Hochschule in Furtwangen
: Fels in der Brandung bei Rettungsfragen

Matthias Bollinger hat in der Notfallmedizin nahezu alle Perspektiven kennengelernt – als Rettungsassistent, Notarzt und Luftretter. Heute gibt er als Professor an der Hochschule Furtwangen seine Erfahrungen weiter und entwickelt einen neuen Studiengang für Notfallsanitäter.
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red/pm
Furtwangen
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Prof. Dr. med. Matthias Bollinger treibt an der Hochschule Furtwangen die Einrichtung eines neuen Studienangebots voran

Matthias Bollinger treibt an der Hochschule Furtwangen die Einrichtung eines neuen Studienangebots voran.

Hochschule Furtwangen
  • Professor Bollinger baut an der Hochschule Furtwangen einen Studiengang für Notfallsanitäter auf.
  • Er lehrt im Studiengang Physician Assistant und betreibt ein Skills-Labor am Campus Schwenningen.
  • Bollinger arbeitete als Rettungsassistent, Notarzt und Luftretter – 2019 erhielt er den Rudolf-Frey-Preis.
  • Sein Fokus liegt auf Notfallmedizin und Ausbildung, zudem besteht enge Vernetzung in Europa.
  • Aktuelle Forschung: Einfluss von Transportbedingungen auf die Sterilität von medizinischen Materialien.

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An seiner Bürowand hängen Auszeichnungen und internationale Zertifikate. „Eigentlich habe ich in der Notfallmedizin alles gemacht, was man so machen kann“, überlegt  Matthias Bollinger, wenn man ihn nach den Urkunden und seinem beruflichen Werdegang fragt. Vor zwei Jahren wechselte der Arzt vom Schwarzwald-Baar-Klinikum als Professor an die Hochschule Furtwangen (HFU). Nun lehrt er am Campus Schwenningen im Studiengang Physician Assistant und ist mit vollem Engagement dabei, ein neues Studienangebot auf den Weg zu bringen, das künftig Notfallsanitäter weiterbilden soll.

Seine eigene Ausbildung in diesem Bereich begann er bereits mit 17 Jahren. „Ich war Sanitätshelfer, und habe bald darauf auch begonnen, Erste-Hilfe-Kurse zu geben“, erzählt Bollinger. Nach der Schulzeit ließ er sich zum Rettungsassistenten ausbilden, und wenn er nicht im Rettungswagen unterwegs war, rettete er als Mitglied der Bergwacht Hessen Verunglückte aus unwegsamem Gelände.

„Ich wusste schon immer, dass ich Arzt werden möchte“, sagt Bollinger, „auch wenn ich damals eine völlig falsche Vorstellung davon hatte. Ich dachte immer, wenn man Medizin studiert, dann lernt man auch alle praktischen Anwendungen bis hin zu kleineren Operationen. Und ich hatte natürlich ein völlig verklärtes Bild einer Arztpraxis im Kopf, wie man es aus dem Fernsehen kennt“.  Nach dem Studium an der Universität Göttingen entschied sich Matthias Bollinger für die Facharztausbildung in Anästhesie.

„Während meiner Doktorarbeit habe ich gemerkt, wieviel Spaß es mir macht, mich neben dem eher handwerklichen Arztberuf auch mit der wissenschaftlichen Ebene zu beschäftigen“, erzählt er. „Mich haben schon immer auch ganz pragmatische Problemstellungen fasziniert“, sagt Bollinger und zieht zum Vergleich den besonderen Verschluss einer Infusionsleitung mittels eines „Rädchens“ heran. „Ich will immer wissen: Funktioniert das? Ist das wirklich besser? Wie ist die Datenlage?“

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Welt der Blaulichter und Notaufnahmen

Dem Rettungsdienst blieb Bollinger konsequent treu – nach zwei Jahren im Beruf war er neben der Anästhesie auch als Notarzt tätig. Ob in seiner Studienstadt Göttingen oder nach Wechseln ans Universitätsklinikum Wuppertal und danach zur Uniklinik Essen – Bollingers Welt war auch immer die der Blaulichter und Notaufnahmen. „Das ist einfach wahnsinnig spannend“, berichtet er begeistert, „man bekommt da ja alles rein, von Schwerstverletzten bis zum Herzinfarkt, und muss entsprechend schnell reagieren“.

