Nach 40 Jahren verabschiedet sich Wolfgang Schäfer aus dem Nagolder Gemeinderat. Foto: Thomas Fritsch

Er ist der dienstälteste Stadtrat seit dem Jahr 1949 und er ist in Nagold die personifizierte Politik. Mehr Leidenschaft für Nagold und seine Lokalpolitik geht eigentlich nicht. Mit der anstehenden Kommunalwahl verabschiedet sich Wolfgang Schäfer aus dem Gemeinderat.

Er ist noch nicht erwachsen, da steht der Name von Wolfgang Schäfer schon auf einer Liste für eine Wahl. Es ist zwar nur der Schülerrat am Nagolder Gymnasium, für den er auf der Liste „Verband kritischer Schüler“ kandidiert, aber es zeigt schon damals – das Ganze ist jetzt mehr als 50 Jahre her – dass in dem Mann schon damals die Passion für Politik lodert.

 

Mit entfacht hat diese Leidenschaft ein junger Mann, der zwei Klassen über Wolfgang Schäfer zur Schule geht. Sein Name: Hans-Joachim Fuchtel, lange Jahre Bundestagsabgeordneter für die CDU, später mehrfach Staatssekretär der Bundesregierung unter Angela Merkel. „Fuchtel hat mich für die Politik gewonnen“, erinnert sich Schäfer. Schnell engagiert sich Schäfer für die CDU in „seiner“ Stadt Nagold, tritt dort teilweise in die politischen Fußstapfen von Fuchtel.

Geballte CDU-Power: Wolfgang Schäfer (stehend von links) mit seinem Freund Hans-Joachim Fuchtel und dem Landtagsabgeordneten Thomas Blenke beim Besuch von Wolfgang Schäuble (vorne) in Nagold. (Archivfoto) Foto: Buckenmaier

Gemeinsam organisieren die beiden Politiker den Wahlkampf für den Bürgermeister-Kandidaten Joachim B. Schultis – mit Erfolg. Schultis wird gewählt, wird Bürgermeister. Sieben Jahre später zum Oberbürgermeister Nagolds. Schäfer verdient sich an der Seite von Fuchtel seine ersten politischen Sporen. Das schweißt die beiden Männer zusammen. Heute sagt Wolfgang Schäfer über Fuchtel: „Mit ihm bin ich langjährigst befreundet.“

„Dann habe ich meine politische Leidenschaft eben auf Nagold konzentriert“

Mitte der 1980er-Jahre zieht es seinen Freund in die „große Politik“. Fuchtel wird Bundestagsabgeordneter – und bleibt es bis 2021. Ein Weg, der zwar auch für Schäfer offen schien, doch er entscheidet sich gegen ein Berufs-Leben in der Politik. Und das hatte einen einfachen Grund: „Meine Frau wollte keinen Berufspolitiker an ihrer Seite“, gibt er preis. „Mir war die Familie wichtiger als die Politik. Und dann habe ich meine politische Leidenschaft eben auf Nagold konzentriert.“ Im Nachhinein sei das die „richtige Entscheidung“ gewesen, die er gerne für seine Frau und seine Familie so getroffen habe.

„Mir war die Familie wichtiger als die Politik“: Wolfgang Schäfer mit seiner Frau Angelika im heimischen Garten (Archivfoto). Foto: Nägele

Und die Konzentration auf Nagold war eine komplette, selbst gegen eine Kandidatur für den Kreistag entscheidet sich Schäfer bewusst, auch wenn ihn das „schon gereizt“ hätte. Der Kopf habe sich gegen den Kreistag entschieden, „während mein Herz mir gesagt hat: Da warst du ja schön blöd.“

Schäfers gesamte Leidenschaft konzentriert sich also voll auf Nagold. 1984 wird er in den Gemeinderat gewählt, ist in der Folge an vielen weitreichenden Entscheidungen beteiligt. Als seine wichtigsten bezeichnet er die zur Erschließung des Oberen Steinbergs 1988, die zum Bau des Badeparks 1986 („Der Name kommt übrigens von mir“), das Feuerwehrgerätehaus, die Kinderbetreuung. Und dann natürlich die Landesgartenschau.

