IHK-Sommerempfang in Villingen-Schwenningen: Was in Deutschland alles schief läuft

Nach dem offiziellen Teil gab es einen lockeren Austausch auf der Terrasse und im Garten der IHK.
Marc EichUnter das Motto „Auf gute Nachbarschaft“ hatte die IHK den Sommerempfang gestellt, wie Präsidentin Birgit Hakenjos erläuterte. Gute Nachbarn profitierten voneinander, ist sie sich sicher, sei es lokal im eigenen Industriegebiet, national oder grenzüberschreitend. Und damit begrüßte sie den Redner des Abends, Eric Gujer, Chefredakteur der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ).
Sein Blatt stehe immer wieder auch für einen ganz anderen Blick auf Deutschland, „nicht immer unumstritten, oft auch unbequem“.
Glasfaserknotenpunkt und Drei-Welten-Card
Als Verflechtungen der Region mit der Schweiz nannte sie den Glasfaserhauptknotenpunkt in Blumberg, der die Region mit Zürich verbindet, ebenso wie die Schweizer Kraftwerke Gösgen und Leibstadt, die auch „unsere Region zuverlässig mit Strom versorgen“, so Hakenjos. Bei der Drei-Welten-Card arbeiteten die Tourismusregionen Schwarzwald-Bodensee und Schaffhausen ebenfalls zusammen.
Als weiteres grenzüberschreitendes Thema nannte die IHK-Präsidentin den Schienengüterverkehr Stuttgart-Zürich. „Doch dabei ist noch deutlich Luft nach oben. Denn Deutschland bleibt den vollständigen Ausbau der Gäubahn nach wie vor schuldig“, kritisierte Birgit Hakenjos.
Kernkonzept guter Politik abhanden gekommen
Dem Standort Deutschland sei das Kernkonzept guter Politik abhanden gekommen: einfache und nachvollziehbare Regeln mit guter Wirkung in der Praxis. „Warum zu Beispiel muss Energie hierzulande so teuer sein?“, fragte Hakenjos.
Diesen Ball nahm Eric Gujer, Chefredakteur der NZZ, in seinen Vortrag auf und fragte sich, weshalb Autobauer in Deutschland dreimal so viel für Strom bezahlen wie in den USA.
Unvernünftige Energiestrategie kritisiert
Zurecht sei die Abhängigkeit von russischem Gas vorbei, doch jetzt sei Deutschland im Winter auf Stromimporte angewiesen, kritisierte er die „unvernünftige Energiestrategie“.
Die Lehre aus der Corona-Pandemie sei gewesen, Abhängigkeiten zu reduzieren. Doch das Gegenteil sei der Fall im großen Kanton im Norden, wie er Deutschland augenzwinkernd bezeichnete.
Erosion des Standorts
Er sprach von einer „Erosion des Standorts“ und kritisierte das Lieferkettengesetz als „kompletten Irrsinn“, da es „Moral im Überfluss“ biete, aber die Bürokratisierung aufblähe. Die Regierungskoalition agiere „wie ein Schlafwandler“. Er lästerte über den Mobilfunk – „Deutschland ist ein einziges Funkloch“ – und die „ungesteuerte Asyl- und Arbeitsmigration“, die für den AfD-Erfolg verantwortlich sei.
Dennoch zeigte sich Gujer optimistisch. „Eine Regel gilt in Deutschland immer“, die er „Gujers Grundgesetz“ nannte: „Alle 20 Jahre geht ein Ruck durch Deutschland“, und allmählich nehme die Debatte, dass sich etwas ändern müsse, Fahrt auf, gab es am Schluss versöhnliche Töne. Er könne sich sogar gut vorstellen, wieder nach Deutschland umzuziehen, antwortete Gujer auf eine Frage von Moderator Rolf Benzmann.
