Trossinger CDU-Chef geht auf Distanz
: Vosseler lässt Amt ruhen – und bekommt prompt Gegenwind

Der Vorsitzende des CDU-Ortsverbandes Trossingen, Jürgen Vosseler, lässt aus Unzufriedenheit mit der Politik seiner Partei im Bund sein Amt ruhen. Damit zieht er Kritik aus dem Ortsverband auf sich.
Von
Cornelia Hellweg
Trossingen
Jetzt in der App anhören
Kanzler Merz im Berliner Wahlkampf: 17.09.2026, Berlin: Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) spricht bei einer Wahlkampfveranstaltung der CDU Berlin vor der Wahl zum Abgeordnetenhaus im Konrad Adenauer Haus. Foto: Michael Kappeler/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Auch an der CDU-Basis gibt es Kritik an Bundeskanzler Friedrich Merz und der Politik der Regierungskoalition in Berlin.

Michael Kappeler/dpa
  • CDU-Ortschef Jürgen Vosseler lässt sein Amt ruhen – Anlass ist Unzufriedenheit mit der Bundespolitik.
  • Er kritisiert die „Brandmauer“ zur AfD, lehnt schwarz-blaue Regierungen ab, befürwortet aber Minderheitenregierungen.
  • Vosseler bemängelt Kurswechsel bei Wirtschaft und Verschuldung sowie zu wenig Profil von Kanzler Friedrich Merz.
  • Er fordert härtere Migrationspolitik und sieht seine Rundmail als Weckruf, eine Rückkehr bleibt offen.
  • Im Ortsverband gibt es Gegenwind: Kritik an Zeitpunkt und Stil, teils als Aufforderung zum Rücktritt gelesen.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Die Beliebtheitswerte von Bundeskanzler Friedrich Merz sind laut Umfragen nicht berauschend, in Wahlen werden die Parteien der Regierungskoalition in Berlin abgestraft. Das lässt auch die CDU-Basis nicht kalt. In Trossingen kündigt jetzt der CDU-Ortsverbandsvorsitzende Jürgen Vosseler an, sein Amt ruhen lassen zu wollen. Dies wiederum sorgt für Widerspruch aus der Trossinger CDU.

„Die CDU verliert gerade diejenigen, die vor Ort für sie kämpfen, weil sie sich von der eigenen Parteiführung nicht mehr gehört fühlen“, schreibt Jürgen Vosseler in einer Mail, die am Freitag, 18. September, an einen breiten Verteilerkreis adressiert war. Vosseler ist seit einigen Jahren CDU-Ortsverbandsvorsitzender in Trossingen und gilt als ausgesprochen konservativ. Dem Ortsverband gehören 80 Mitglieder an.

Ihn hätten mehrfach Parteifreunde aus Villingen-Schwenningen und Tuttlingen angerufen, die ihre Unzufriedenheit mit der aktuellen Entwicklung und „insbesondere mit der Ignoranz gegenüber der Basis zum Ausdruck gebracht“ hätten. Er erklärt sich als nicht einverstanden mit der „Brandmauer“ – dieser Begriff bezeichnet die Abgrenzung gegen die Alternative für Deutschland (AfD). Diese Partei wird vom  Bundesamt für Verfassungsschutz als „rechtsextremer Verdachtsfall“ geführt, läuft der CDU aber bei aktuellen Wahlen wie in Sachsen-Anhalt den Rang ab. Bei der bevorstehenden Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern kommt die CDU in Umfragen lediglich einstellig vor.

Im Gespräch mit dem Schwarzwälder Boten relativiert Vosseler diese Aussage: Er sei gegen schwarz-blaue Regierungen. In einer Demokratie sei aber eine Minderheitsregierung (durch die CDU) möglich, die sich für ihre Vorhaben dann Mehrheiten suchen müsse.

Das Schwarzwälder BAARometer
Montag - Freitag um 7.00 Uhr
Alles Wichtige aus dem Schwarzwald-Baar-Kreis Montag bis Samstag im kompakten Überblick.

Wo bleiben die Wahlversprechen?

