Chirurg Friedhelm Beyersdorf, Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (Mitte) und Landesjustizministerin Marion Gentges sprachen am Donnerstagabend im Pflugsaal über Probleme und Chancen des Gesundheitswesens. Foto: Schabel

Nina Warken sprach auf Einladung von Justizministerin Marion Gentges in Lahr über Herausforderungen im Gesundheitswesen.

Kurz nach 16.30 Uhr am Donnerstag betrat Nina Warken den Pflugsaal, flankiert von Marion Gentges und dem Bundestagsabgeordneten Yannick Bury, dahinter ein Mann mit Knopf im Ohr und wachem Blick. Gesichert wurde das CDU-Podiumsgespräch über „Medizin der Zukunft“ im mit rund 120 Besuchern gut gefüllten Saal außerdem von einem weiteren Security-Mann der Bundesministerin und zwei Polizisten des Lahrer Reviers. Vorne angekommen, schüttelte Warken die Hand von OB Markus Ibert, Europa-Park-Chef Roland Mack, Landrat Thorsten Erny, dem früheren CDU-Wahlkreisabgeordneten Peter Weiß und von Claudia Bauer-Rabe, der Vorstandsvorsitzenden des Ortenau-Klinikums.

 

Was sagte Nina Warken?

Als Bundesgesundheitsministerin sieht sich Juristin Warken (CDU) vor eine enorm schwierige Aufgabe gestellt. Denn das deutsche Gesundheitssystem ist ein schwieriger Patient mit vielen Beschwerden – Kliniken schreiben Verluste, die gesetzlichen Krankenkassen stecken in einer tiefen Finanzkrise, Arztpraxen arbeiten am Limit.

Erschwert wird Warkens Arbeit auch dadurch, dass es in kaum einem anderen Bereich so viele Interessenvertretungen gibt. Davon bekamen die Besucher ihres Auftritts in Lahr eine Ahnung. Nachdem die Diskussion eröffnet war, beschwerte sich etwa eine Zuhörerin über die „Zwei-Klassen-Medizin“, bei der Privat- und Kassenpatienten nicht gleich behandelt würden. Ein Mediziner im Publikum schilderte Probleme von Landärzten und weshalb er keinen Nachfolger für seine Praxis gefunden hat. Gleich zu Beginn hatte OB Markus Ibert in seiner Begrüßung eine bessere Unterstützung der Kliniken gefordert, denn deren Lage sei „dramatisch“.

Warken bestätigte, dass an Reformen kein Weg vorbeiführe, forderte für deren Umsetzung aber Geduld ein. Vor allem über die Digitalisierung und den Einsatz von Künstlicher Intelligenz sprach sie. „Die KI bietet viele Möglichkeiten, die Gesundheit zu verbessern“, etwa bei der Früherkennung von Krebs oder dem Lesen von Röntgenbildern.

KI-Systeme könnten Ärzte auch bei der Dokumentation und administrativen Aufgaben unterstützen. Zugleich müsse die Verantwortung für Diagnosen und Behandlungen stets beim Menschen bleiben und die Sicherheit der Patientendaten gewährleistet sein.

Als direkte Antwort auf Iberts Forderung nach besserer finanzieller Unterstützung für die Kliniken brachte Warken die Krankenhausreform zur Sprache, die bereits von ihrem Vorgänger Karl Lauterbach (SPD) auf den Weg gebracht wurde.

Foto: Schabel

Große Hoffnungen verbindet sie auch mit der „Finanzkommission Gesundheit“, die sie Ende September eingesetzt hat. Sie soll Vorschläge liefern, um die Finanzprobleme der Gesetzliche Krankenversicherung (GVK) in den Griff zu bekommen. Welche Folgen damit möglicherweise für die Beitragszahler verbunden sind, blieb in Lahr ungesagt. Das Solidarsystem der GVK werde aber bleiben, versprach Warken im Pflugsaal.

Auf die Beschwerde einer Besucherin über die vermeintliche Ungleichbehandlung von Privat- und Kassenpatienten erwiderte die Bundesgesundheitsministerin, dass sie an diesem System nicht rütteln werde. Auch deshalb, da viele Praxen auf die Einnahmen durch Privatpatienten angewiesen seien.

Eines der größten Probleme im deutschen Gesundheitssystem betrifft die Finanzen, das Bundesministerium erwartet für 2026 zum Beispiel einen Anstieg der Krankenhausausgaben auf 120 Milliarden Euro. Es brauche „eine große Kraftanstrengung, um effizienter zu werden“, sagte Warken dazu in Lahr. Geplant sei eine „Ambulantisierung“, um Kosten zu senken. Sprich medizinische Leistungen sollen in die ambulante Versorgung verlagert werden, damit die Patienten seltener im Krankenhaus übernachten müssen.

Warken brachte in Lahr für das nächste Krankenkassensparpaket auch höhere Zuzahlungen in der Apotheke ins Gespräch: „Ich halte einen solchen Schritt für nachvollziehbar, weil die Zuzahlung seit über 20 Jahren nicht angepasst wurde.“

Wie lief die ganze Veranstaltung ab?

Nachdem eingangs ein Wahlwerbespot von Marion Gentges mit schönen Bildern aus Lahr und dem Kinzigtal gezeigt wurde, begrüßte die Justizministerin und Wahlkreisabgeordnete leibhaftig die Besucher. Gentges betonte ihre gute Beziehung zu Warken, mit der sie schon lange befreundet sei, und die enormen Herausforderungen im Gesundheitswesen, dessen Kosten zwölf Prozent des Bruttoinlandsprodukts ausmachten.

