2023 soll die Hermann-Hesse-Bahn das erste Mal fahren. Doch die Vorfreude auf das Mammutprojekt wird getrübt: Die Pläne des Verbands Region Stuttgart, die neue Linie S 62 künftig viel öfter fahren zu lassen, lässt die Attraktivität der Hesse-Bahn bröckeln.
Kreis Calw - "Die neue S 62 soll ab 12. September 2022 nach den Sommerschulferien das Angebot auf der S6 ergänzen. [... ] Damit erhöht sich zwischen Weil der Stadt und Stuttgart-Zuffenhausen das Zugangebot am Tag um 13 Züge je Richtung." So steht es in einer gemeinsamen Pressemitteilung des Verbands Region Stuttgart und der Deutschen Bahn. Was im ersten Moment vielversprechend klingen mag, hat einen Haken: Die Hermann-Hesse-Bahn (HHB) könnte durch das neue Angebot deutlich an Attraktivität verlieren. Das zumindest befürchten Landratsamt sowie Gemeinderäte aus Calw und Althengstett.
Doch von vorne. Die Hesse-Bahn soll ab 2023 jede halbe Stunde von Calw (über Heumaden, Althengstett, Ostelsheim und Weil der Stadt) nach Renningen und zurück fahren, ab 20 Uhr dann stündlich. In Renningen können Fahrgäste in die S 6 oder in die S 60 umsteigen und damit innerhalb von knapp 20 Minuten nach Sindelfingen oder Böblingen, oder in rund einer halben Stunde nach Stuttgart weiterfahren.
Die neue S 62 soll wiederum ab September diesen Jahres auf derselben Linie zwischen Weil der Stadt und Stuttgart-Zuffenhausen verkehren – 13 Mal am Tag. Sieben Mal in der Hauptverkehrszeit morgens ab 6 Uhr, sechs Mal in der "Rush Hour" abends bis 19 Uhr, erklärt Jürgen Wurmthaler, Verkehrsdirektor beim Region Verband Stuttgart, der für das Netz in der Region verantwortlich zeichnet. Halten soll die S 62 zwischen Weil der Stadt und Zuffenhausen in Leonberg, Ditzingen, Weilimdorf und Korntal. "Von Weil der Stadt nach Ditzingen benötigt die S 62 nur 16 Minuten anstatt 21 Minuten mit der S 6. Mit den reduzierten Halten fungiert die S 62 auf der Strecke als eine Art ›Express-S-Bahn‹", heißt es in der gemeinsamen Pressemitteilung.
Renningen bleibt in dieser Planung sprichwörtlich auf der Strecke. Die "Express-S-Bahn" hält dort nämlich nicht. Und die Hesse-Bahn in der Zeit, in der die S 62 fährt, auch nicht. Die HHB verkehrt dann nämlich nur zwischen Calw und Weil der Stadt.
Nicht die gewünschten Fahrgastzahlen
"Durch den Wegfall des Halts in Renningen müssen Reisende, beziehungsweise Pendler aus Calw, zweimal umsteigen, um beispielsweise nach Böblingen zu gelangen", äußert sich Janina Dinkelaker, Pressesprecherin des Landratsamts Calw, frustriert. Ein kleines Beispiel: Möchte Person X vom Calwer ZOB aus nach Böblingen, muss er mit der HHB nach Weil der Stadt fahren, auf die S 6 warten, damit eine Station nach Renningen fahren und dort in die S 60 nach Böblingen steigen. Auch nach Stuttgart-Stadtmitte kommt man mit der S 62 nicht ohne Umstieg, wie Bernhard Plappert (CDU) im Calwer Gemeinderat darlegte. Zunächst in Zuffenhausen, später, sobald im Bahnhof Stuttgart-Feuerbach das Bahnsteiggleis 130 fertig ist, ebendort müssen die Fahrgäste den Zug wechseln.
"Dies macht damit eine Fahrt sowohl nach Böblingen/Sindelfingen sowie auch nach Stadtmitte Stuttgart nicht attraktiv", resümierte Plappert. "Es ist zu erwarten, dass dadurch nicht die gewünschten Fahrgastzahlen auf der Hermann-Hesse-Bahn erreicht werden." Selbiges befürchtet auch Dinkelaker, die stellvertretend für die Verantwortlichen im Landratsamt spricht. "Die uns vorliegenden Pläne führen auf jeden Fall nicht zu einer Attraktivitätssteigerung der Hermann-Hesse-Bahn", bringt sie es auf den Punkt.
Besonders ärgerlich: Das Landratsamt in Calw hat von den neuen Plänen nur durch die Presse erfahren. "Uns war bewusst, dass die – damals so genannte –›Express-S-Bahn‹ mit dem Betriebskonzept der Hermann-Hesse-Bahn kollidiert. Deshalb wurde ihr ein Vorrang eingeräumt, zumal es sich um einzelne Fahrten (je zwei bis drei am Morgen und am Abend) in der Hauptverkehrszeit handeln sollte. Über den jetzt geplanten Umfang der Fahrten (täglich 13) sind wir überrascht", gibt die Pressesprecherin auf Nachfrage unserer Redaktion zu Protokoll.
Aus diesem Grund wolle der Zweckverband HHB nun das Gespräch mit dem Verkehrsministerium des Landes und dem Verband Region Stuttgart suchen, kündigt Dinkelaker an.
