Trigema-Boss Wolfgang Grupp: „Ich vertrete Werte, die viele Menschen vermissen“

Wolfgang Grupp sitzt an seinem Schreibtisch. Im Hintergrund sitzt sein Sohn Wolfgang Grupp junior.
Sebastian Gollnow/dpaIm Interview spricht der Unternehmer, auf dessen Schreibtisch man einen Computer vergeblich sucht, zudem über den Tankrabatt, den Fluch von Smartphones und Homeoffice. Und er verrät, wer die Idee für das T-Shirt mit seinem Konterfei hatte.
Herr Grupp, Sie sitzen mitten in einem Großraumbüro, jeder kann mithören und sehen, wer zu Ihnen kommt. Brauchen Sie im Büro gar keine Privatsphäre?
Wolfgang Grupp: „Ich habe hier keine Geheimnisse. Jeder meiner Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen kann sehen und hören, mit wem ich rede. Das ist kein Problem. Diese offenen Büros habe ich schon 1971 eingeführt. Geschlossene Türen habe ich nicht ausgehalten, weil ich nicht direkt wusste, wer anwesend ist. So habe ich alles im Überblick.“
Mit Homeoffice muss Ihnen niemand kommen?
Grupp: „Auch wir haben während der Pandemie Homeoffice angeboten. Aber ich halte nicht viel davon. In der Textilproduktion benötige ich meine Leute, die permanent zusammenarbeiten, direkt vor Ort. Unsere Produktion ist sehr flexibel, ich muss konstant steuern, brauche die Kommunikation hier im direkten Umfeld. Mit Homeoffice kann ich daher nichts anfangen. Und ich habe auch den Eindruck, dass unsere Mitarbeiter aufgrund des gesellschaftlichen Austauschs froh sind, im Büro sein zu können.“
Trigema-Boss Wolfgang Grupp: „Mit Homeoffice kann ich nichts anfangen“
Was halten Sie von Video-Konferenzen?
Grupp: „Nichts. Ich bevorzuge das Telefon. Auch größere Firmen können mich direkt anrufen, in der Regel erreichen sie mich auch. Und wer bei mir anruft, der erhält auch sehr schnell eine Antwort auf seine Fragen. Ich verstehe nicht, wieso einige aufwendig einen Termin mit mehreren Leuten für eine Video-Konferenz organisieren. Wenn man mich anrufen würde, würde ich zwei Sätze zum aktuellen Stand sagen und alles wäre erledigt.“
Nutzen Sie ein Handy?
Grupp: „Ja, aber wenn ich im Büro bin, dann liegt es ausgeschaltet im Schrank.“
Wieso?
Grupp: „Das Handy habe ich nicht, um im Büro zu telefonieren, sondern nur, um erreichbar zu sein, wenn ich unterwegs bin. Ich habe mir Anfang der 70er Jahre ein Handy aus den USA besorgt, damals waren die noch verboten. Ich wollte dafür sorgen, dass ich erreichbar bin, auch wenn ich mal gerade in den Produktionshallen unterwegs war. Diese roten Suchzeichen, die ertönten, wenn man mich erreichen wollte, war ich leid. Parallel habe ich mir ganz am Anfang, als dies möglich war, auch ein Autotelefon zugelegt. Ich erinnere mich noch ganz genau, das Autotelefon kostete DM 25.000,00 und die Monatsgebühr lag bei ca. DM 250,00, aber schon damals war für mich ganz wichtig, immer erreichbar zu sein!“
Wolfgang Grupp im Interview: „Wer mich erreichen will, kann mich anrufen“
Sind Smartphones mit den ganzen Apps ein Segen oder ein Fluch?
Grupp: „Wenn es ein Fluch ist, dann bin ich selbst schuld. Alles was Fluch ist, nutze ich nicht. Sie können mir gerne eine WhatsApp schicken, aber es kann sein, dass ich erst drei, vier Tage später zufällig sehe, dass Sie mir geschrieben haben. Wer mich erreichen will, kann mich anrufen. Aber WhatsApp… - ich habe noch nicht mal einen Computer, die E-Mails werden mir ausgedruckt. Ich rufe die Menschen an und spreche mit ihnen. Der persönliche Kontakt ist mir wichtig.“
Die meisten Glückwünsche zu Ihrem 80. Geburtstag gab es demnach auch per Post?
Grupp: „Das war unterschiedlich. Insgesamt hat mich gewundert, wie viele Glückwünsche ich bekommen habe. Es waren Hunderte. Ganz viele Absender kannte ich gar nicht.“
Ihre Erklärung?
