Typischerweise war dieser aus Eichenholz, der Rest des Hauses aus Tannenholz. Das komplette Gebäude wurde aus Holz gebaut – bis auf wenige Ausnahmen. So ist die Küchenwand aus Brandschutzgründen aus Stein (siehe Info).

Stuben: In allen Innenräumen sind die Decken maximal zwei Meter hoch. Denn je niedriger der Raum ist, desto weniger Holz muss verwendet werden, um ihn zu heizen. Im Vogtsbauernhof sind mehrere Stuben zu finden, die zusammen mit den daran hängenden Schlafzimmern als Wohneinheiten verwendet wurden. Zeitweise lebten im Vogtsbauernhof drei verschiedene Familien. Die erste Stube rechts neben dem Eingang ist wie im Jahr 1850 eingerichtet. Besonders ist bei ihr ein großer Fenstererker. Da Glas teuer war, spiegelt die großzügige Fensterfront den Wohlstand der Hofbesitzer wieder. Normalerweise wurden Gitterfenster verwendet. Die Gläser wurden einzeln eingelassen, damit man im Schadensfall nicht das ganze Fenster ausgetauscht werden musste. Die Stuben waren meistens der einzige Raum, der beheizt wurde. Ein Kachelofen sorgte für Wärme.

Normalerweise befinden sich die Schlafkammern in der oberen Etage. Da einer der letzten Bewohner des Hofs aufgrund eines Schlaganfalls keine Treppen mehr gehen konnte, sind auch im Untergeschoss Betten zu finden. Foto: Reinhard

Schlafkammern: Von den Stuben führte ein Stiegenkasten in eine Schlafkammer eine Etage höher. Aber auch über eine Treppe vom Korridor aus konnte man zu den Schlafzimmern gelangen. Die Wärme aus dem Wohnbereich sorgte somit auch für angenehme Temperaturen im Schlafzimmer, in dem der Hofbesitzer und seine Frau ruhten. Ihre Kinder schliefen im Babyalter meistens im gleichen Zimmer wie die Eltern. Waren sie älter, galt „schlafen, wo gerade Platz ist“, Kinderzimmer gab es nicht. In den Schlafzimmern befand sich ein Bett mit einem Baldachin, der dafür sorgte, dass der Staub und Heu aus dem Dachboden nicht auf die Schlafenden herabrieselte.

Küche: In der Küche des Vogtsbauernhofs wurde an einem Herd über offenem Feuer gekocht. Im jetzigen Zustand sind dort zwei Herde zu finden, zeitweise waren es sogar drei. Der Rauch zog vom Herd aus nach oben. An der Decke waren Fleisch und Kräuterbündel aufgehängt, die durch den Rauch getrocknet und haltbar gemacht wurden. Durch ein ausgeklügeltes System von Luken zog der Rauch durch das ganze Haus. „So wurde der Holzbock ausgeräuchert und die Luftfeuchtigkeit reguliert“, weiß Hafen. Was gut fürs Haus war, war verheerend für die Bewohner, gerade für die kochenden Frauen. Durch den Rauch ausgelöste Lungen- und Augenkrankheiten waren weit verbreitet.

Im Dachboden gab es eine kleine Kammer für Störhandwerker, also Handwerker wie Schumacher oder Kesselflicker, die auf den Hof kamen, Ausbesserungsarbeiten ausführten (und dabei den normalen Hofalltag störten) Foto:  Reinhard

Dachboden: Auf dem Dachboden wurde Stroh und Heu gelagert. Ersteres wurde für das Dach verwendet, denn das Strohdach musste immer wieder ausgebessert werden. Heu diente als Nahrung für die Tiere. Der Eingang zum Dachboden ist dank der Hanglage ebenerdig befahrbar. Über die sogenannte Fahr wurde das getrocknete Gras über die Tenne auf den Dachboden gefahren. Mittels einer Luke im Boden konnte das Heu dann einfach den Tieren im darunter liegenden Stall vor die Füße geworden werden.

Brandschutzverordnung

Laut Thomas Hafen bestimmte die Württembergische Brandschutzverordnung aus dem 16. Jahrhundert, dass Küchen keine Holzwände aufweisen durften. Ähnlich sah es beim Dach über der Eingangs- und Stalltür aus. Während der Rest des Gebäudedachs mit Stroh gedeckt war, wurden über den Ein- und Ausgängen Tonziegel verbaut, damit Tiere und Menschen sich im Brandfall aus dem Gebäude retten konnten, ohne dass brennendes Stroh auf sie fiel.