Wenn es Herstellern und Politik nicht gelingt, den Umstieg aufs Elektroauto zu meistern, verlieren alle. Die Konkurrenz wartet nicht auf Deutschland, meint unser Autor.
Über das Kernproblem muss eigentlich nicht mehr diskutiert werden: Ohne die Abkehr von fossilen Brennstoffen wird es nicht gelingen, die Erderwärmung zu bremsen und damit den Lebensraum des Menschen zu schützen. Trotzdem ist dies in der heutigen Debattenlage keine Selbstverständlichkeit mehr. Viele bestreiten die wissenschaftlich fundierte Erkenntnis vom menschengemachten Klimawandel – von Trump bis zur AfD. Die Sicht der Populisten lässt sich argumentativ kaum entkräften, da sie Fakten höchstens selektiv zur Kenntnis nehmen. Über die beste Strategie beim Klimaschutz aber lässt sich berechtigt streiten – auch über das EU-Verbrennerverbot von 2035 an. Solange klar ist, dass es dabei um eine Neben- und nicht um die Hauptfrage geht.
Vielstimmig wird zu Beginn der Autoausstellung IAA in München gefordert, die EU müsse ihre Regeln lockern, um die europäische Autoindustrie nicht zu gefährden. Hersteller, Zulieferer und Kanzler Friedrich Merz sind sich einig, selbst unter den Grünen gibt es Lockerungsübungen: Bis 2035 sei der vollständige Umstieg auf CO2-freie Antriebe nicht zu schaffen, so das Argument, man brauche flexiblere Lösungen.
Die Details entscheiden nicht über das Große und Ganze
Nun hängt die Klimarettung wahrlich nicht davon ab, ob zum Beispiel neue Autos mit Hybridantrieb ein paar Jahre länger erlaubt werden als bisher geplant. Auch kann man mit Recht fragen, ob hohe Strafzahlungen bei Nichterreichen der Zwischenziele die Industrie eher zu Höchstleistungen antreiben oder ins wirtschaftliche Verderben schicken. Allen, die sich nicht in faktenarmen Wunschwelten bewegen, ist aber auch klar: Ohne den schrittweisen Umstieg auf im Betrieb CO2-freie Elektroantriebe ist die Klimawende im Verkehr nicht zu schaffen. Alternativen wie synthetische Kraftstoffe klingen für viele verlockend, sind aber meilenweit von einer Industrialisierung entfernt.
Die deutschen Hersteller zeigen auf der IAA, dass sie dies verstanden haben. Sie präsentieren technisch herausragende, hoch effiziente und optisch ansprechende Elektroautos. Von nächstem Jahr an bringen einige auch bezahlbare Einstiegsmodelle auf den Markt. Gleichzeitig verhalten sich die Hersteller aber wie eine Mutter, die dem Kind immer den gesunden Apfel anpreist, doch gleichzeitig die Schublade mit den bunten Zuckerbonbons öffnet. Die Werbung von Firmen, die neben E-Autos neue PS-Schleudern mit acht Zylindern anpreisen, fällt zwangsläufig widersprüchlich aus. Bekenntnisse zum Klimaschutz klingen dann hohl, für Kunden ist kaum die Richtung zu erkennen. Rätselhaft ist auch, warum die unbestrittenen Vorzüge von E-Autos so selten thematisiert werden: Sie nutzen Energie deutlich effizienter, machen weniger Lärm und stoßen keine Abgase aus, was doch in emissionsbelasteten Städten ein wichtiges Argument sein müsste.
Wie soll der Kunde die Richtung erkennen?
Die EU wiederum ist gut darin zu bestimmen, was besser laufen müsste. Es auch wirklich besser zu machen, gehört dagegen nicht zu den Stärken der dauerdebattierenden 27 Mitglieder. Ladesäulen, Stromnetzausbau, Strompreise, Rohstoffbeschaffung für Batterien – die Liste des nicht Erledigten spricht den eigenen Ambitionen Hohn. Chinas Planwirtschaft kriegt es besser hin, leider.
Wohlgemerkt, in Sachen Klimabilanz sind E-Autos nicht perfekt, vor allem wegen der energieintensiven Batterieproduktion. Aber nach verfügbarem Wissen sind sie unterm Strich den Verbrennern in der CO2-Bilanz klar überlegen. Wenn es Politik und Industrie nicht gelingt, die Antriebswende zu meistern, verlieren alle, in erster Linie der Klimaschutz. Die Industrie wäre trotzdem nicht gerettet. Denn andere, siehe China, werden sich dadurch nicht bremsen lassen.