Joachim Gauck in Villingen: Ehemaliger Bundespräsident fordert Mut zur Demokratie

Bundespräsident a. D. Joachim Gauck (Zweiter von links) wurde von den Sparkassen-Vorständen Arendt Gruben (links) und Florian Klausmann (Zweiter von rechts) sowie Oberbürgermeister Jürgen Roth in der Neuen Tonhalle in Empfang genommen.
Birgit HeinigRund 900 Gäste der Sparkasse Schwarzwald-Baar waren gekommen und erlebten einen informativen und auch sehr unterhaltsamen Abend in der Neuen Tonhalle in Villingen. Denn Gauck ist nach wie vor ein scharfer Beobachter mit Humor, der mit 86 Jahren rund eine Stunde ohne Manuskript spricht und dabei keinerlei Blatt vor den Mund nimmt.
Sparkassen-Vorstand Arendt Gruben sprach von ihm als „ein Bundespräsident, der sich einmischt und das auch außer Dienst“. Der so Gelobte legte sogleich los und prangerte an, dass es in Deutschland derzeit Kultur sei, sich schlecht zu fühlen, „und wer das gut ausdrückt, gilt als intelligent“.
Grundlos seien die Sorgen der Menschen zwar nicht, gab er zu, empfahl aber, hier und da genau hinzusehen und nicht sogleich in einen „katastrophischen Alarmismus“ zu verfallen. Besonders „wir Alten fürchte uns, weil wir um die Auswirkungen von Krieg wissen“. Als größte innere Bedrohung machte Gauck die AfD mit ihrem neuen Deutschnationalismus aus. Als Grund für deren Zulauf und anderer nationalpopulistischer Parteien in Europa nannte er die Furcht vor Wandel, eine generelle Risikoscheu und endlose Streitereien im politischen Raum.
Hinzu komme das „ungute, weil anonyme Debattenforum“ der sozialen Netzwerke und die neuen Informationstechniken wie KI, die Menschen, insbesondere die älteren, verunsichern. Gerade befinde sich Deutschland in der Phase wie zu Zeiten der Industrialisierung, als Maschinen übernahmen und ein „Aufwärts“ noch nicht spürbar war.
Mut der Politiker gefragt
Von den Politikern sei jetzt der Mut fällig, die Ernsthaftigkeit zu erkennen und über den eigenen Schatten zu springen, „ein harter Job“. Werde die Unsicherheit der Menschen aus der demokratischen Mitte nicht erkannt und bearbeitet, „dann driften die Leute ab“.
„Unser Demokratiewunder basiert auf unserem Wirtschaftswunder“, sagte Gauck. Und da dies nun in Schieflage zu geraten drohe, sei stringentes und erkennbares Regieren das Gebot der Stunde: Der Handlungsdrang für die Politik sei groß, doch die Schritte derzeit zu klein. Aber: „Merz verdient unser Vertrauen, auch wenn seine Wortwahl noch verbesserungswürdig ist.“
Tränen des Glücks bei seiner ersten freien Wahl vergossen
Und der „parteilose Wechselwähler“ Gauck, der, wie er sagt, bei seiner ersten freien Wahl im Alter von 50 Jahren Tränen des Glücks vergoss, hielt bei der Gelegenheit ein flammendes Plädoyer für das Wahlrecht, auch wenn es „manchmal anstrengend ist, den am wenigsten Schlechten herauszufinden“.
Zum Angriffskrieg Russlands gegen die Ukraine bezog Gauck eindeutig Stellung. Zögerliche Waffenlieferungen an die Ukraine seien „unchristlich“. Einem auch von Merkel zu spät als Kriegsbrandstifter erkannten Putin sei das Verteidigungsbündnis Nato nie zu nahe gekommen. Das könne jeder jederzeit nachlesen, statt einer „verführerischen Propaganda“ zu folgen.
Gegenwehr der Guten gegen Rechtsbrecher erforderlich
Auch den Pazifisten erteilte der einstige Pfarrer eine Absage, da es nicht funktioniere, „dass wir lieb gucken und durch unser Vorbild die Bösen läutern“. Vielmehr sei die Gegenwehr der Guten gegen Rechtsbrecher „geradezu erforderlich“. Auch im Zweiten Weltkrieg mussten „Menschen mit Waffen zu Hilfe gekommen, um uns vom Nationalsozialismus zu befreien“, erinnerte Gauck.

Joachim Gauck signierte im Anschluss an seinen Vortrag seine vor Ort von der Buchhaltestelle zu beziehenden Bücher.
Foto: Birgit HeinigZum Krieg im Iran sagte Gauck in Richtung USA mit ihrem Präsidenten, „der seine eigene Größe mehr feiert als die seines Landes“ und Israel, dessen „Uraltfreund“ er zwar sei, aber von der Regierung Netanjahu und ihren Rechtsaußenparteien nichts halte: „Wenn ich keine Mittel habe und keine Bereitschaft, Opfer zu bringen, sollte ich die Finger von einem Angriff lassen“.
Stehenden Beifall spendete das Publikum am Schluss, nachdem Gauck die deutsche Realität mit Meinungs-, Informations- und Glaubensrecht, Frieden, sozialer Absicherung, Herrschaft des Rechts und „das Recht, das Land jederzeit verlassen zu können“ vor Augen geführt hatte. „Ein unsäglicher Schatz“, von dem er als 16-Jähriger nur träumen konnte.
Zur Person
Joachim Gauck
Der ehemalige Bundespräsident ist in Rostock geboren und unter dem DDR-Regime aufgewachsen, wollte eigentlich Journalist werden, was ihm durch seine Weigerung der FDJ beizutreten, aber versagt blieb. Joachim Gauck studierte stattdessen Theologie und war bis zum Mauerfall als Pfarrer tätig. Bis 2000 leitete er die 1990 eingerichtete und nach ihm benannte Gauck-Behörde, die Stasi-Akten aufarbeitete. 2012 wurde er für fünf Jahre zum Bundespräsidenten gewählt. Eine zweite Amtszeit lehnte er danach ab.