Was am Ende wirklich zählt
: Sabine Gesekus weist den Weg von der Schmerztherapie zur Herzensarbeit

20 Jahre Krebs-Stationen. Dann merkte Sabine Gesekus: Es braucht nicht mehr Medikamente, sondern mehr Menschlichkeit. Ihre Mission: Sterbenden würdevoll das Gefühl geben, nicht allein zu sein.
Von
Cornelia Spitz
Villingen-Schwenningen
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ARCHIV - 23.01.2014, Hessen, Frankfurt am Main: Eine Pflegekraft hält in einem Seniorenheim die Hand einer Bewohnerin. Immer mehr Menschen engagieren sich in der ehrenamtlichen Sterbebegleitung im Freistaat. (zu dpa «Expertin: Mehr junge Menschen bei ehrenamtlicher Hospizarbeit» vom 01.09.2018) Foto: Daniel Reinhardt/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Manchmal muss man einfach nur da sein. Doch Hospizarbeit ist, das macht Sabine Gesekus deutlich, so viel mehr. (Symbolfoto)

Daniel Reinhardt/dpa
  • Sabine Gesekus koordiniert ehrenamtliche Hospizbegleiter in Villingen-Schwenningen.
  • Nach 20 Jahren Onkologie wechselte sie in die Hospizarbeit, weil ihr Menschlichkeit fehlte.
  • Ziel ist Eins-zu-eins-Begleitung zu Hause: Entlastung der Angehörigen und Erfüllung kleiner Wünsche.
  • Ausbildung: jährlicher Kurs über sechs Monate mit 100 Einheiten, plus Praktikum in Hospiz und Tagespflege.
  • Voraussetzungen sind Empathie und Stabilität – begleiten ohne zu leiden, Tränen sind erlaubt.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Klinik-Aufenthalte, Therapien, Untersuchungen, Spritzen und Pillen. Die letzten Wochen und Monate eines Lebens sind oft voll davon. Dass es anders geht und der medizinische Kampf gegen eine Krankheit am Lebensende nicht dominieren muss, beweisen Mitarbeiter im Hospizdienst. Tag für Tag. Bis zum letzten Atemzug.

Genau das ist es, was Sabine Gesekus einst dazu bewog, hier tätig zu werden. „Mir fehlte oft die menschliche Komponente“, sagt die gelernte Krankenschwester, die einst eigentlich einen klassischeren, medizinischen Weg eingeschlagen hat.

Heute ist sie es, die andere für diese Arbeit ebenso begeistert und ihnen hilft, einen nicht alltäglichen und oft nicht einfachen Weg einzuschlagen: andere beim Sterben zu begleiten.

Pro Patient ein Begleiter

Sabine Gesekus strahlt, als sie in ihrem Büro im Hospiz Via Luce in Schwenningen sitzt. Keine Spur von Tristesse. Auch wenn es im Kern ums Sterben geht. Und obgleich das, was sie in diesem Moment vor sich hat, schnöder Papierkram ist. Als Koordinatorin im Hospiz Förderverein VS muss sie es auch mit diesem aufnehmen. Anders ist der Kreis an Ehrenamtlichen kaum zusammenzuhalten, den es braucht, um den Menschen in der Region einen würdigen, von Menschlichkeit geprägten Abschied zu bereiten.

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Sabine Gesekus ist Koordinatorin im Hospiz Förderverein VS und weiß, wie man den grauen Schleier nach zahllosen Therapien und viel Leiden zugunsten von etwas mehr Farbe, Freude und vor allem Menschlichkeit am Lebensende verdrängt.

Sabine Gesekus zeigt Lichterblüten für das Lichterfest des Hospizes – eine der Veranstaltungen, die den Fokus auf die so wichtige Hospizarbeit legen. Nur so gelingt es, den grauen Schleier nach zahllosen Therapien und viel Leiden zugunsten von etwas mehr Farbe, Freude und vor allem Menschlichkeit am Lebensende zu verdrängen.