Als Fels in der Brandung kann man sich Professor Bollinger gut vorstellen. Und trotzdem – Mediziner zu sein, das verändere einen auch als Mensch, erzählt Bollinger offen. „Sehr schnelle Entscheidungen zu treffen, das ist etwas, was typisch wird, auch im Privaten“, sagt er – aber auch, dass er nach Tagen voller Einsätze, bei denen es um Leben und Tod gehe, in der Freizeit ein Gegenprogramm brauche: „Wenn ich zum Beispiel Filme schaue, sind es jedenfalls keine Dramen“, erzählt er schmunzelnd.

2019 mit dem Rudolf-Frey-Preis geehrt

Für seine Verdienste in der Notfallmedizin wurde Bollinger 2019 mit dem Rudolf-Frey-Preis geehrt. Schon damals war er tief in die Forschung in diesem Bereich eingestiegen. „Mein Forschungsschwerpunkt liegt auch heute noch in der Notfallmedizin, aber vor allem in der Ausbildung von Notfallsanitätern und Ärzten“, erklärt er.

In den Schwarzwald-Baar-Kreis zog es den leidenschaftlichen Retter durch ein besonders verlockendes Angebot: „Was mir immer noch gefehlt hatte, war die Luftrettung“, berichtet Bollinger. Im Schwarzwald-Baar-Klinikum, das er durch den exzellenten Ruf der Notaufnahme bereits kannte, bekam er diese Möglichkeit und flog neben seiner Tätigkeit als Anästhesist im OP und auf der Intensivstation auch auf dem Rettungshubschrauber Christoph 11 der DRF-Luftrettung.

Im Hörsaal statt in der Notaufnahme

Der Schritt in die Hochschulwelt ergab sich dann durch Kontakte zu den heutigen Kollegen in der HFU. „Mir wurde von den Plänen für einen neuen Studiengang berichtet, und der damalige Rektor Rolf Schofer fragte nach meiner Expertise“, so Bollinger. Als dann zunächst im Studiengang Physician Assistant nach einer Besetzung für die Professur Klinische Medizin gesucht wurde, entschied sich der Anästhesist für den Wechsel. Nun steht er im Hörsaal statt in der Notaufnahme und plant den neuen Notfallsanitäter-Studiengang. Ein Skills-Labor hat er bereits gemeinsam mit den Kollegen des Studiengangs Physician Assistant eingerichtet, da werden schon jetzt Studierende in Anästhesie, Intensivmedizin und Notfallmedizin ausgebildet.

Bis der neue Studiengang startet, hat der Professor auch noch andere, buchstäblich weitreichende Ziele. Gerade hat Bollinger die europäische Facharztprüfung für Notfallmedizin abgelegt, er ist Mitglied zahlreicher nationaler und europäischer Fachgesellschaften und befasst sich wissenschaftlich und als Mitglied von Arbeitsgruppen mit Bevölkerungsschutz. „Vernetzung und Austausch innerhalb von Europa sind enorm wichtig“, so Bollinger, der die internationale Vernetzung und Perspektive nun auch in der Hochschule stärker verankern möchte.

Ein Faible für ungewöhnliche Forschungsprojekte

Seine vielen Kontakte in alle Bereiche des Rettungswesens nutzt er heute auch für ungewöhnliche Forschungsprojekte. Derzeit betreut Bollinger eine Bachelorthesis, in der untersucht wird, ob der Transport im Rettungshubschrauber oder Rettungswagen und die damit einhergehenden stark wechselnden Temperatur- und Druckverhältnisse sowie die physischen Belastungen durch Verstauung und Transport in Rucksäcken eine Auswirkung auf die Keimfreiheit von Sterilgütern hat. „Wieder ein tolles Beispiel für angewandte Forschung“, sagt Bollinger fröhlich. „Dass eine Verpackung in einem temperierten Schrank die Sterilität halten kann, könnte etwas ganz anderes sein als die Sterilgüter, die bei Rettungseinsätzen verpackt, getragen, geflogen werden. Wir sind sehr gespannt auf die ersten Testungen.“