Im Wahlkreis Rottweil/Tuttlingen ist die AfD im Westen Deutschlands besonders stark – aber warum? Dieser Frage geht das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ nach.
Vermutlich hätte sich Deißlingens Bürgermeister Ralf Ulbrich gewünscht, vom wohl renommiertesten Nachrichtenmagazins Deutschlands zu einem anderen Thema befragt zu werden. Aber die Spurensuche des „Spiegel“ führte nun einmal aus einem einzigen Grund in den Wahlkreis Rottweil/Tuttlingen: Die AfD hat hier bei der Bundestagswahl 2025 das in den alten Bundesländern stärkste Ergebnis eingefahren.
Und Deißlingen ragt da – neben anderen Städten und Gemeinden wie Sulz, Dietingen, Wellendingen oder Fluorn-Winzeln – als Gemeinde mit besonders großem AfD-Zuspruch heraus.
Bei der Spurensuche vor Ort soll beantwortet werden, warum das so ist. Schließlich passe dies nicht recht zusammen, heißt es im Teaser des Artikels, der nun veröffentlicht wurde. Im Gegensatz zu anderen AfD-Hochburgen seien die Gegend wohlhabend, die Unternehmen seien innovativ und die Gemeinden reich.
The Länd wie aus dem Bilderbuch
„The Länd wie aus dem Bilderbuch“, urteilt der „Spiegel“. Viele Familienunternehmen, Mittelständler, „ein Hidden Champion neben dem anderen“.
Im Kontrast dazu stehen die Wahlergebnisse 2025, die vor einem Jahr bundesweit Schlagzeilen machten: AfD-Kandidat Joachim Bloch holte für die AfD 27,1 Prozent der Zweitstimmen und 27,5 Prozent der Erststimmen. Die AfD hat damit im Wahlkreis Rottweil-Tuttlingen das beste Erststimmenergebnis der Partei in Westdeutschland geholt.
Maria-Lena Weiss verteidigte als Wahlsiegerin mit 34,4 Prozent der Zweitstimmen und 38,9 Prozent der Erststimmen für die CDU ihr Bundestagsmandat, Joachim Bloch zog über die Landesliste in den Bundestag ein – mit einem Plus von 13,8 Prozentpunkten im Vergleich zu 2021 im Rücken.
Auch bei Bloch schaute der „Spiegel“ vorbei. Den Wahlerfolg – trotz des Wohlstands in der Region – erklärt er sich unter anderem damit, dass die Leute eben „spüren, dass es bergab geht“. Und dass die Altparteien kein Heilmittel hätten. Das Heilmittel der AfD bleibt in diesem Gespräch offen.
Konsterniert und ratlos
Was dennoch bei den Wählern verfängt, das kann sich auch Deißlingens Bürgermeister Ralf Ulbrich im Gespräch mit dem „Spiegel“ nicht erklären. 29,3 Prozent der Zweitstimmen hatte die AfD 2025 in seiner Gemeinde geholt. Eine Gemeinde, die schuldenfrei ist, in der sich die Bürger über sanierte oder neue Schulen und Kindergärten freuen können und über eine „tipptopp sanierte Kirche“, wie der „Spiegel“ bemerkt. Zudem 200 Unternehmen und rund 2000 Arbeitsplätze.
Ulbrich – von dem im Nachrichtenmagazin als „der freundliche Bürgermeister“ gesprochen wird – sagt, er stehe dem AfD-Wahlerfolg „ratlos bis konsterniert“ gegenüber. Er vermutet unter anderem, dass Nachrichten über Firmeninsolvenzen und wegbrechende Aufträge Ängste wecken, viele konservative Wähler sich zudem von der CDU entfremdet und ihre politische Heimat verloren hätten.
Wort von Unternehmern zählt
Seine Hoffnung sei, dass Unternehmer, die in der Bevölkerung Respekt genießen, sich positionieren. Und dass das Wort von Unternehmern tatsächlich auch bei AfD-Anhängern etwas gilt, das bekräftigt der „Spiegel“ mit noch unveröffentlichten Ergebnissen einer Umfrage des Instituts der Deutschen Wirtschaft.
