Begleitet von guten Wünschen, flogen die funkensprühenden Scheiben den Berg hinunter. Das große Feuer spendete den Besuchern Wärme und bot eine beeindruckende Kulisse. Foto: Bohnert-Seidel

Die Brauchtumsveranstaltung in Heiligenzell war spektakulär. 18 Scheiben flogen in die Nacht.

Hunderte von Menschen aus der Region sind am Samstagabend zum traditionellen Scheibenschlagen auf den Kappelberg in Heiligenzell gekommen. Jede ins Tal geschlagene Scheibe war begleitet von guten Wünschen, Zuversicht, Segen und Glück für die Menschen. Es dürften so viele Menschen gekommen sein, wie schon lange nicht mehr.

 

Eingeladen hat die Abteilung Heiligenzell der Freiwilligen Feuerwehr Friesenheim. In diesem Jahr wurden gleich zwei markante Daten mit dem Scheibenschlagen gefeiert. Das erste Scheibenschlagen in Heiligenzell liegt 70 Jahre zurück und das Fest, organisiert von der Feuerwehr, 50 Jahre.

Im Jahr 1954 hat es in Heiligenzell das erste Scheibenschlagen gegeben. Seit 1974 ist es fest in den Händen der Feuerwehrabteilung. „Ursprünglich war das Scheibenschlagen ein Brauch der Heiden zur Tag- und Nachtgleiche, um die finsteren Wintergeister aus dem Ort zu vertreiben“, erklärte Abteilungskommandant Andreas Reichenbach zur Begrüßung der zahlreichen Gäste.

Brauch geht auf die Heiden zurück

Der Brauch wurde von den Christen übernommen und seither in der Nacht auf den ersten Fastensonntag gefeiert, weshalb er auch Funkensonntag genannt wird. In Heiligenzell sind am Samstagabend viele Funken in die Nacht geflogen. Bei klaren Sichtverhältnissen entschwanden die Scheiben wie Sterne in die Dunkelheit.

Eine erste urkundliche Erwähnung eines Scheibenschlagens dürfte ins Jahr 1090 zurückgehen, als im hessischen Lorsch der Einschlag einer fliegenden Scheibe ein Kloster niederbrannte, erinnerte Reichenbach. Obwohl die Scheiben auch vom Kappelberg weit ins Tal geflogen sind, hatte zu keinem Zeitpunkt Gefahr für Haus und Hof oder gar das historische Heiligenzeller Schlössle bestanden. Teilweise verglühten die Scheiben beim Flug in die Dunkelheit.

Diakon Werner Kohler übernahm die geistliche Ansprache, die dem Entzünden des riesigen Strohkreuzes vorausging. Mitglieder der Feuerwehr hatten das riesige Strohkreuz geschultert und, begleitet vom Musikverein und einem Tross von Menschen, vom Feuerwehrhaus über die Waldstraße auf den Kappelberg getragen. Auf dem Berg warteten auch mehr als 800 Christbäume, um mit dem Strohkreuz in Flammen aufzugehen.

Das Kreuz als Symbol für Frieden

„Das Kreuzzeichen ist eine der ältesten Gesten, die wir Christen haben“, erklärte Diakon Kohler. Christen hätten im Kreuz nicht nur den Tod Jesu, sondern auch seine ausgebreiteten Arme als Zeichen für Vergebung und göttliche Liebe gesehen. Somit sei das Kreuz ein Segenszeichen und verbinde weltweit Kulturen. Niemand wird vereinnahmt, niemand ausgegrenzt. „Für mich ist das Scheibenschlagen heute eine Friedens-Demo. Alle Menschen sind uns willkommen, niemand wird ausgegrenzt“, erklärte Kohler.

Gulaschsuppe zum Abschluss

18 glühende Scheiben flogen, begleitet von den besten Wünschen den Berg hinunter. Die Menschen genossen es, gemeinsam um das riesige Lagerfeuer zu stehen. Danach waren alle Gäste zur Gulaschsuppe ins Feuerwehrhaus eingeladen.