Grupp: „Anscheinend vertrete ich Werte, die viele Menschen vermissen! Ich verstehe daher die Aufregung um meine Person nicht. Ich mache nichts Besonders. Ich habe ein bisschen Anstand, Respekt vor anderen oder mache einem Mitarbeiter klar, dass ich ihn schätze. Das war’s. Alles völlig normal.“
Wolfgang Grupp: „Nicht der Gier und dem Größenwahn ausgesetzt“
Dass Sie als eingetragener Kaufmann persönlich für Trigema haften, ist in unserer Gesellschaft mittlerweile nicht mehr normal.
Grupp: „Das ist traurig, aber die Verantwortung und Haftung zu übernehmen, ist für mich selbstverständlich! Kassieren, wenn es gut läuft und in schwierigen Zeiten Verluste dem Steuerzahler überlassen, das darf sicher nicht sein! Unsere Welt ist so verrückt. Ich schätze die alten Werte, bin traditionell. Ich hafte für alles, garantiere die Arbeitsplätze. Wenn ich jemanden bitte, bei mir zu arbeiten, dann kann ich ihn nach fünf Monaten nicht wieder entlassen! Ich verlange, dass jeder seine Leistung bringt – dafür gebe ich ihm eine sichere Arbeit.“
Wer führt in Deutschland ein Unternehmen so wie Sie?
Grupp: „Größere Betriebe mit einer Rechtsform als eingetragener Kaufmann? Ich kenne niemanden – Handwerksbetriebe einmal ausgenommen. Dabei wurde das deutsche Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg ausschließlich mit persönlich haftenden KGs geschaffen. Damals hatten alle den Vorwärtsdrang, die wollten immer mehr, aber sie wussten, wenn sie einen Schritt zu weit gehen, sind sie in der Haftung. Deswegen waren die Entscheidungen überlegter, verantwortungsvoller und nicht der Gier und dem Größenwahn ausgesetzt.“
Zurück zu den Glückwunsch-Schreiben: Haben Sie allen zurückgeschrieben?
Grupp: „Selbstverständlich. Ich habe alle beantwortet. Ob per Mail oder Brief. Wer mir einen Brief geschrieben hat, hat ein Dankesschreiben mit einem Foto meiner Familie aus Dubai erhalten. Und wenn er geschrieben hat, dass seine Frau auch vor kurzem 80 geworden ist, dann bin ich auch darauf eingegangen und habe seiner Frau nachträglich ebenfalls gratuliert.“
Apropos: Pünktlich zu Ihrem Geburtstag haben Sie ein T-Shirt mit Ihrem Konterfei herausgebracht…
Grupp: „Moment, das habe nicht ich herausgebracht. Meine Familie hat das organisiert und mich damit in Dubai überrascht. Ein T-Shirt mit meinem Kopf drauf… es war eine Idee meiner Frau!“
Durch Ihre Art und so wie Sie das Unternehmen führen, haben Sie große Popularität erreicht. Wen bewundern Sie?
Grupp: „Ich schätze echte Leistungsträger wie Herrn Reinhold Würth oder auch früher einen Lutz Merkle von Bosch. Das sind echte Leistungsträger. Ihnen wird nichts geneidet, sondern im Gegenteil alles gegönnt, aber wenn hohe Gehälter bezogen werden und Millionen Verluste produziert werden, dann habe ich Verständnis, dass man darüber diskutiert. Dies ist aber kein Neid, sondern das ist eine Frage der Gerechtigkeit!“
Wolfgang Grupp über den Ukraine-Krieg: „Noch Milliarden in Krieg investieren?“
Wie beurteilen Sie die Entwicklungen im Ukraine-Krieg?
Grupp: „Ich bin kein Putin-Verteidiger, aber wenn aus besten Freunden, mit denen man jahrzehntelang bewusst einseitige Verträge abgeschlossen hat und sich somit abhängig gemacht hat, dann plötzlich Todfeinde werden, dann kann etwas sicher nicht stimmen. Beendet werden kann der Krieg nur mit Diplomatie. Putin wird sich nicht besiegen lassen. Muss man jetzt noch Milliarden in den Krieg investieren, Zerstörung und tausende Tote in Kauf nehmen? Ich glaube nicht. Es ist an der Zeit zu versuchen, mit Diplomatie den Krieg zu beenden.“
Eine Folge des Krieges ist die Gas-Knappheit. Was machen Sie gegen die steigenden Energiepreise?
Grupp: „Was soll ich machen? Es gibt noch keine Wasserstoffturbine, die ich bei uns nutzen kann. Mir bleibt nichts anderes übrig, als die hohen Gaspreise zu bezahlen. Das Kuriose: 1986 haben wir von Öl auf Gas umgestellt, damals wollte das der Staat und hat das sogar subventioniert. Heute werde ich bestraft.“