Besonders kritisch sieht er das Auseinanderklaffen zwischen der Kritik an der Wirtschaftspolitik und der geplanten Verschuldung unter der Ampelregierung seitens des damaligen Kanzlerkandidaten Merz und der Verabschiedung eines milliardenschweren Sondervermögens unter der aktuellen CDU-/SPD-Regierungskoalition mit dem Segen von dann Bundeskanzler Friedrich Merz. Das sei kaum noch vermittelbar, und darauf werde man auch von Bürgern angesprochen.

Der CDU-Stadtverbandsvorsitzende Jürgen Vosseler ist enttäuscht von Bundeskanzler Friedrich Merz.

Der CDU-Ortsverbandsvorsitzende Jürgen Vosseler ist enttäuscht von Bundeskanzler Friedrich Merz.

Ingrid Kohler

Die AfD bezeichnet Vosseler als „Kind der Merkel-Regierung“. Er ist überzeugt: „Wenn wir als CDU insbesondere eine vernünftige Wirtschafts- und Sicherheitspolitik machen, dann ist die AfD Vergangenheit“. Von Bundeskanzler Merz wünscht er sich „mehr Standhaftigkeit und Profil“. In seiner Rundmail heißt es dazu: „Ich habe Friedrich Merz einst aus voller Überzeugung unterstützt. Ich habe mir von ihm einen politischen Neuanfang, ein klareres christdemokratisches Profil und eine Abkehr von politischen Beliebigkeiten erhofft. Heute fällt es mir zunehmend schwer, diese Erwartungen mit der politischen Realität in Einklang zu bringen.“ Außerdem wünscht er sich bei der Migrationspolitik einen härteren Kurs. Er ist Mitglied des CDU-Kreisvorstandes Tuttlingen und vermisst dort eine zeitnahe Diskussion über viele dieser Punkte.

Vosseler sieht seine Mail als „Weckruf“. An der CDU-Mitgliederversammlung im Oktober werde er wegen Urlaubs nicht dabei sein. Ob er nochmal für die Vorsitzendenposition antritt, lässt er offen. Auf Nachfrage räumt er ein, dass seine Meinung jetzt eine unter vielen im Ortsverband ist.

Das bestätigt Heinz Heuser, Mitglied im CDU-Ortsverband Trossingen. Bei ihm kommt gar nicht gut an, dass Jürgen Vosseler seine Rundmail so kurz vor der Veranstaltung „80 Jahre CDU“ am Samstag, 19. September, in Trossingen lancierte. „Wenn ich als Vorsitzender Probleme habe, dann lasse ich das nicht einen Tag vor so einer Veranstaltung los und dann noch ohne Gruß, nichts“, findet Heuser. Zumal Vosseler seine Kritik nicht in einer Mitgliederversammlung zur Diskussion gestellt habe. „Wir sind im Ortsverband kein Hühnerhaufen, wir kennen die Werte der CDU, und auch, wo es gerade hakt in der Politik in Berlin“, sagt Heuser im Gespräch mit der Redaktion.

Kritik an Vosseler

Er schätze die Meinung von Jürgen Vosseler, antwortet Heuser auf die Rundmail des CDU‑Ortsverbandsvorsitzenden. „Allerdings lasse ich mir Deine politische Einstellung hierzu nicht überstülpen und hoffentlich viele von der Basis auch nicht. Deine Argumente kommen von Kritikern der Bundesregierung Tag für Tag in den Medien.“

Und: „Dass Du an der diesjährigen Hauptversammlung nicht teilnehmen kannst, gehört in den Vorstand, der dann die ‚Basis‘ rechtzeitig informiert. Grundsätzlich bestätigst Du ja, dass das Vorstandsteam den Stadtverband weiterhin zuverlässig vertritt. Darum verstehe ich nicht, warum Du jetzt nicht eine klare Entscheidung triffst. Dieser Führungsstil entspricht exakt dem aktuellen Führungsverhalten unserer Regierung.“ Das kann man als Aufforderung zum Rücktritt Vosselers als Ortsverbandsvorsitzenden lesen. Er bedauere, dass Vosseler so kurz vor dem Jubiläum 80 Jahre CDU des Stadtverbandes einen solchen Brief an die Basis übermittele und keine Glückwünsche zum Gelingen dieser Veranstaltung anfüge. Die Jubiläumsveranstaltung findet ohne Vosseler statt. Das bestätigte er auf Nachfrage.