Es gab Impulsvorträge von Warken und Chirurg Friedhelm Beyersdorf, danach nahmen die Drei an einem Tisch auf der Bühne Platz und beantworteten Fragen aus dem Publikum.

Wie hat sich Friedhelm Beyersdorf geäußert?

Der 71-Jährige ist ein hoch angesehener Mediziner, er hat 1994 die erste Herztransplantation an der Uniklinik Freiburg ausgeführt. Seit 2022 ist Beyersdorf nicht mehr klinisch tätig. In Lahr sprach er mit fester, hörsaaltrainierter Stimme vor allem darüber, was er sich vom Einsatz von Künstlicher Intelligenz in der Medizin verspricht, nämlich sehr viel: „Die KI wird uns unglaubliche Dinge bescheren.“

Auch auf politische und gesellschaftliche Themen ging der frühere Direktor der Chirurgischen Klinik des Uniklinikums Freiburg ein. Das Gerede über eine mögliche Vier-Tage-Woche mit vollem Lohnausgleich „muss aufhören“, forderte er etwa. Er selbst habe viel gearbeitet, auch samstags und sonntags, da es ihm Spaß gemacht habe.

Wie war die Stimmung im Saal?

Zwei Welten prallten teils aufeinander. Während auf der Bühne von KI und der Zukunft der Medizin gesprochen wurde, äußerten Besucher ganz praktische, gegenwärtige Probleme im Gesundheitswesen. So meldete sich zum Beispiel Martin Keßler zu Wort. Der Allgemeinmediziner hat im Januar 2024 nach mehr als 30 Jahren seine Praxis in Haslach geschlossen, ohne einen Nachfolger gefunden zu haben. Nach insgesamt 40 Jahren als Arzt erhalte er heute 3200 Euro Rente.

Mit durchaus bitterem Unterton nannte Keßler die Bedingungen, unter denen er als Hausarzt tätig war: 60 Euro pro Patient und Quartal habe er zur Verfügung gehabt, das habe reichen müssen – für das Personal, das technische Praxis-Equipment und die eigene Vergütung. Die Bürokratie sei eine Belastung gewesen. Dass unter solchen Bedingungen niemand bereit gewesen sei, seine Praxis zu übernehmen, sei kein Wunder, so Keßler. Er sei froh, dass er seine Patienten noch einem anderen Mediziner habe übergeben können. „Aber wenn auch der aufhört, haben sie vor Ort keinen Arzt mehr.“

Die Antwort hierauf kam von Gentges: Sie hob die Einführung der Landarztquote in Baden-Württemberg im Jahr 2021 hervor. Die mache es möglich, auch ohne Top-Noten Medizin zu studieren, Voraussetzung sei stattdessen einfach das Interesse am Beruf. Dafür verpflichteten sich die Teilnehmer, zehn Jahre lang in Baden-Württemberg zu arbeiten, und zwar in einer Region mit besonderem Bedarf an Hausärzten.

Insgesamt trafen Warken, Gentges und Beyersdorf natürlich auf ein wohlgesonnenes Publikum, das vor allem aus CDU-Mitgliedern und -Sympathisanten bestand. Als die Bundesgesundheitsministerin nach gut eineinhalb Stunden zu ihrem nächsten Termin in Baden-Baden aufbrach, wurde sie mit ebenso freundlichem Beifall verabschiedet, wie sie empfangen worden war.

Was sagte Markus Ibert?

Der OB hatte die Begrüßung übernommen und dabei keine Schönfärberei betrieben: Das Ortenau-Klinikum habe 2024 Verluste von rund 50 Millionen Euro verkraften müssen. „Für 2025 rechnen wir mit einem Defizit von mehr als 40 Millionen Euro“, ergänzte der Lahrer Rathauschef. Dabei würden sich die Kommunen selbst in einer massiven Finanzkrise befinden, „nicht zuletzt aufgrund der Aufgaben, die Bund und Land ohne ausreichende Gegenfinanzierung an uns übertragen“.

Man könne nun nicht auch noch die horrenden Defizite der Kliniken schultern. Deshalb würden die Städte und Gemeinden in Baden-Württemberg Lösungen von Bund und Land erwarten, „um die Kliniken finanziell zu stabilisieren und auch die kommunalen Finanzen strukturell und dauerhaft zu stärken“.

Zum Neubau des Lahrer Klinikums bemerkte Ibert, dass man nach „äußerst positiven Signalen aus Stuttgart“ nun zeitnah die Aufnahme ins Landeskrankenhausbauprogramm 2026 erwarte: „Damit die Finanzierung sichergestellt und der Bau des neuen Klinikums wie geplant im Juni 2027 starten kann.“

Zur Person: Nina Warken (46) ist seit Mai 2025 Bundesministerin für Gesundheit. Seit Dezember 2018 ist sie Mitglied des Bundestages, dem sie auch schon von 2013 bis 2017 angehört hatte. Von 2023 bis 2025 war sie Generalsekretärin der CDU Baden-Württemberg. Seit 2025 ist sie auch Bundesvorsitzende der Frauen-Union.

Ihr Wahlkreis ist Odenwald-Tauber, sie bezeichnet sich selbst als „stolze Tauberbischofsheimerin“. Warken ist verheiratet und Mutter von drei Söhnen. Seit Januar 2006 ist sie als Rechtsanwältin zugelassen und gehört seit 2012 einer von ihrem Schwiegervater Hans-Georg Warken geführten Kanzlei in Püttlingen im Saarland an.