Klare Abwägung
Wurmthaler vom Verband Region Stuttgart begründet die Pläne der S 62 mit Engpässen bei den bisherigen Linien S 6 und S 62. Vor allem der Abschnitt zwischen Weilimdorf und Zuffenhausen sei zu den Hauptverkehrszeiten "völlig überfüllt", was die Strecke "total unattraktiv" mache, erklärt er. Zwar seien in Corona-Zeiten weniger Leute unterwegs, doch man müsse eben auch genügend Platz schaffen um die Sicherheit aller Fahrgäste zu gewährleisten. Als Entlastung sei daher die Idee der S 62 entstanden. Gegenüber einer normalen S-Bahn habe sie den Vorteil einer Zeitersparnis durch weniger anzufahrende Haltestellen.
In der ersten Zeit, betont Wurmthaler, habe die neu geplante Linie freilich noch keine Auswirkungen auf die HHB – die gibt es schließlich zu diesem Zeitpunkt noch nicht. Auch später sollen sie sich nicht in die Quere kommen. Zwar, räumt er ein, müssten Fahrgäste, wenn sie beispielsweise nach Böblingen wollen, einmal mehr umsteigen. Doch wesentlich mehr Zeit brauche das nicht. Und: Der Planung liege eine klare Abwägung zugrunde – es werden laut Wurmthaler mehr Leute, insbesondere in Weilimdorf, von der zusätzlichen Linie profitieren als hier unter den Auswirkungen leiden.
Die "Express-S-Bahn" war aber nicht das einzige Thema, das jüngst aufs Tableau kam. Plappert brachte in der Gemeinderatssitzung noch ein anderes, aber ähnlich gelagertes Thema zur Sprache: den Metropolexpress, kurz: Mex. Dieser soll, so ist es auf der Homepage von "bwegt" zu lesen, das Umland schnell mit der Stadt verbinden. Das Ziel: Fahrgäste, insbesondere Pendler, außerhalb des Stuttgarter S-Bahn-Gebietes an den Bahnhöfen "einzusammeln" und im 30-Minuten-Takt nach Stuttgart zu bringen. Während zum Beispiel das Remstal oder die Region Tübingen bereits an das Mex-Netz angeschlossen sind, scheint der Kreis Calw außen vor zu bleiben. "Durch Stuttgart 21 wird die Nordschwarzwald-Linie endgültig vom Bahnknoten S 21 und damit vom Hauptnetz der Bahn abgekoppelt", sagte Lothar Kante (SPD) in der jüngsten Sitzung des Althengstetter Gemeinderats, als seine Liste einen Antrag zu einem Metropolexpress Calw-Stuttgart zur Abstimmung vorlegte. "Wenn die Verkehrswende hier gelingen soll, ist jedoch auch für die Region Nordschwarzwald die Vernetzung des Bahnverkehrs mit dem Hauptbahnhof Stuttgart essenziell. Ein dafür erforderliches Angebot ist planerisch bisher nicht vorgesehen. Calw bliebe die einzige Kreisstadt der Metropolregion Stuttgart, die nicht am Metropolnetz angeschlossen ist", heißt es in der Begründung zum Antrag.
Anträge gestellt
Gerade mit Blick auf die S 62, wegen der für Fahrgäste aus Calw und der Umgebung mehrere Umstiege nötig werden, argumentierte er: Es sei sinnvoller, eine direkte Metropolexpress-Verbindung von Calw nach Stuttgart-Tiefbahnhof einzurichten, der eine wesentlich höhere Reisegeschwindigkeit möglich macht. Eine S-Bahn könne keine umsteigefreie Bahnverbindung mit kurzen Fahrten leisten. "Ein Metropolexpress, der nicht an allen Stationen hält, dagegen schon", betonen Kante und seine Kollegen von der SPD-Liste, Richard Dipper und Paul Binder. Zudem entlaste ein Metropolexpress das strukturell störanfällige S-Bahn-System und kommt wesentlich auch Anliegerkommunen im Kreis Böblingen zugute.
Doch: "Damit der Tiefbahnhof S21 von Calw aus, über Weil der Stadt, Renningen, Leonberg angefahren werden kann, sind Gleisbaumaßnahmen nötig, die rechtzeitig geplant und umgesetzt werden müssen", so die SPD im Althengstetter Gemeinderat. Ins selbe Horn bließ Plappert im Calwer Gremium. Er befürchtet: Wenn die entsprechenden Maßnahmen nicht im Zuge von S 21 umgesetzt werden, dann nie.
Daher forderte er, dass sich die Stadt Calw zu beiden Themen klar positionieren und der Gemeinderat sich hinter Oberbürgermeister Florian Kling stellen möge, um seine Verhandlungsposition unter anderem mit dem Landratsamt zu stärken. Man wolle damit ein Signal setzen – und "dieses Mal an der Seite von Renningen" kämpfen, die dasselbe Ansinnen verfolgen dürften, meinte Kling dazu. Renningen und der Kreis Calw hatten lange Zeit erbitterte Streits wegen der HHB geführt. Das Gremium stimmte dem Antrag Plapperts zu. Auch dem Antrag im Althengstetter Gemeinderat, nach dem die Gemeindeverwaltung gebeten wird, den Kreis Calw dazu aufzufordern, "sich zeitnah bei dem Verkehrsministerium des Landes für die Umsetzung eine direkten Bahnverbindung zwischen Calw und Tiefbahnhof Stuttgart mittels Metropolexpress einzusetzen", wurde stattgegeben. In der kommenden Kreistagssitzung am 4. April soll zusätzlich ein fraktionsübergreifender Antrag gestellt werden, um dem Landrat den Auftrag für Verhandlungen zu geben. Die Debatte gewinnt offenbar an Fahrt.