Wahlkampf-Irritationen in Sachsen-Anhalt: „Wir sind der Deich“: Warum die SPD mit einer Zeile aus einem NS-Lied wirbt

Keine politische Metapher von der „blauen Welle", sondern eine echte Katastrophe: So sieht es in natura aus, wenn eine verheerende Sturmflut die Deiche wegspült und eine Stadt überschwemmt: Die Sturmflut vom 16. auf den 17. Februar 1962 war eine größten bekannten Flutkatastrophen an der deutschen Nordseeküste (hier ein historisches Bild aus Hamburg vom 18. Februar 1962).
Imago/ZUMA/Keystone- SPD in Sachsen-Anhalt wirbt mit „Wir sind der Deich“ gegen eine AfD-geführte Regierung.
- Kritik entzündet sich am Bezug zu einem NS-Lied von 1936 mit ähnlicher Zeile.
- SPD verweist auf Nutzung als Metapher für Zusammenhalt, etwa während der Oderflut 1997.
- Juristisch ist der Slogan nicht relevant – politisch nennen Kritiker ihn ungeschickt.
- Kontext: AfD liegt in Umfragen vorn, mehrere Parteien kämpfen um die Fünf-Prozent-Hürde.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Magdeburg, 13. August 2026: Hochrangige Vertreter der SPD in Sachsen-Anhalt treten vor die Presse und verkünden Berührendes, das zu Herzen gehen soll. Mit einer „emotionalen Wahlkampagne“ werben die in Wahlumfragen dahindümpelnden Sozialdemokraten für eine stabile Regierung der „Demokratischen Mitte“ in der Landeshauptstadt.

Der Hochschullehrer und Wissenschaftsmanager Armin Willingmann ist Spitzenkandidat der SPD in Sachsen-Anhalt. Unter seiner Ägide wirbt die Landes-SPD mit dem Slogan „Wir sind der Deich" - einer Zeile aus einem Nazi-Lied - ausgerechnet für den Kampf gegen eine rechte AfD-Regierung.
Imago/dts Nachrichtenagentur„Wir wollen nicht, dass dieses Land blau überflutet wird“, sagt SPD-Spitzenkandidat Armin Willingmann bei der Vorstellung der Kampagne „Wenn der Deich bricht, trifft es alle“. „Blau“ ist ein in der Parteipolitik mit Vorliebe gebrauchtes Synonym für die AfD, deren politische Erkennungsfarben hellblau und rot sind.
Mehr Erfahrung mit „Deichen“ als mit „Brandmauern“
Die SPD nutze dieses Bild vom Deich „ganz bewusst als Metapher und politischen Gegenentwurf“, schreibt die Ostdeutsche Allgemeine am selben Tag in ihrer Online-Ausgabe.
Willingmann gibt bei der Präsentation zu bedenken, dass viele Menschen Angst hätten vor den Folgen rechtsextremer Politik, etwa für Menschen mit Behinderungen, in der Wirtschaft, der Kultur und der Wissenschaft. Mit Deichen hätten die Menschen in Sachsen-Anhalt mehr Erfahrungen als mit „theoretischen Brandmauern“, so der Landeschef.

