Neuanfang im Schwarzwald: Ukrainer fassen dank Ehrenamtlichen in Villingen-Schwenningen Fuß

Das sind die Köpfe hinter der Gruppe „Ukrainer im Schwarzwald“ (von links): Daniel Wenzler, Irina Solowiejko, Liliya Smirnova und ihr Mann Robert Kuhar. Im Dezember 2024 konnten sie einen Krankenwagen durch Spenden finanzieren, der in die Ukraine geschickt wurde. (Archivfoto)
Eva-Maria-HuberDaniel Wenzler, Irina Solowiejko und Robert Kuhar sitzen in der Petruskirche an einem runden Tisch. Noch am Nachmittag hatten hier ukrainische Kinder bunte Bilder gemalt, während ihre Mütter parallel Deutsch lernten. Auch jetzt, am frühen Abend, ist das Gebäude belebt: Dort, wo sonst Gottesdienste gefeiert werden, treffen sich ukrainische Frauen zu einer gemeinsamen Yoga-Stunde.
Die drei Engagierten gehören – gemeinsam mit Liliya Smirnova, der Frau von Robert Kuhar – zur Initiativgruppe „Ukrainer im Schwarzwald“. Liliya Smirnova hat das Projekt bereits 2013 ins Leben gerufen, ursprünglich mit dem Ziel, die in der Region lebenden Ukrainer zu vernetzen. Doch seit dem Kriegsausbruch vor über drei Jahren ist ihre Arbeit wichtiger denn je. Von Anfang an unterstützten sie Geflüchtete, die in den Schwarzwald kamen. Im Gespräch mit unserer Redaktion blicken sie auf ihre Arbeit zurück.
Lukas-Veselka-Projekt gibt Hoffnung
Lukas-Veselka-Projekt „Viele der Geflüchteten fühlten sich anfangs isoliert“, erinnert sich Irina Solowiejko. Hauptsächlich waren es Frauen mit ihren Kindern, meist traumatisiert, die aus der Ukraine flohen – in der Regel ohne Sprachkenntnisse. Um ihnen den Einstieg zu erleichtern, organisierten die Ukrainer im Schwarzwald Deutschkurse. Gleichzeitig wurden die Kinder betreut. Die Räumlichkeiten stellte die evangelische Stadtgemeinde zur Verfügung – und überließ den Ukrainern für die Deutschkurse die Lukaskirche. Damit war das Lukas-Veselka-Projekt geboren. Veselka ist ukrainisch und bedeutet Regenbogen.
Inzwischen hat sich das Angebot des Lukas-Veselka-Projekts erweitert. Aufgrund des geplanten Verkaufs der Lukaskirche mussten die Treffen und Kurse in die Petruskirche verlegt werden. Doch das hat nichts daran geändert, dass die Initiative einen geschützten Ort geschaffen hat – einen Raum für Begegnung, Austausch und gegenseitige Unterstützung. Hier treffen sich jeden Mittwoch und Freitag Menschen, die dasselbe Leid teilen und ein Stück Heimat in der Fremde gefunden haben. Neben Deutschkursen für alle Altersgruppen werden hier auch Tanz- und Yogakurse angeboten. Und auch ein Chor hat sich zusammengefunden. Ohne die ehrenamtliche Unterstützung von Kursleitern wäre das nicht möglich, wie die Gruppe deutlich macht.

Beim deutsch-ukrainischen Abend 2022 zeigten die jungen Talente ihr Können. (Archivfoto)
Foto: Cornelia SpitzDaneben gibt es auch ein Sprachcafé, das inzwischen immer freitags im Gebäude des Romäusgymnasiums stattfindet. Mit einem beeindruckenden Talentpotenzial waren die Ukrainer außerdem ein wichtiger Bestandteil der beiden deutsch-ukrainischen Abende 2022 und 2023 und nahmen zudem an der Kulturnacht teil. Zuletzt konnte ein durch Spenden finanzierte Krankenwagen in das Kriegsgebiet gebracht werden.