Prewo wollte Schäfer zu seinem Bürgermeister machen

Schäfer gewinnt immer mehr an Profil und Einfluss, wird Fraktionsvorsitzender der CDU, wird aber auch über die Parteigrenzen hinweg geschätzt. SPD-Oberbürgermeister Rainer Prewo – von 1992 bis 2008 im Amt – schätzt ihn sogar so sehr, dass er ihn eines Tages zum Bürgermeister unter ihm machen will. Doch auch das lehnt der Rechtsanwalt ab: „Das wollte ich nie. Außerdem wäre das beruflich problematisch geworden.“ Schäfer ist Anwalt. Führt die von seinem Großvater 1906 gegründete Kanzlei. Und das mit großer Motivation. Denn: „Ich bin bis heute gerne Anwalt.“

Die Alte Seminarturnhalle gehört zum Leben von Wolfgang Schäfer (rechts) – hier 2013 mit OB Jürgen Großmann (Archivfoto) Foto: Priestersbach

Erst Anwalt, dann Politiker – und dann kommt irgendwann die Kultur in Gestalt der Alten Seminarturnhalle und dem dazugehörigen Förderverein hinzu. Schäfer kniet sich – wie in seine anderen beiden Passionen auch – mit voller Energie in diese Aufgabe hinein. Und daran hat sich bis heute nichts geändert. „Ich bin an bis zu 300 Abenden im Jahr unterwegs – auch heute noch.“ Doch all das hat seinen Preis, das merkt er eines Tages. Merkt, dass seine Frau so etwas wie eine „alleinerziehende Mutter“ für die Kinder war. Merkt, dass seine Kinder ihn eigentlich nur als Stadtrat kennen.

Der „geborene neue Fraktionschef der CDU“

Eine Erkenntnis, die bei ihm nicht unbedingt nur Freude auslöst. Er habe sich deshalb gesagt, er will nie jemanden unter 40 Jahren für die Politik begeistern, um eben solche Entwicklungen zu verhindern. Doch jetzt kommt da einer daher in genau diesem Alter, der sich anschickt, in die eigenen Fußstapfen zu treten: Carl Christian Hirsch hat schon jetzt Schäfer als CDU-Fraktionschef beerbt. Eine fast schon logische Entwicklung für Wolfgang Schäfer, der Hirsch als „Naturtalent mit politischer Ausbildung“ und als „Glücksfall“ bezeichnet, der der „geborene neue Fraktionschef der CDU“ sei. Sein politisches Vermächtnis, weiß er also – aus seiner Sicht – in guten Händen.

Wolfgang Schäfer mit seinem Weggefährten Helmut Raaf. (Archivfoto) Foto: Hofmann

Dass er jetzt einen Schlussstrich zieht, habe nichts mit Amtsmüdigkeit zu tun– auch nicht nach all den Jahrzehnten. Das Feuer brennt noch immer, er ist stolz darauf, noch immer rhetorisch in der Lage zu sein, auszuteilen – und das immer auf absoluter Augenhöhe mit der städtischen Verwaltung. Und dabei auch persönliche Ressentiments hintanzustellen. Alles zum Wohle und für die Zukunft der Stadt. Dieser „Nagolder Geist“ sei es, weswegen die Stadt heute so gut dastehe.

„Ich mache nur noch das, auf was ich Lust habe.“

Trotzdem verabschiedet er sich aus der ersten Reihe der Lokalpolitik, „weil ich nicht weiß, wie lange ich noch so leistungsfähig bin, um meine drei Leidenschaften Politik, Kanzlei und Seminarturnhalle so durchzuziehen“, erklärt er beim Gespräch mit der Redaktion in seiner Kanzlei. Auch wenn er nicht mehr in der ersten Reihe sitzt, wird er in der Politik präsent bleiben, das kann er sich gut vorstellen, so in der Art eines „elder statesman“, als helfende Hand im Hintergrund.

„Langweilig wird es mir jedenfalls nach dem Rückzug nicht werden“, ist er sich sicher. Mit der Seminarturnhalle hat er noch jede Menge Pläne und auch das mit der Kanzlei soll noch ein ganzes Weilchen andauern. Irgendwelche – auch politische – Pflichten sollen da jedenfalls nicht mehr dazugehören. Deswegen ist für ihn eines klar: „Ich mache nur noch das, auf was ich Lust habe.“