Mit Deichen hätten die Menschen in Sachsen-Anhalt mehr Erfahrungen als mit theoretischen Brandmauern, meint SPD-Landes-Chef Willingmann (Fotomontage)
Imago/BihlmayerfotografieDie Sozialdemokraten setzten darauf, mit einer möglichst breiten demokratischen Mehrheit, eine AfD-geführte Regierung zu verhindern. Das Wahlprogramm der AfD sei der „radikalste Umbau“, den man sich in einem deutschen Bundesland vorstellen könne, ergänzt Willingmann. Drei Wochen vor der Wahl gehe es auch darum, nicht nur die Vernunft der Menschen, sondern auch das Gemüt anzusprechen. Der Wahlkampf sei in diesem Jahr stärker emotionalisiert.
Auf ihrer Webseite gibt sich die Landes-SPD martialisch: „Während die Flüsse des Landes derzeit kaum Wasser führen, ist Sachsen-Anhalt trotzdem von einer Flut bedroht: einer Flut menschenverachtender Politik. Wir sind der Deich! Wir kämpfen für ein stabiles Sachsen-Anhalt. Am 6. September die Willingmann SPD wählen.„
Passend zum Wahlkampfplakat präsentiert die Partei einen schnittigen 1-Minute-Film auf YouTube, in dem sich die Partei quasi zum „Deichbaron“ erklärt.
Am 6. September wählt Sachsen-Anhalt einen neuen Landtag. In Umfragen lag die AfD zuletzt mit großem Abstand vor der CDU. Grüne, FDP, BSW und auch die SPD drohen, an der Fünf-Prozent-Hürde zu scheitern und den Einzug in den Landtag zu verpassen.
Eingängige Slogans sind Gold wert
Die Landes-SPD ist sichtlich stolz auf ihre neue Wahlkampagne. Ihre PR-Abteilung dürfte viele Stunden Arbeit und viel Geld in den Entwurf des Slogans, der Plakate und der Kampagnentexte samt Flyer und Social-Media-Links gesteckt haben. Gute Slogans sind bei Wahlen Gold wert, zahlen sie sich doch im günstigsten Fall in Wählerstimmen aus.
Und doch: Gut gemeint, ist mitunter schlecht gemacht. Diese Lebensweisheit gilt auch für die „Deich“-Kampagne der „Sozis“. Bevor man mit einer Wahlwerbung an die Öffentlichkeit geht, sollte man vorab akribisch prüfen, ob der Inhalt nicht irgendwelche peinliche Patzer enthält. Denn bei diesem Deich-Slogan ist das der Fall.
NS-Lied „Wir sind das Reich, und wir sind der Deich“
Die Zeile „Wir sind der Deich“ stammt unstrittig aus dem NS-Lied „Wir tragen das Vaterland in unsern Herzen“, das im Jahr 1936 als Pflichtlied des Reichsarbeitsdienstes verfasst wurde. Die erste von drei Strophen lautet wörtlich:
„Wir tragen das Vaterland in unsern Herzen.
Denn wir sind das Reich,
und wir sind der Deich
um Volk und Arbeit und Freiheit zugleich.
Wir tragen das Vaterland in unsern Herzen.“

Sieht harmlos aus, war es aber nicht: Mitglieder des Reichsarbeitsdiensts beim Kartoffelschälen (um 1933/34).
Imago/ArkiviGeschrieben hat dieses „Kampflied“ Wilhelm Decker (1899–1945), ein hoher Funktionär des Reichsarbeitsdienstes., der am 1. Mai 1945 in den Kämpfen um Berlin ums Leben kam. Der Reichsarbeitsdienst (RAD) war eine offizielle Organisation im nationalsozialistischen Deutschland. Ab 1935 mussten junge deutsche Männer ab 18 Jahren dort für sechs Monate einen Arbeitsdienst ableisten. Er diente der nationalsozialistischen Erziehung, der Arbeitsbeschaffung und der militärischen Vorbereitung auf den Krieg.
Wie kann PR-Profis ein solcher fataler Fehler unterlaufen?
„Errare humanum est“ - „Irren ist menschlich“, wusste schon der berühmte römische Rhetor Cicero in der Antike. Auch Sozialdemokraten sind nur Menschen. Also Schwamm drüber? Nein! Um die Bibel zu zitieren: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“ (Matthäusevangelium, Kapitel 7, Vers 3).
Die Frage ist also berechtigt: Wie konnte PR-Profis nur so ein fataler Fehler unterlaufen? Liegt es an mangelndem handwerklichem Können? Oder an historischer Unwissenheit? Oder zeugt der Vorgang von politischer Instinktlosigkeit? Ein politischer Flurschaden ist er allemal.
Die SPD weist dererlei Vorwürfe selbstverständlich zurück. René Wölfer, Sprecher von SPD-Spitzenkandidat Armin Willingmann, sagt der „BILD“-Zeitung, dass die Redewendung „Wir sind der Deich“ seit Jahrzehnten unabhängig von seinem ursprünglichen Zusammenhang genutzt werde. Etwa „während der Oderflut 1997 als Symbol für Zusammenhalt“.
Auch die Initiative „Omas gegen Rechts“ habe die Formulierung verwendet, so Wölfer weiter. „Es geht um Zusammenhalt, Verantwortung und den gemeinsamen Schutz unserer Demokratie.“ Einen Bezug zu dem NS-Lied weist die Partei entschieden zurück. Außerdem habe man bisher nichts davon gewusst, dass sich dieser Slogan auch in einem Nazi-Lied finde.
Die SPD gibt sich beinhart: Den Kampagnenslogan ändern, komme gar nicht in Frage, stellt Wölfer klar. „Wir werden weder Begriffe noch Bilder des gesellschaftlichen Zusammenhalts anderen überlassen oder uns ihre Bedeutung umdeuten lassen.“

