Vogelstation in Villingen: Wildvögel richtig füttern – Ellen Claaßen erklärt, worauf es ankommt

Ellen Claaßen betreibt seit über 20 Jahren eine private Vogelstation in Villingen. Die Expertin klärt auf, was Vögeln gefüttert werden darf.
Simone NeßDie kleine Wendy flattert aufgeregt in ihrem Käfig hin und her. Eine Wärmelampe ist auf sie gerichtet, damit der kleine Wendehals, der einiges an Federn gelassen hat, nicht friert. Seit einigen Wochen ist sie in der Obhut von Ellen Claaßen. Eine Katze hat Wendy den gesamten Schwanz herausgerissen. Jetzt versucht Ellen Claaßen alles, damit Wendy bald wieder ausgewildert werden kann – doch die Schwanzfedern wachsen bislang nicht nach und Ellen Claaßen ist sich nicht sicher, ob Wendy jemals wieder fliegen wird.
Schicksale wie diese stehen bei Ellen Claaßen auf der Tagesordnung. Seit mehr als 20 Jahren betreibt die Villingerin im Falkenring eine private Vogelstation und päppelt verletzte Wildvögel wieder auf. Jetzt zur kalten Jahreszeit gewährt Ellen Claaßen einen Einblick in ihre Arbeit und erklärt, worauf es bei der richtigen Fütterung ankommt.
Rund 340 Vögel in diesem Jahr betreut
Was macht die Vogelstation? In diesem Jahr hat Ellen Claaßen schon rund 340 Vögel aufgenommen, sagt sie – und das Jahr ist noch nicht vorbei. Ihr umfangreiches Fachwissen hat sich die Villingerin im Laufe der Jahre größtenteils selbst erarbeitet.
Die Gründe, warum Wildvögel in Ellen Claaßens Obhut landen, sind vielfältig: Häufig handelt es sich um Tierbisse, aber auch Kollisionen mit Fenstern oder Autos, aus dem Nest gestürzte Jungtiere sowie geschwächte oder infizierte Tiere sind Gründe für den Weg zur Vogelstation. Besonders erwachsene Vögel kommen im Frühjahr häufig stark abgemagert bei ihr an, weil sie nicht genügend Nahrung finden.

Ellen Claaßen mit der kleinen Wendy in der Hand. Ob der Wendehals jemals wieder fliegen wird, ist unklar.
Foto: Simone NeßDass nicht alle Tiere überleben, gehört für Ellen Claaßen zum Alltag. „Man muss vom Kopf her gefestigt sein“, sagt sie und weiß, dass sie sich emotional nicht zu stark an die Tiere binden darf.
Und dennoch gibt es Jahre, in denen sie bis zu 75 Prozent ihrer Schützlinge erfolgreich durchbringt.
Als Finder sofort Kontakt aufnehmen
Wie sieht ein typischer Tag in der Vogelstation aus? Von Anfang April bis Anfang August herrscht bei Ellen Claaßen Hochbetrieb. In dieser Zeit ist die Vogelexpertin nahezu rund um die Uhr im Einsatz. Bereits um sechs Uhr beginnt ihr Tag: Zunächst macht sie einen Rundgang durch die Volieren und prüft – so traurig es manchmal ist –, welche ihrer Schützlinge die Nacht überstanden haben. Anschließend folgen die Fütterung und die Reinigung der Volieren. Ab etwa acht Uhr klingelt dann das Telefon: Die ersten Finder melden sich, weil sie einen verletzten oder geschwächten Vogel entdeckt haben.
Wichtig ist ihr, dass Finder sie sofort kontaktieren. Denn wenn unerfahrene Helfer versuchen, ein verletztes Tier selbst aufzupäppeln – und beispielsweise zum falschen Futter greifen – verschlechtert sich dessen Zustand oft nur noch weiter.
Auswilderung ist das oberste Ziel
Kommt ein Tier zu ihr, füllt Ellen Claaßen gemeinsam mit dem Finder zunächst einen kurzen Anamnesebogen aus. Auf Grundlage dieser Angaben und ihrer jahrelangen Erfahrung entscheidet sie über das weitere Vorgehen. Bevor die eigentliche Pflege beginnt, bleibt jeder neue Vogel mindestens drei Tage in Quarantäne. Ziel ist für die Expertin stets die Auswilderung.
Jetzt im Winter wird es bei Ellen Claaßen zunehmend ruhiger. Zehn Vögel sind aktuell – abgesehen von ihren eigenen 25 Kanarienvögeln – in ihrer Obhut.
Heimische Pflanzen als Nahrungsquellen
Wie kann man den Garten vogelfreundlich gestalten? Gerade im Winter wird es für Wildvögel zunehmend schwieriger, ausreichend Nahrung zu finden. Für Ellen Claaßen ist ein vogelfreundlicher Garten deshalb das ganze Jahr über unverzichtbar. Dabei setzt die Expertin auf heimische Pflanzen, die den Vögeln genug Nahrungsquellen bieten. Vieles, was Hobbygärtner optisch ansprechend finden – etwa Flieder oder Pampasgras – sei für die heimische Vogelwelt nahezu wertlos.
Ellen Claaßen rät dazu, den Garten „einmal richtig flott zu machen“: Nicht alles sollte kurz geschnitten werden, Gräser und verblühte Pflanzen dürfen stehen bleiben und Totholz kann gezielt als Versteck für Insekten dienen, die wiederum als Nahrung dienen. Empfehlenswert seien auch Pflanzen wie Spitzwegerich, Brennnessel, Disteln oder die Stockrose.
Obstbäume und fruchttragende Sträucher bieten außerdem in den wärmeren Jahreszeiten wertvolle Nahrungsquellen – als Beispiele nennt sie die Kornelkirsche, Felsenbirne, Holunder, Stachelbeere oder Johannisbeere. Gut sei für Vögel außerdem auch eine Wildblumenwiese. Zwischen den verblühten Blütenständen finden die Vögel zahlreiche Samen als Nahrungsquelle.
Vogelfutter selbst mischen
Was sollte man füttern? Eins macht Ellen Claaßen gleich vorneweg klar: Vögel sollten nicht nur im Winter, sondern das ganze Jahr über gefüttert werden. Denn die natürlichen Nahrungsquellen für Vögel gehen zunehmend verloren. Besonders beim Spatzen – Ellen Claaßens Lieblingsvogel – sei die Population ihrer Beobachtung nach rückläufig.

