Rund 30 Jahre sparte sich Nagold den Archivar. Entsprechend groß ist der Nachholbedarf. Mittlerweile ist Claire Hölig Stadtarchivarin und gab ihren Tätigkeitsbericht im Kulturausschuss ab. Unter anderem erörterte sie, warum auch die vielgepriesene Digitalisierung ihre Tücken hat.
Beeindruckt waren Nagolds Ausschussmitglieder von dem, was sie da aus dem Mund ihrer Stadtarchivarin hörten. Jahrzehntelang fristete die Archivarbeit in Nagold ein Schattendasein. Die Archivalien waren zum Teil mehr schlecht als recht an ganz unterschiedlichen Orten untergebracht.
Die Ortsteile zum Beispiel hatten eigene Archive, aber auch in der Kernstadt waren die Archivmaterialien weit verstreut und zum Teil unsachgemäß eingelagert.
Gut getan hat dieser sorglose Nicht-Umgang mit dem „Gedächtnis“ der Stadt Nagold den Archivgütern nicht. Doch immerhin, es wird besser. Claire Hölig arbeitet seit drei Jahren daran, Nagolds Stadtarchiv auf Vordermann zu bringen. Und ihre Fortschritte sind groß.
„Das erleichtert mir die Arbeit natürlich sehr“
„Der Umzug ist jetzt komplett abgeschlossen. Alle Bestände sind bei uns“, erörtertete Hölig im Kulturausschuss. Vor allem sind damit die Bestände der Ortsteile gemeint. Aber auch jene aus den städtischen Magazinräumen. Von 457 laufenden Metern an Archivgut berichtete Hölig, das von Januar bis September 2024 überführt wurde. „Somit ist der Umzug des Altbestands abgeschlossen“, freute sie sich. Und fügte hinzu: „Das erleichtert mir die Arbeit natürlich sehr.“
Im neuen Vorzeige-Stadtarchiv im Traube-Center sind nun die Bestände untergebracht. Doch selbst dort scheint noch nicht alles in bester Ordnung zu sein. Denn in ihrem schriftlichen Bericht für den Ausschuss erörterte Hölig: „Die Raumklimaüberwachung zeigt, dass Temperatur und Luftfeuchtigkeit in den Magazin- und Depoträumen im Sommer deutlich über dem Grenzwert liegen.“ Gebäudeverwaltung und Archiv bemühten sich nun um die Behebung des Problems.
Schimmelbefall zieht Restaurierungen nach sich
Was passiert, wenn Archivalien nicht sachgerecht untergebracht sind, verdeutlichte Hölig auch. 48,5 laufende Meter an Archivgut aus einem Ortsteil und der Kernstadt mussten aufgrund Schimmelbefalls von einer Restaurierungsfirma fachgerecht trockengereinigt werden. Zudem berichtete Hölig von mechanischen Schäden, die viele Amtsbücher aufweisen würden. Behoben sind auch noch lange nicht alle Schäden, die Archivarin musste priorisieren. Nach und nach wird nun gesichert, saniert, gereinigt – eben bewahrt.
Die Grenzen der Digitalisierung
Angesichts der immensen Schäden, die Schimmel zum Beispiel an alten Büchern und Dokumenten anrichten kann, scheint die Digitalisierung umso wichtiger. Und tatsächlich, in dem Bereich ging einiges voran. Hölig informierte, dass ein Großteil der Bestände nun digital durchsuchbar und auffindbar wären. Nur die Findbücher von Emmingen und Vollmaringen sind noch nicht dabei. „Seien Sie also nicht enttäuscht, das kommt noch.“
Wobei auch die Digitalisierung Grenzen kennt. „Den täglichen Umgang macht es in vielem einfacher, vor allem für den Nutzer“, erörterte Hölig. Doch bei der Archivierung selbst sei die Digitalisierung anspruchsvoller. Denn ist ein Buch einmal sachgerecht aufbewahrt, hält es Jahrhunderte. Bei digitalen Formaten sieht das anders aus. Mit einem Lächeln erinnerte Hölig an die rasante Entwicklung im digitalen Leben, an unterschiedliche Formate und Speichermedien wie Sticks oder auch Disketten. „Da ändert sich laufend sehr viel, und es müssen in viel kürzeren Abständen Anpassungen vorgenommen werden.“
Mehr Präsenz in der Öffentlichkeit
In Sachen Öffentlichkeitsarbeit zeigt das neue Archiv und die umtriebige Archivarin bereits Wirkung. So gab Claire Hölig einen gut besuchten Kurs zur Quellenkunde und Paläografie (Lehre von den alten Schriften) bei der VHS – das Angebot wird wegen des großen Interesses 2025 wiederholt. Am Tag der Archive nahm man ebenso teil wie am Kinderferienprogramm im Sommer. Insgesamt nutzten 2024 155 Personen das Archiv – „ein Anstieg von 40 Prozent im Vergleich zum Vorjahr“, freute sich die Archivarin.
Besonders fruchtbar war auch ein Appell vor einem Jahr, dass Vereine und Privatpersonen doch ihre Materialien zum Stadtarchiv bringen sollen. „Ich habe jetzt mal davon Abstand genommen, dafür weiter aktiv zu werben“, sagte Hölig. Der einfache Grund: „Ich habe aktuell sehr viel zu tun.“ Gleichwohl freue sie sich über jeden Verein, der auf sie zukomme.
Als Beispiel für den aufwendigen Job der Archivierung nannte sie den derzeit laufenden Prozess, das Registraturgut aus den Liegenschaften aufzunehmen. „Ich brauche da etwa eine Stunde pro Ordner.“ Rechne sie das hoch, komme sie auf fünf Monate, die sie nur damit beschäftigt sei. „Das kann und werde ich natürlich nicht machen, also muss ich Prioritäten setzen.“