„Omas gegen Rechts" demonstrieren am 12. April 2026 in Weimar gegen die AfD.
Imago/ZUMA Press WireIst „Deich“ geeigneter als „Brandmauer“?
Die entscheidende Frage ist: Darf man geflügelte Worte der deutschen politischen Sprache unbedacht und ohne historisch-kritische Prüfung einfach übernehmen? Der Verweis auf die Verwendung des Slogans durch „Omas gegen rechts“ ist jedenfalls kein hinreichendes Argument.
Vielleicht ist die SPD in Sachsen-Anhalt aber auch besonders heimat- und naturverbunden. „Deich“ ist schließlich eine naturnahe Metapher, die sich im übertragenen Sinne viel besser zur Abgrenzung von unliebsamen politischen Konkurrenten eignet als das überstrapazierte Wort „Brandmauer“.
In dem wissenschaftlichen Fachbuch „Wir sind der Deich“: Zur metaphorisch-diskursiven Konstruktion von Natur und Nation“ (2005) heißt es explizite: „Metaphern haben für das Verständnis von Umweltthemen eine konstituierende und sinnstiftende Funktion. Gerade in der hier durchgeführten ökokritischen Diskursanalyse der Presseberichterstattung über Flussüberschwemmungen in Deutschland und Frankreich zeigt sich, wie Metaphern und Metaphernsysteme kulturell kon- und divergierende ‚Natur-Kulturen‘ und Verbindungen von Natur und Nation konstruieren.“
Ein weiterer historisch belasteter Slogan
Ungeachtet der Klarstellung durch den SPD-Sprecher und der wissenschaftlichen Expertise bleibt ein bitterer Nachgeschmack. Denn die etymologische Provenienz des Slogans „Wir sind der Deich“ ist unzweifelhaft historisch belastet.
Das hätte man in der Magdeburger SPD-Zentrale wissen müssen. Mit einem Passus aus einem populären Nazi-Lied für den eigenen Kampf gegen eine rechtspopulistische Partei - der man in Teilen eine ideologische Nähe zur NSDAP vorwirft - zu werben, ist keine besonders schlaue Idee.
Schon ein kurzer Blick in die Geschichte peinlicher PR-Patzer hätte die SPD-Verantwortlichen sensibilisieren müssen:
- 1998 hatte der finnische Handy-Hersteller Nokia mit dem Spruch „Jedem das Seine“ für austauschbare Handy-Gehäuse geworben. Nachdem das American Jewish Commitee scharf gegen die Verwendung des Zitats protestiert hatte, wurden die Plakate zügig mit dem Titel einer Shakespeare-Komödie überklebt: „Was ihr wollt“.
- 2009 kam es erneut zum Eklat. Mit dem Spruch „Jedem den Seinen“ warben die Konzerne Tchibo und Esso für Kaffee an rund 700 Tankstellen. Dass die Redewendung an einen von den Nazis missbrauchten Spruch über dem Tor zum Konzentrationslager Buchenwald erinnert, habe man nicht gewusst, rechtfertigte die verantwortliche Werbeagentur die Aktion. Tschibo und Esso zogen den Slogan daraufhin sofort zurück.

Die Inschrift „Jedem das Seine" am Eingangstor der KZ Gedenkstätte Buchenwald in Thüringen
Imago/imagebroker
„Ignorantia legis non excusat“ lautet ein Rechtsgrundsatz aus dem antiken römischen Recht. Im Deutschen hat sich dieser juristische Satz als Volksweisheit verewigt: „Unkenntnis des Gesetzes schützt nicht vor Strafe“; oder geläufiger: „Unwissenheit schützt vor Strafe nicht“.
Björn Höcke gab sich ahnungslos
Nun hat die SPD wegen des Deich-Slogans wohl keine strafrechtliche Konsequenzen - wie etwa Björn Höcke - zu befürchten. Dem AfD-Vorsitzenden von Thüringen wurde in zwei Prozessen im Mai und Juli 2024 vorgeworfen, wissentlich in einer Rede im Mai 2021 in Merseburg (Sachsen-Anhalt) einen verbotenen Nazi-Spruch verwendet zu haben. Am Ende einer etwa 20-minütigen Rede hatte er damals gesagt: „Alles für unsere Heimat, alles für Sachsen-Anhalt, alles für Deutschland.“
Beim dritten Teil des Dreiklangs handelt es sich um eine verbotene Losung der Sturmabteilung (SA), der paramilitärischen Kampforganisation der NSDAP. Die Staatsanwaltschaft Halle warf Höcke vor, von der Herkunft und der Bedeutung der Losung gewusst zu haben. Ihm wurde das Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen zur Last gelegt.