Ein Vogelhaus braucht es nicht zwingend – auch so kann den Vögeln das Futter präsentiert werden.
Foto: Simone NeßBeim Thema Vogelfutter zeigt sich die Expertin oft besorgt über handelsübliche Mischungen. Viele enthalten zu viel Getreide, Leinsamen oder sogar kleine Äste und Steine, die für die Vögel keinen Mehrwert bieten. Gefettete Haferflocken seien zudem häufig mit Pflanzenöl versetzt, was Durchfall verursachen könne.
Ihr Tipp: Futter selbst mischen. Wichtig sei ein geringer Getreideanteil, ergänzt durch Sonnenblumenkerne, Hanfsamen, Nüsse, Kanarienfutter für kleine Vögel und Rosinen. Fettfutter lasse sich statt mit Pflanzenöl auch unkompliziert mit Rinder- oder Schweineschmalz oder Kokosfett herstellen.
Wo sollte man füttern? Gefüttert werden kann in einem klassischen Vogelhaus, das keine besonderen Extras braucht.
Auffällige Farben ziehen nur Feinde an, und Häuschen mit kleinen Öffnungen sind ungeeignet. Vögel beobachten gerne die Umgebung, deshalb ist ein Haus sinnvoll, aus dem sie in alle Richtungen hinausschauen können. Außerdem sollte das Häuschen ausreichend Abstand zu Boden und Hecken haben, damit die Vögel vor Fressfeinden wie Katzen geschützt sind. Das Futter könne aber genau so gut an einer Schnur aufgehängt werden – da seien die Vögel nicht anspruchsvoll.

Ein Vogelhaus sollte laut Ellen Claaßen hoch genug sein – wie hier bei ihr im Garten – , damit die Vögel vor Fressfeinden geschützt sind.
Foto: Simone NeßEllen Claaßen selbst sagt über sich mit einem Augenzwinkern: „Ich habe einen Vogel.“ Auch wenn sie immer wieder aufgrund der vielen Arbeit mit dem Gedanken spielt, die Vogelstation aufzugeben, überwiegt die Liebe zu den Vögeln mit ihren unterschiedlichsten Facetten und Charakteren.
Und sie zeigt auch: Jeder kann einen Betrag leisten – sei es mit einem Vogelhaus im Garten, den richtigen Pflanzen oder einem aufmerksamen Blick für verletzte Tiere.
Was plant Ellen Claaßen für „Tierische Weihnachten“?
Tierschutz-Event im Klosterhof
Auch Ellen Claaßen ist mit ihrer Vogelstation beim Tierschutz-Event „Tierische Weihnachten“ am Samstag, 22. November, im Kulturzentrum Klosterhof in Villingen-Schwenningen vertreten. Von 10 bis 16 Uhr gibt die Expertin an ihrem Stand bereits im zweiten Jahr in Folge Tipps zum richtigen Umgang mit Wildvögeln, der artgerechten Fütterung und der vogelfreundlichen Gestaltung des eigenen Gartens, und verkauft zudem selbst gemachtes Vogelfutter. Erfolgreich sei die Veranstaltung dann für sie, wenn sie „mindestens einen Menschen wachrütteln kann, dass er vernünftiges Futter kauft“ oder „einen Quadratmeter guten Garten anlegt“, sagt die Expertin und lacht. An oberster Stelle stehen für sie die Aufklärung und der Austausch mit den Besuchern.