Klare Worte von Bettina Schuler-Kargoll
Kein Wunder also, dass der Weg der „Spiegel“-Reporter als nächstes zu Bettina Schuler-Kargoll, Recycling-Unternehmerin aus Deißlingen und IHK-Vizepräsidentin, führt. Sie berichtet von den Sorgen des Mittelstandes, von vielen kleinen Firmen, die von der Insolvenz erwischt wurden.
Unter keinen Umständen AfD
Und sie sagt klar: Bei allem Verständnis für den Frust mit den anderen Parteien würde sie „unter keinen Umständen AfD wählen“. Mit den rechtsradikalen Tendenzen könne sie sich nicht identifizieren. In Gesprächen versuche sie deshalb, die Vorteile der demokratischen Parteien herauszustellen. Und in Bezug auf eines der großen Themen der AfD, nämlich die Migration, sagt sie klar: „Ohne ausländische Mitarbeiter ginge es doch gar nicht.“
Das bekräftigt die Unternehmerin vehement, als wir sie bezüglich des „Spiegel“-Artikels kontaktieren. Bettina Schuler-Kargoll wundert sich, dass scheinbar andere von dem Magazin angefragte Unternehmer nichts sagen wollten. Doch für sie sei klar gewesen: Diese Chance, sich da zu positionieren, müsse sie ergreifen.
Für ausländische Mitarbeiter stark gemacht
Und dass sie sich ausdrücklich für die ausländischen Mitarbeiter stark gemacht habe, das sei nun auf viel positive Resonanz in der Branche gestoßen, berichtet sie im Gespräch mit unserer Redaktion. „Was denken die Leute, wer bei uns beispielsweise die schwere Brennschneidarbeit macht? Draußen, bei jedem Wetter. Das sind Kroaten und Syrer.“ Es sei kaum möglich, Menschen vor Ort für diese und anderen Arbeiten zu gewinnen.
Und das gelte freilich nicht nur für ihre Branche. „Da müssen sie nur mal in die Pflege schauen“, sagt die Unternehmerin. Dass die Menschen gerade hier, wo es „alles gibt, was man sich nur wünschen kann“, trotzdem meckern und alles schlechtreden, das ärgert sie.
„Auch ich bin nicht mit allem einverstanden in der Politik“, betont sie. Aber aus einer reinen Protesthaltung heraus die AfD zu wählen, mit all ihren rechtsradikalen Tendenzen, das verstehe sie nicht.
Erek Speckert von Kern Liebers kommt zu Wort
Und auch einer, der als medienscheu gilt und kaum Interviews gibt, kommt im „Spiegel“ zu Wort: Erek Speckert, Chef bei Kern Liebers in Schramberg – ein weltweit agierendes Unternehmen, das für die im Wahlkreis stark vertretene Automobilzulieferer-Branche steht. Speckert zeigt sich im Gespräch mit dem „Spiegel“ nicht pessimistisch für sein Unternehmen, wohl aber für Deutschland. Die Sorgen in der Belegschaft seien groß. »Wenn Leute Angst um ihre Jobs haben, ist das ein Nährboden für billigen Populismus“, wird er zitiert.
Alles den Bach runter
Zu Wort kommen außerdem Benedikt Hermle von der Maschinenfabrik Berthold Hermle in Gosheim, Schriftstellerin Verena Boos, Zimmertheater-Intendant Peter Staatsmann sowie AfD-Anhänger, die zu ihrer Motivation sagen, dass „alles den Bach runter“ gehe, sie Angst vor Altersarmut hätten oder die Kosten in der Pflege so nicht weiter steigen könnten.
Welche Parteien nun für die Sorgen der Bürger die besten Lösungen aufzeigen kann, wird sich bei der Landtagswahl am 8. März zeigen.
Vergleichbar zu den Zahlen von 2025 wird das Ergebnis allerdings auf den ersten Blick nicht sein, bei der Landtagswahl umfasst der Wahlkreis nicht auch den Kreis Tuttlingen, sondern nur den Kreis Rottweil.