Hohner Trossingen
: Großes Fest zur Firmenübergabe im Jahr 1900

Vor genau 125 Jahren, am 19. September 1900, begann eine neue Ära bei der Firma Hohner.
Von
Martin Häffner
Oberndorf
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Vor 125 Jahren übernahm die zweite Generation der Familie Hohner die Geschäfte.

Häffner

Am 19. September 1900, also genau vor 125 Jahren, übernahmen die fünf Hohner-Söhne offiziell das Ruder, was mit einer „Geschäftsübergabe-Feier“ großartig zelebriert wurde. Ein Extrablatt der Trossinger Lokalzeitung widmete sich diesem Ereignis ausführlich.

Es dient uns heute als hervorragende Quelle über die gelungene Inszenierung, die alle Beteiligten sicher tief beeindruckte. Die fünf Hohner-Söhne Jacob, Matthias, Andreas, Hans und Will wurden sozusagen inthronisiert und die vollständig anwesende Belegschaft auf die neue Fabrikherren verpflichtet, doch im Mittelpunkt der Feier stand der scheidende Seniorchef und Firmengründer, der immer wieder mit „Vater Hohner“ tituliert wurde.

Originalzitate werfen Schlaglichter auf den Ablauf des Festes und dokumentieren, dass mit Matthias Hohner eine lebende Legende in Ruhestand ging. Am betreffenden Mittwoch war schon um 11.30 Uhr Betriebsschluss. Eine Stunde später ging es los: „Im Festtagsgewand strömten die Arbeiter dem Fabrikhofe zu, wo sie in Gruppen geordnet von Herrn Hofphotograph Kugler aus Tuttlingen photographiert wurden.“

Großes Fest zur Firmenübergabe

Die daraus resultierende großformatige Fotocollage - im Zentrum zu sehen sind Matthias und Anna Hohner mit ihren 13 erwachsenen Kindern - ist in der Dauerausstellung des Deutschen Harmonikamuseums zu bewundern. Nach der langwierigen Fotosession ordnete sich ein Festzug der über 400-köpfigen Belegschaft des Trossinger Hauptwerks und marschierte unter Böllersalven und Trompetenklang in den nahe gelegenen Lindengarten.

Matthias Hohner versprach weiterhin Fürsorge

Die genannte Fotocollage spiegelt es im Bild wider: Trossinger Frauen, die um 1900 modern sein wollten, kleideten sich städtisch und verzichteten auf die traditionelle Tracht. „In Vieler Augen blinkten Thränen“ Um 16 Uhr begann der Festakt. Ein „Fräulein Anna Koch (Küfers)“ sprach einen Prolog, der mit den Worten „Vater Hohner, lebe hoch!“ endete. Nach den Hochrufen der anwesenden richtete der Firmengründer unter gespannter Stille der Menge das Wort an seine Stammbelegschaft, die er familiär mit „Meine Lieben!“ ansprach. Neben allgemeinen Erwägungen über die verschiedenen Lebensabschnitte rief er im Wesentlichen zum Maßhalten, zu Fleiß und Gottesfurcht auf. Die Belegschaft solle seinen fünf Söhnen „mit Liebe und Achtung begegnen“. Ganz Patriarch, sagte Hohner zu, seine Söhne würden für die Arbeiterschaft sorgen, „so wie ihr es verdient und so gut es ihnen möglich ist“.

Frühe Form der Corporate Identity

Damals ehrte Matthias Hohner senior persönlich nicht weniger als 78 Arbeiter mit 15 und mehr Dienstjahren, an der Spitze seinen Bruder Paul, der 1860 in die 1857 gegründete Firma eingetreten war. Jacob Hohner, einer der fünf neuen Fabrikherren betonte in seiner Ansprache, man habe beschlossen, künftig jedes Jahr „am Geburtstag des Gründers unseres Hauses am 12. Dezember (...) eine ähnlich Feier“ stattfinden zu lassen. Die Jubilare wurden übrigens mit einem „Diplom“ (einer Urkunde) und einem Geldbetrag geehrt. Allem Anschein nach erfüllte es die Geehrten mit Stolz, Teil der Hohner-Erfolgsgeschichte zu sein. Jedenfalls förderte die „Dekorierung“ den Zusammenhalt, heute würde man neudeutsch sagen „Corporate Identity“.

Aufstieg geht weiter

Aufstieg zur absoluten Weltfirma Zu welchen Höhenflügen die Firma Hohner unter den neuen Herren im neuen Jahrhundert ansetzen sollte, zeigte sich innerhalb weniger Jahre. Die fünf Hohner-Söhne entwickelten eine ungeheure Dynamik, vor allem der in den USA wirkende Hans Hohner, Leiter der Niederlassung in New York. Dort wurde – salopp formuliert – das Geld gemacht, das in Trossingen unter anderem für Fabrikerweiterungen verbaut wurde. 1902 bis 1907 entstanden große Backsteinbauten, 1913 und erweitert 1921 wuchs der riesenhafte Bau V in die Höhe, 1922/23 der ebenso eindrucksvolle Riegel von Stahlbeton-Fabrikbauten vis á vis des Rathauses (1996 abgebrochen), und 1924/25 entstand zuletzt das Kessel- und Maschinenhaus.

Ab 1903 Ziehharmonikas produziert

Erst unter den fünf Söhnen wurde 1903 kurz nach dem Ableben des Gründers am 11. Dezember 1902, die Produktion von Ziehharmonikas eingeführt. Durch Aufkäufe renommierter Wettbewerber wie Hotz in Knittlingen (1906) oder den ältesten Trossinger Betrieb Ch. Messner (1909) erweiterten die zweite Generation die Dominanz des Weltmarktführers. Der Jacob-Hohner-Platz an der Friedensschule erinnert an den ältesten Gründersohn.

Ein Kuriosum zum Schluss: Bei aller Prägung Trossingens durch „die Firma“, keine Straße, kein Platz, kein Gebäude und dergleichen ist nach dem legendären Firmenpatriarch Matthias Hohner (1833 - 1902) benannt. Am heutigen 19. September vor 100 Jahren ging er mit der „Geschäftsübergabe-Feier“ in Ruhestand.

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