Cornelia Spitz

„Wir haben im häuslichen Hospizdienst eine Eins-zu-Eins-Betreuung“, erzählt sie. Nach einer kurzen Pause des Nachdenkens fügt sie hinzu: „Es ist so wichtig, die Angehörigen zu entlasten, die machen das 24/7“, pflegen, sind für den Patienten und alle anderen da – nur für sich selbst nicht. Woran Sabine Gesekus das merkt? Nicht am Klagen der Angehörigen, sondern vielmehr an den Begleiterscheinungen. Wenn beispielsweise mal wieder eine pflegende Angehörige sie bittet, lauter zu sprechen, weil das eigene Hörgerät ja seit drei Wochen schon kaputt ist – „aber ich komm' hier nicht weg“.

Sabine Gesekus kennt solche Situationen zur Genüge. Und es bereitet ihr ganz offensichtlich eine tiefe Genugtuung, genau hier anzusetzen: Zeit zu schenken, da zu sein. „Und Wünsche zu erfüllen, sofern es noch geht.“

Von der Schmerzschwester zur Hospizbegleiterin

Wenn sie sich an ihre frühere berufliche Tätigkeit erinnert, dann haperte es genau da oft. Sie arbeitete als Krankenschwester, über 20 Jahre lang engagierte sie sich als Fachkrankenschwester für Onkologie und Palliativmedizin. Als „Schmerzschwester“ war sie aktiv. Im steten Kampf gegen Tumore, Symptome, Krankheiten.

Aber etwas fehlte ihr: „Das Menschliche.“ Die Arbeit an der Seele. Der Trost. Also wechselte Gesekus in den ambulanten Hospizdienst in Sachsen-Anhalt – und 2018, als sie nach Villingen-Schwenningen kam, in das Team um Maria Noce.

„Man muss aber begleiten ohne zu leiden.“
Sabine Gesekus
Koordinatorin der ehrenamtlichen Hospizbegleiter in VS

Heute wirkt sie im hiesigen Förderverein als Koordinatorin. Über 45 ehrenamtliche Hospizbegleiter stehen aktuell auf dem Plan in ihrem Büro. Doch nicht alle sind immer einsetzbar. „Manche haben die Ausbildung zwar gemacht, aber dann hat sich ihre persönliche Situation verändert und lässt die Begleitung gerade nicht zu“, erklärt Sabine Gesekus verständnisvoll. Das ist mit ein Grund dafür, dass sie im Bemühen um neue Ehrenamtliche nicht nachlassen darf. Und deshalb sind Veranstaltungen, die den Fokus auf die Hospizarbeit legen, wie das Lichterfest des Hospizes Via Luce, das am 27. September in Schwenningen gefeiert wird, auch für sie enorm wichtig.

Jedes Jahr ein Kurs

Einmal pro Jahr startet Sabine Gesekus einen Ausbildungskurs für ehrenamtliche Hospizbegleiter. Im Januar beginnt der nächste, sechs Monate wird er dauern. 100 Unterrichtseinheiten zu je 45 Minuten stehen auf dem Plan. Konkret heißt das: alle 14 Tage am Freitag von 17 bis 20 Uhr und am Samstag von 9 bis 15 Uhr – Fasnet, Ferien und Feiertage ausgenommen.

Und fertig ist der Hospizbegleiter? Sabine Gesekus schüttelt den Kopf. Ganz so schnell geht das nicht. Mindestens genauso wichtig sei nämlich das Praktikum im Anschluss oder währenddessen. Zehn Stunden im Hospiz – fünf im Haus Lebensquelle, fünf in der Tagespflege, so könne man herausfinden: „Was liegt mir, wo gefällt es mir?“ Denn Hospizarbeit kann überall stattfinden: zu Hause, in Heimen, in Hospizen und in Krankenhäusern.