Menschen in der Region zeigen sich hilfsbereit
Spendenprojekte Zurück blickt die Initiativgruppe auch auf die vielen Spendenprojekte, die zu Beginn der Krieges auch in Villingen-Schwenningen gestartet wurden. Im Sozialkaufhaus „Jumbo“ wurde ein Spendenlager eingerichtet. „Die Ukrainer sind mit zwei Plastiktüten voll hierhergekommen – mehr hatten sie nicht“, beschreibt Daniel Wenzler das Ausmaß der Not. Bis tief in die Nacht haben die Ehrenamtlichen Waren eingeräumt, bis die Räume im Oktober 2022 wieder abgegeben werden mussten. Die Sammelstelle zog nach Pfaffenweiler um, aber auch dort ergab sich keine langfristige, finanzierbare Lösung.
Die Bereitschaft in der Region, den Menschen aus der Ukraine zu helfen, sei von Anfang an da gewesen, sagt Robert Kuhar. Inzwischen sei die Spendenbereitschaft in der Bevölkerung allerdings nicht mehr so groß. Trotzdem zeigen sich die Ukrainer unfassbar dankbar, über die große Unterstützung, die sie von außen bekommen haben. Nicht nur von den Menschen, die gespendet haben, sondern auch von den örtlichen Vereinen, die die ukrainischen Kinder durchweg aufgenommen haben – auch wenn vielleicht gar kein Platz mehr war. „Kinder sind unsere Zukunft. Wir dürfen sie nicht einfach in einer Ecke stehen lassen, sondern müssen dafür sorgen, dass sie hier gleich aufgenommen werden“, ist Robert Kuhar überzeugt. Unterstützung bekommt die Gruppe auch vom Jobclub-VS.
Integration gelingt weitgehend
Integration Was die Integration anbelangt, so zieht die Initiativgruppe zunächst eine positive Bilanz. Vor allem Kinder und Jugendliche seien inzwischen gut integriert, hätten schnell die Sprache gelernt. Manche gehen hier zur Schule und absolvieren parallel online die Schule in ihrem Heimatland.
Andere haben jetzt ihren Abschluss gemacht und beginnen hier mit einer Ausbildung. Viele der Geflüchteten wollen langfristig hierbleiben, haben sich selbstständig gemacht und versuchen sich in Villingen-Schwenningen ein neues Leben aufzubauen.
Doch es gebe auch Herausforderungen. Hohe bürokratische Hürden erschweren die Integration und verzögern viele Prozesse, abgeschlossene Berufsausbildungen werden unter Umständen nicht anerkannt. „Für viele ist das eine große Unsicherheit, wenn sie hier nicht in ihrem gelernten Beruf arbeiten können“, sagt Robert Kuhar. Und das stärke bei vielen den Wunsch, nach dem Krieg in ihr Heimatland zurückkehren zu können.
Auch jetzt kommen noch Ukrainer nach Deutschland, doch sie haben es deutlich schwerer als noch zu Beginn des Krieges, schildert Daniel Wenzler. Die Kapazitäten im Landkreis seien ausgeschöpft, immer wieder stellt sich die Frage, wo die Geflüchteten hin sollen.
Ukrainer über Messenger vernetzt
Vernetzt sind die Ukrainer in der Region über eine Telegram-Gruppe. Über 2000 Teilnehmer hat die Gruppe inzwischen und dient dem Austausch und der gegenseitigen Unterstützung. Irina Solowiejko erzählt beispielsweise von einer jungen Frau, die mit zwei Kindern zunächst in ihrem Auto gewohnt hat. Nachdem sie in Schwenningen eine Wohnung gefunden hatte, konnte die komplett leere Wohnung innerhalb eines Tages mit Möbeln und Lebensnotwendigem ausgestattet werden – alles durch die Hilfe der Gruppenmitglieder.
Die Ukrainer im Schwarzwald haben sich in den vergangenen drei Jahren unermüdlich für die Geflüchteten eingesetzt – oft bis tief in die Nacht. Ihr Engagement und ihre Hingabe haben vielen Menschen geholfen, in einer fremden Umgebung Fuß zu fassen.
Trotz der Herausforderungen und Unsicherheiten bleibt die Hoffnung auf einen baldigen Frieden, der den Weg für eine Rückkehr in die Heimat oder einen dauerhaften Neuanfang in Deutschland ebnen könnte.
