Knapp 1000 Gefährdungseinschätzungen in einem Jahr: Das Ortenauer Jugendamt muss vermehrt Kinder zu ihrem eigenen Schutz in Obhut nehmen. Amtsleiterin Melanie Maulbetsch-Heidt erklärt, was die Gründe für die Zunahme der Fälle sind.
2022 nahmen deutsche Jugendämter deutlich mehr Kinder zu ihrem Schutz vorübergehend in Obhut als im Vorjahr – laut statistischem Bundesamt gab es rund 18 900 Fälle mehr, die Zahl stieg um 40 Prozent. Unsere Redaktion hat beim Jugendamt des Kreises nachgefragt, ob auch in der Ortenau ein Eingreifen häufiger nötig wird.
„In den letzten zehn Jahren hat sich die Zahl der Gefährdungsmeldungen mehr als verdoppelt“, erklärt Jugendamtsleiterin Melanie Maulbetsch-Heidt auf Nachfrage. So seien im vergangenen Jahr 992 Gefährdungseinschätzungen vom kommunalen sozialen Dienst vorgenommen worden. „Bei 15 Prozent aller eingegangenen Meldungen konnte eine Kindeswohlgefährdung festgestellt werden, bei 39 Prozent aller Gefährdungseinschätzungen wurde ein Hilfebedarf in der Familie festgestellt“, so Maulbetsch-Heidt weiter.
Inobhutnahmen nehmen zu
Der kommunale soziale Dienst ist berechtigt und verpflichtet, Kinder und Jugendliche zu schützen: Liege eine Gefährdung vor, die eine erhebliche Schädigung des körperlichen, geistigen oder seelischen Wohls erwarten lasse und die Sorgeberechtigten diese Gefährdung nicht abwenden könnten, müsse der Dienst Schutz gewährleisten, erklärt die Jugendamtsleiterin. „Während der Inobhutnahme ist das Jugendamt zu allen Rechtshandlungen berechtigt.“ Im Kreis wurden laut Jugendamt 2020 139 Kinder in Obhut genommen, in den Jahren 2021 und 2022 seien es jeweils 146 gewesen.
Der Hauptgrund für die Zunahme der Fälle sei ein wachsendes Aufkommen der Unbegleiteten Minderjährigen Ausländer (siehe Info). Unabhängig davon sieht Maulbetsch-Heidt komplexere und multiplere Problemlagen in Familien, Veränderungen in den Familiensystemen sowie ein zunehmender sensibler und aufmerksamer Umgang der Bürger und Institutionen mit Meldungen als weitere Gründe für die vermehrten Inobhutnahmen.
In der Regel unterstütze die Jugendhilfe die Familien zunächst mit ambulanten oder stationären Hilfen zur Erziehung. „Eine Inobhutnahme bedingt grundsätzlich immer eine Gefährdung des Kindeswohls“, erläutert die Jugendamtsleiterin.
Jugendamt sucht Pflegefamilien
Doch wie läuft so etwas überhaupt ab? „Die Inobhutnahme der Kinder ist abhängig von Lebensalter und der angetroffenen Situation. Sie wird grundsätzlich von mindestens zwei pädagogischen Fachkräften durchgeführt, bei Bedarf unterstützt die Sachgebietsleitung oder andere notwendige Dienste und Behörden, zum Beispiel die Polizei“, erklärt die Jugendamtsleiterin. Wo ein Kind anschließend untergebracht werde, entscheide sich je nach Fall. „Grundsätzlich ist das Jugendamt berechtigt, überall in Obhut zu nehmen“, so Maulbetsch-Heidt weiter. Auch im Umfeld des Kindes werde nach geeigneten Möglichkeiten gesucht. „Außerdem stehen Plätze in einer Jugendhilfeeinrichtung und bei Bereitschaftspflegefamilien zur Verfügung.“
Und dabei sucht das Amt nach Unterstützung: „Das Jugendamt Ortenaukreis ist immer auf der Suche nach weiteren Familien, die sich vorstellen können, Bereitschaftspflegefamilie oder Pflegefamilie zu werden“, betont Maulbetsch-Heidt. Abhängig vom Unterbringungsort würden die Kinder und Jugendlichen dann von „geeigneten Personen oder pädagogischen Fachkräften Tag und Nacht bedarfsgerecht betreut“.
Durchschnittlich 39 Tage dauerten die Inobhutnahmen im Kreis 2022 (2021 waren es 37 Tage) an. Wenn die Gefährdung, die Grund für die Inobhutnahme war, abgewendet werden konnte, werde diese beendet und die Kinder könnten zu ihren Eltern oder Erziehungsberechtigten zurück.
Häufig liegen multiple Problemlagen vor
Doch das sei nicht immer der Fall, teilweise könne die Gefährdung auch nicht abgewendet werden.
Die Gründe, die ein Eingreifen des Jugendamts nötig machen, seien vielfältig: „In vielen Fällen gibt es nicht nur einen Grund, sondern die Kinder und Jugendlichen kommen aus Familien mit multiplen Problemlagen“, berichtet die Leiterin.
Unter anderem Überforderung der Eltern, Vernachlässigung der Kinder, psychische Erkrankungen, Suchtprobleme und Armut spielen laut ihr oftmals eine Rolle. „Die häufigsten Ursachen im Ortenaukreis sind Überforderung der Eltern oder eines Elternteils, Anzeichen psychischer Misshandlungen, Vernachlässigungen, Anzeichen körperlicher Misshandlungen und Beziehungsprobleme“, bilanziert Maulbetsch-Heidt.
UMAs erhöhen die Zahlen
„Die unbegleitet eingereisten Minderjährigen fallen ebenfalls in die jugendhilferechtliche Zuständigkeit“, erklärt Jugendamtsleiterin Melanie Maulbetsch-Heidt. Deshalb hänge die Zunahme der Inobhutnahmen mit dem wachsenden Aufkommen der UMA (Unbegleitete Minderjährige Ausländer) zusammen. Die Zahlen im Kreis in diesem Zusammenhang lagen laut Jugendamt 2020 bei 141 Inobhutnahmen (ION), 2021 bei 216 ION, 2022 bei 519 ION und Anfang 2023 bis Ende August bei 414 ION.