Vor dem Abschied der Wilhelmspflege
: Was diesen Schwenninger Kindergarten so besonders macht

Die Tage für die Wilhelmspflege sind gezählt: Nach fast 175 Jahren endet im August eine lange Kindergarten-Ära. Grund für die Kirchengemeinde, zu feiern – und zurückzublicken.
Von
Mareike Kratt
Oberndorf
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Die Kinder der Wilhelmspflege proben fleißig für ihren Auftritt beim Abschiedsfest des traditionsreichen Schwenninger Kindergartens.

Mareike Kratt

Ein fröhlicher, kräftiger Kindergesang hallt an diesem Morgen durch die Räume der Wilhelmspflege. Die 25-köpfige Gruppe bereitet sich eifrig auf ihren Auftritt am kommenden Samstag, 12. Juli, vor. Dann nämlich findet das Abschiedsfest des evangelischen Kindergartens statt.

Denn ab August wird der Gesang verhallen, bekannterweise schließt die Wilhelmspflege, die 1852 als erste „Kleinkinderbewahranstalt“ in Schwenningen gegründet wurde, ihre Türen für immer.

Wenn am Samstag Abschied gefeiert wird, dann werden wohl alle Beteiligten mit einem lachenden und einem weinenden Auge an die lange Historie zurückdenken – und vielleicht auch an das, was mit dem Kindergarten in vergangenen Jahren eigentlich für die Zukunft geplant war, sagt Susanne Orsinger, Gesamtleiterin der evangelischen Kindergärten in Schwenningen.

Einst und heute

Der Kindergarten einst und heute: Darum soll es beim Fest, zu dem Eltern, Freunde, Familien, Mitarbeiter, Ehemalige und Interessierte eingeladen sind, neben Aufführungen, Grußworten und kulinarischer Versorgung auch gehen. Stellwände mit Artikeln und verschiedenen Dokumentationen sollen zeigen, was die Wilhelmspflege über die Jahrzehnte ausgemacht hat, betont Susanne Orsinger.

Und was ist das? „Ganz nah bei den Menschen zu sein“, sagt die Gesamtleiterin sofort. Und damit meint sie nicht allein die vielen Kinder, die teils aus 15 verschiedenen Kulturen zur Betreuung in die Metzgergasse gekommen sind, sondern auch ihre Familien, die mit begleitet wurden. „Ihr seid willkommen, so wie Ihr seid“, habe immer das Motto geheißen. Das Ausleben der Willkommenskultur, aber auch der christlichen Werte, nicht zuletzt durch die Nähe zur Kirche, hätten stets einen großen Stellenwert gehabt.

Familienzentrum geplant

Forciert werden sollte dieses Konzept eigentlich mit der Ausweitung des Kindergartens zu einem Familienzentrum. Während evangelische Kirchengemeinde und Stadt über Jahre hinweg dafür konkrete Pläne geschmiedet hatten, wurde parallel nur wenige Meter entfernt, im Muslenzentrum, bereits mit Sprachkursen, Elterncafé oder Begegnungsstätte am Nachmittag eine Vorstufe des Familienzentrums Innenstadt aufgebaut.

Das Kindergarten-Gebäude in der Metzgergasse soll nach derzeitigem Stand im Zuge der Neugestaltung der Schwenninger Museumslandschaft abgerissen werden.

Foto: Mareike Kratt

Die Gesamtleiterin nennt es Quartiersarbeit, die nicht zuletzt durch die verschiedenen Beratungsstellen im daneben liegenden Pfarrhaus geleistet werden konnte.

Viel Herzblut investiert

Mit der Hoffnung, „dass diese einmal in neue Räume wandert“, blickt Susanne Orsinger auf das Vorhaben zurück, die Wilhelmspflege mit verschiedenen Beratungsstellen neuzubauen. Doch nach vielem Hin und Her, das im Übrigen viel Kraft gekostet habe, hat ein Gemeinderatsbeschluss die Pläne zunichte gemacht. „Wir haben viel Herzblut hineingesteckt“, betont die Gesamtleiterin. Aber auch, dass man beim Abschiedsfest dennoch nicht gegenüber der Stadt mit dem Finger auf das gescheiterte Projekt zeigen will.

Wie geht’s weiter?

Geht die Ära in der Metzgergasse zu Ende, bekommt der Pauluskindergarten im Neckarstadtteil, ebenso in evangelischer Trägerschaft, dafür im September Zuwachs – durch diejenigen verbliebenen Kinder aus der Wilhelmspflege, die noch nicht in die Schule kommen oder fortan einen Kindergarten näher am Wohnort gelegen besuchen. „Alle Familien sind gut versorgt“, unterstreicht Susanne Orsinger.

Derzeit sei die Stadt als Gebäudeeigentümer dabei, den Pauluskindergarten entsprechend aufzuwerten, die Wände zu streichen und neue Böden zu legen. Die Leiterin der Wilhelmspflege, Nathalie Befus, wird künftig die Leitung des Pauluskindergartens übernehmen und ihre bisherigen Kolleginnen mitnehmen. Team- und Leitungscoachings liefen zurzeit ebenso. „Wir gehen wehmütig aus der Wilhelmspflege raus, können aber im Pauluskindergarten gut neu starten.“

Das Abschiedsfest

So wird gefeiert
Das Abschiedsfest der Wilhelmspflege findet am Samstag, 12. Juli, von 11 bis 15 Uhr statt. Nach einem offiziellen Teil mit Grußworten für geladene Gäste sind Groß und Klein ab 12 Uhr zu einem letzten Rundgang durch die Räumlichkeiten, Kaffee und Kuchen, Waffeln und Popcorn, Kinderschminken und -spielstationen eingeladen. „Jeder soll eine schöne Zeit haben“, sagt Susanne Orsinger.

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