Tausende Menschen sind laut: Gegen rechts, für Freiheit und Demokratie. Der Balinger Marktplatz war am Samstag rappelvoll mit Bürgern, die ein Zeichen gegen die AfD setzen.
„Nie wieder ist jetzt!“ Am Gedenktag für die Opfer der Nationalsozialisten und des Holocaust gingen in Balingen Schätzungen zufolge 2500 Menschen auf die Straße. Ihre Botschaft fasste Versammlungsleiter Joke Herth (SPD) zusammen: „Wir werden laut gegen die braune Soße.“
Zur Demonstration hatte unter Regie von SPD und Grünen ein breites Bündnis von Parteien, Kirchen und Vereinen aufgerufen.
Schweigeminute für die Holocaust-Opfer
Es war ein Moment, der sich womöglich wie die Gartenschau in das kollektive Gedächtnis der Balinger einbrennen wird: Die Schweigeminute im Gedenken an die Opfer der Gräueltaten der Nazis. Ihr vorausgegangen war der Aufruf Herths, die Solidarität zu feiern. Dass so viele gekommen waren, um einzustehen für den Paragrafen eins des Grundgesetzes – „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ – stimme ihn hoffnungsfroh.
Im Anschluss zogen die Teilnehmer der Kundgebung durch die Innenstadt. Ihnen angeschlossen hatten sich auch Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU), Bundestagsabgeordneter Robin Mesarosch (SPD) und Balingens Oberbürgermeister Dirk Abel. Viele Teilnehmer hatten Plakate dabei, einige skandierten „Ganz Balingen hasst die AfD.“ Die Polizei war präsent, musste aber nicht eingreifen. Der Protest verlief absolut friedlich.
Oberbürgermeister ruft zur Stärkung der Demokratie auf
Der mit Holzbrettern abgedeckte Ulrichsbrunnen wurde zum Podium für die Redner, die nach dem Aufmarsch zum Mikrofon griffen. Der erste war Abel und er war hörbar ergriffen von der Solidarität der Balinger. „Danke, dass Sie sich gegen Extremismus jedweder Art einsetzen.“ Die Masse der Menschen strafe diejenigen Lügen, die behaupteten, dass hinter ihrer hetzerischen Rhetorik eine schweigende Mehrheit stehe.
Den Zustrom Geflüchteter könne man auf Dauer so nicht schaffen, gab er zu bedenken und übte auch Kritik. Wer in Deutschland gut versorgt sei und kriminell werde, schüre Intoleranz. „Aber nichts davon rechtfertigt Rassismus.“ Deutscher sei, wer die Staatsbürgerschaft besitze. Bürger erster, zweiter oder dritter Klasse gebe es nicht. Abel weiter: „Es ist unsere Pflicht, uns für die Demokratie stark zu machen.“
Im Super-Wahl-Jahr 2024 sieht Abel eine Reifeprüfung. „Wer Populisten wählt, höhlt unsere Demokratie aus.“ Dann ließ der Stadtvater den Blick über die Menge schweifen: „So viele zu sehen, das ist ein tolles Bild. Danke.“
Nach dem OB ergriff Mansoor Ghuman als Vertreter der Ahmadiyya-Gemeinde das Wort. Er zitierte den Propheten Mohammed mit den Worten: „Alle Menschen sind die Familie Gottes.“ Und das sei völlig unabhängig davon, welchem Glauben sie angehörten. „In diesem Moment, in dem wir hier stehen, sterben Kinder, sterben Unschuldige.“ Ghuman rief dazu auf, zusammenzustehen und den Hass zu stoppen.
„Demokratie ist das Glaubensbekenntnis unserer Gesellschaft“
„Demokratie ist das Glaubensbekenntnis unserer Gesellschaft“, rief Achim Wicker den Versammelten zu. Der Dekanatsreferent des Katholischen Dekanats Balingen fand klare Worte: „Extremismus ist nicht in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Rechte Gesinnungen und Ausgrenzung haben bei uns keinen Platz.“ Jeder Mensch habe eine von Gott geschenkte Würde, die absolut unantastbar sei.
Sein evangelischer Kollege, Dekan Michael Schneider, fragte in die Menge, wer denn zum ersten Mal bei einer Demo sei. Viele zeigten auf – auch er. „In den letzten Jahren hatt das Private gewonnen, aber wir dürfen das Feld nicht jenen überlassen, die die Freiheit mit Füßen treten.“ Für ihn sei diese Demonstration „ein starkes Zeichen für Toleranz, Freiheit und Demokratie.“ Schneider weiter: „In Balingen haben Hass und Ausgrenzung keinen Ort.“ Die Menge applaudierte kräftig.