Der AfD-Politiker Björn Höcke musste sich im Mai und Juli 2024 in zwei Prozessen vor Gericht verantworten.
Imago/dts NachrichtenagenturEinen Bezug zu der verfemten der SA-Losung „Alles für Deutschland“ wies Höcke bei den Gerichtsverhandlungen entschieden zurück - und machte auf ahnungslos. „Ich bin tatsächlich völlig unschuldig“, erklärte er. Hätte er gewusst, worum es sich bei handle, hätte er sie „mit Sicherheit nicht verwendet.“
Die Richter nahmen Höcke seine Ahnungslosigkeit nicht ab. Das Landgericht Halle verurteilte den AfD-Politiker daraufhin in zwei Verfahren zu Geldstrafen von insgesamt 13.000 Euro sowie 16.900 Euro.
Zur Info: Diese Nazi-Parolen und -Gesten sind verboten?
Der Gesetzgeber hat nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1949 beschlossen, die Zeichen und Symbole des untergegangenen Nationalsozialismus aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. Die entsprechenden Bestimmungen im Strafgesetzbuch (StGB) beziehen sich auf die „Verbreitung von Propagandamitteln verfassungswidriger Organisationen“ (§ 86 StGB) und auf das „Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen“ (§ 86a StGB).
- Kühnengruß/Widerstandsgruß: Der Kühnen- oder Widerstandsgruß ist eine Abwandlung des Hitlergrußes. Statt der ganzen Hand werden dazu der Ringfinger und der kleine Finger angewinkelt und die anderen drei Finger voneinander abgespreizt. So entsteht ein „W“, das für Widerstand stehen soll. Namensgeber war der deutsche Neonazi Michael Kühnen (1955-1991). Die Verwendung ist strafbar.
- „Heil Hitler“: gesprochene Grußformel. Die Verwendung ist strafbar.
- „Mit Deutschem Gruß“: briefliche Grußformel. Die Verwendung ist strafbar.
- „Sieg Heil: Parteitags- und Massenparole. Die Verwendung ist strafbar.
- „Ein Volk, ein Reich, ein Führer: Losung der NSDAP. Die Verwendung ist strafbar.
- „Deutschland erwache“: Losung der NSDAP. Die Verwendung ist strafbar.
- „Alles für Deutschland“: Losung der SA. Die Verwendung ist strafbar.
- „Meine/Unsere Ehre heißt Treue“: Losung der SS. Die Verwendung ist strafbar.
- „Blut und Ehre“: Losung der Hitler-Jugend. Die Verwendung ist strafbar.
- „Rotfront verrecke“: Gegen den kommunistischen Roten Frontkämpferbund in der Weimarer Republik gerichtete Hassparole; die Verwendung ist strafbar. (Quelle: Bayerische Informationsstelle gegen Rechtsextremismus)
„Wir sind der Deich“: nicht gerichtsrelevant, aber ungeschickt
Der Bundesgerichtshof (BGH) stufte die Verwendung der Parole „Alles für Deutschland“ als strafbares Verwenden von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen nach Paragraf 86a des Strafgesetzbuches (StGB) ein. Das Gericht in Halle stellte fest, dass Höcke der historische Bezug der Parole bewusst war und die Einschränkung der Meinungsfreiheit in diesem Fall zum Schutz der Demokratie rechtmäßig ist.

Vertreter der Parteien der politischen Mitte in Sachsen-Anhalt: Armin Willingmann (SPD, li.), Susan Sziborra-Seidlitz (Grüne) und Sven Schulze (CDU, re.) nehmen am 18. August 2026 an einer Veranstaltung des Leibniz-Instituts für Agrarentwicklung in Transformationsökonomien in Halle teil.
Imago/dts NachrichtenagenturNun dürfte der SPD-Slogan „Wir sind der Deich“ nicht gerichtsrelevant sein. Politisch ungeschickt ist er allemal. Eine Partei, die bei der Wahl am 6. September 2026 um den Einzug in den Magdeburger Landtag bangt, sollte beim Endspurt nicht ein solcher brachialer PR-Fauxpas unterlaufen. Das ist nicht nur peinlich, sondern kann auch das Vertrauen in die Seriosität einer Partei unterminieren, die sich zur selbst erklärten „Demokratischen Mitte“ zählt.
