Im Schnitt sahen 30 Personen den Stream. Screenshot: Beule Foto: Schwarzwälder Bote

Leselenz: Eröffnung erreicht mehr Interessierte als sonst / Neuer Trojanow-Roman feiert Weltpremiere

Ungewöhnlich leer ist die Hausacher Stadthalle zur Eröffnung des Leselenzes. Trotzdem liegt am Freitagabend Spannung in der Luft – und das ist nicht nur der Vorstellung des neuen Romans von Ilija Trojanow geschuldet.

Hausach. Denn durch die Corona-bedingten Abstandsregeln geht auch der Leselenz als "Leselenz 2.0" neue Wege. Während in der Halle etwa zehn Personen auf die Pressekonferenz warten, überträgt ein Technik-Team die gesamte Veranstaltung: Per Funk in alle Hausacher Haushalte und mit Bild auf das Badenwerk-Areal, wo ein "Literaturkino" aufgebaut ist. Die Eröffnung: Mit einer emotionalen Ansprache blickt Kurator José F.A. Oliver auf die Zeit der Ungewissheit zurück und lobt das Durchhaltevermögen der Mit-Organisatoren wie Ulrike Wörner, die einen neuen Leselenz ermöglicht haben. Mit einer Mischung aus Präsenz- und Online-Veranstaltungen wird der "Leselenz 2.0" diesmal erst am 31. Dezember enden. Die Ansprachen von Bürgermeister Wolfgang Hermann und Astrid Schimmelpenninck, Vorstand der Neumayer-Stiftung, werden per Video eingespielt. Auch sie sind froh, dass die Veranstaltung trotz Corona-Pandemie stattfinden kann. Die Pressekonferenz: Realität und Fiktion verschwimmen, nachdem Oliver zur Pressekonferenz übergeleitet hat. Ilija Trojanow berichtet von "Leaks", die ihm zugespielt wurden und die die skandalösen Zusammenhänge zwischen der russischen und amerikanischen Regierung beleuchten. Zunächst berichtet er davon, wie er an diese gelangt ist und seinen Kollegen "Boris", der untergetaucht sei, mit ins Boot holte. Es ist der Prolog des neuen Romans "Doppelte Spur". Während der Pressekonferenz, übrigens die Weltpremiere für den Roman, schlüpft der Autor in die Rolle seines Protagonisten – der übrigens den gleichen Namen trägt.

Neben den "echten" Pressevertretern sitzen fiktive Reporter in der Stadthalle, die einen Fragenkatalog abarbeiten, mit dem Trojanow die Brisanz des "geleakten" Materials verdeutlicht und weiter ins Narrativ einsteigt. Dass Fiktion und Realität sich manchmal auf unheimliche Art und Weise überholen, zeigt eine Randnotiz: Ghislaine Maxwell, der im Missbrauchsskandal um Jeffrey Epstein wohl eine Schlüsselrolle zukommt, ist kurz vor der Buchvorstellung verhaftet worden. Das Gespräch: Nach einer kurzen Pause steigen der Autor Ilija Trojanow und Insa Wilke ins Buchgespräch ein. Trojanow verdeutlicht, dass die "Enthüllungen" seines Romans eigentlich durch einfache Recherchen herauszufinden sind, auch wenn er auf eine intensive Vorbereitungszeit zurückblickt. "Eigentlich sollten viele dieser Dinge Empörung hervorrufen", meint Trojanow und stellt die Frage, wie der Romancier dies darstellen kann. Es brauche eine Schrumpfung des Materials, um den "Sumpf von Lügen spürbar zu machen".

Ein konkretes Beispiel: Der ehemalige Chef der amerikanischen Behörde, die Wirtschaftskriminalität verfolgt, habe in einem Video gesagt, dass 0,1 Prozent der Fälle aufgeklärt würden. "Wir sind eine Dezimalstelle entfernt vom völligen Versagen", macht er deutlich.

Der Roman verknüpft den Weg des Geldes auch mit dem Missbrauchsskandal rund um Jeffrey Epstein. Die Verbindung ist keinesfalls zufällig – in der Realität wie in der Fiktion. Für den Roman eröffnet sich eine moralische Ebene, die zeigt, dass die "Oligarchen" an der Macht sich völlig ungehemmt außerhalb des Gesetzes bewegen, führt Trojanow aus.

Durch Verkürzung, Verbindung und Kontextualisierung entstehe eine komplexere Abbildung der Gegenwart, als ein Sachbuch erreichen könne. Das sei der Vorteil des literarischen Blicks. Aus der Fülle des Materials – Panama Papers, Wikileaks – sei es Aufgabe des Schriftstellers, eine schlüssige und verführerische Geschichte zusammenzustellen. Das Buch: "Doppelte Spur" feierte im Rahmen der Leselenz-Eröffnung seine Weltpremiere. In Hausach ist der Roman bereits erhältlich, offiziell erscheint er am Mittwoch, 29. Juli, beim Fischer-Verlag. Der Plot: Der investigative Journalist Ilija wird von zwei Whitsleblowern des amerikanischen sowie russischen Geheimdiensts kontaktiert. "Die geleakten Dokumente eröffnen einen Abgrund von Korruption und Betrug, von üblen Verstrickungen krimineller Oligarchen und Mafiosi. Auch die Staatspräsidenten Russlands und Amerikas sind involviert", heißt es auf der Seite des Fischer-Verlags.

Das Corona-bedingt eher ungewöhnliche Format der Auftaktveranstaltung hat mehr Leselenz-Interessierte erreicht als normalerweise. Das teilte José F.A. Oliver im Nachgang mit. Während die Stadthalle lediglich zehn Pressekonferenz-Teilnehmer aufwies, hatte der Facebook-Account etwa 1800 weltweite Aufrufe. Davon blieben 700 die gesamte Zeit über dabei, informiert Oliver. Auf dem Platz des Autokinos waren 60 bis 65 Autos, was etwa 180 Personen entspreche. "Wie viele in Hausach an den Radios saßen, wissen wir allerdings nicht", so Oliver.

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