Emotional herausfordernd ist sie immer. Und neben allem Wissen, das man im Kurs Stück für Stück aufgebaut hat, sei eine Sache, die man als künftiger Hospizbegleiter mitbringen muss, unabdingbar: „Das Wichtigste ist Empathie“, sagt Gesekus, fügt dann jedoch hinzu: „Man muss aber begleiten ohne zu leiden.“

Ohne zu zerbrechen

Das wirft Fragen auf. Auch diese: Sich einem sterbenden Menschen manchmal tage-, wochen- und in manchen Fällen sogar monatelang intensiv widmen, ohne dann an seinem Tod zu zerbrechen? An diesem Punkt im Gespräch mit Sabine Gesekus wird klar, wie es ihr als Koordinatorin gelingt, eine Verbindung zu den Menschen auf beiden Seiten aufzubauen – zum Patienten ebenso wie zum ehrenamtlichen Hospizbegleiter: mit Empathie. Jener Eigenschaft, die sie Minuten zuvor als Grundvoraussetzung für diese Tätigkeit genannt hat.

Sabine Gesekus hält nämlich kurz inne, holt Luft und nickt dann milde, als sie sagt: „Ja, man darf dabei auch weinen.“ Und dann gesteht sie etwas, von dem wohl viele Menschen geneigt sind, es lieber zu verbergen: „Auch ich, die das schon viele, viele Jahre macht, weine dann manchmal.“ Wieder eine dieser Pausen, die dem Gegenüber Zeit geben, nachzudenken, zu fühlen. „Das ist kein Zeichen von Schwäche“, sagt sie dann, auch wenn derjenige gerade eigentlich in der Rolle des Helfers sei.

Was wirklich zählt

Was dessen Hilfe nämlich bedeutet und wie überfordernd es sich anfühlt, einen Angehörigen zu pflegen und zu verlieren, hat die Koordinatorin schon selbst erlebt. „Ich weiß, wie wichtig es ist, Unterstützung zu bekommen.“ Und auch, dass am Ende eines Lebens die kleinen Dinge von großer Wichtigkeit sein können: „Manchmal reicht es, nur da zu sein, zuzuhören, eine Hand zu halten, vorzulesen oder spazieren zu gehen“, sagt sie, um dann lächelnd hinzuzufügen: „Wissen Sie, oft sind es Kleinigkeiten, die Freude schaffen.“

Das Hospiz Via Luce feiert sein Lichterfest

Am 27. September wird das jährliche Lichterfest des Hospiz Via Luce auf der Möglingshöhe in Schwenningen gefeiert, mit dem die Besucher auch die Hospizarbeit unterstützen können. Es konzentriert sich in diesem Jahr auf eine stille Andacht zum Gedenken. Doch nicht nur Hospiz-Betroffene, auch alle anderen sind willkommen. Einen Festbetrieb am Nachmittag gibt es dieses Mal nicht. Ein stimmungsvoller Akzent verspricht das Event aber dennoch zu werden. Im Zentrum der Veranstaltung steht die Andacht um 19 Uhr im Kirchenpavillon, welche in einem ergreifenden, zeremoniellen Rahmen stattfindet. Oberbürgermeister Jürgen Roth eröffnet den Abend, die Andacht gestalten Pastoralreferent Uli Viereck und das Team des Hospizes Via Luce. Im Anschluss werden Lichterblüten, die im Vorfeld erworben werden können, gemeinsam an den Möglingssee getragen und zu Wasser gelassen – in Erinnerung an Verstorbene. So soll das Lichterfest Raum geben, um Erinnerungen zu teilen und Hoffnung zu finden. Es wird ein kollektives Zeichen der Zuversicht und Verbundenheit geschaffen. Das Lichterfest macht die zentralen Werte des Lebens, welche im Hospiz gelebt werden, auf unverwechselbare Weise sicht- und spürbar: Licht, das verbindet – Trost, der bleibt. Es sind alle willkommen (nicht nur Hospiz-Betroffene). Die handgefertigten Lichterblüten können vor Ort erworben werden und kosten jeweils fünf Euro. Der Erlös kommt der Hospizarbeit zugute.