Hagel-Horror in VS: Erinnerungen an das Grauen – „Die hatten wirklich Todesangst“

Ein Autobesitzer betrachtet in Villingen-Schwenningen seine durch Hagel stark beschädigte Windschutzscheibe (Archivbild vom 28.06.2006).
dpa120 Verletzte, über 150 Millionen Euro Versicherungsschaden – und noch viel mehr, das keiner erfasst hat.
Das Hagelunwetter 2006, mit Hagelkörnern so groß wie Tennisbälle, hat sich tief ins Gedächtnis gebrannt. Peter Hellstern, einer, der es hautnah erlebte, wurde später Mitgründer der Hagelabwehr Südwest.
In Erinnerungen schwelgend, erzählt er von einem Spätnachmittag, den der Doppelstädter wohl ein Leben lang nie vergessen wird.
Unvorstellbare Minuten
Der Geschäftsführer von Sternplastic steckte mitten in einem Berg voller Arbeit. Endlich stand das Abendessen im Ochsen an. „Irgendwer meinte, ‚Es hagelt bald!‘ Ich nur, ‚Ach was, 2004 hatten wir schon einen starken Hagel, da kommt jetzt nichts‘.“ Falsch gedacht.
Plötzlich stand er allein da, alle anderen an der Tür. „Ich ging raus, sah meinen VW-Bus und dachte, ‚Welches Rindviech hat mir die Spiegel abgefahren?‘“ Dann dämmerte es: „Mein Schiebedach ist ja gar nicht mehr da! Da habe ich erst realisiert, was los war.“

Scherben auf den Autositzen, so sah es in vielen Innenräumen von Autos nach dem verheerenden Hagel aus.
Foto: HellsternMinuten des Grauens in Villingen-Schwenningen, Mönchweiler, Trossingen und Dauchingen. Menschen, die vor Eisbrocken unter Dächer flüchteten. Scheiben, die zerbarsten. Tosender Lärm.
Horst Scheidt, heute stellvertretender Vorsitzender der Hagelabwehr Südwest, erinnert sich: „Ein Freund von mir saß mit anderen zu dritt oder viert im Auto, als das losging. Dann hat es vorne die Scheiben eingeschlagen, hinten die Scheiben eingeschlagen und aufs Dach getrommelt. Die saßen da drin, die hatten wirklich Todesangst.“ Dass seine Erzählung keine Übertreibung ist, zeigt die Bilanz: 120 Verletzte – weil tennisballgroße Eisbrocken mit Wucht zu Boden fielen, auf Köpfe und Gliedmaßen. Das große Glück im Unglück: Im Klinikum lief gerade ein Ärztekongress mit vielen Ärzten – „es gab ja Notfälle ohne Ende, viele Kopfverletzungen und so“.
„Ich dachte, ich bin pleite“
Auch bei Hellstern ging es im wahrsten Sinne Schlag auf Schlag. Das Telefon klingelte: „Mensch, Chef, was sollen wir machen? Bei uns kommt überall der Hagel rein.“ Er fuhr zur Firma, saß auf Scherben. Und dort „hat mich der Schlag getroffen“. Kurzschluss, Wasser und Strom – „ich sagte den Leuten, geht raus, das ist gefährlich“. Und alle Oberlichter im Dach zerstört. „Ich dachte, ich bin pleite.“
Doch das Team hielt zusammen. „So etwas habe ich noch nicht erlebt.“ Mitarbeiter deckten in der Nacht die Dächer zu mit allem was in der Firme zu finden war – Holzplatten, Paletten. Planen waren in den Geschäften längst vergriffen. Noch am selben Tag regnete es erneut.

Ausnahmezustand in der Firma – Peter Hellstern freut sich, dass das Team in dieser Situation zusammenstand und einfach mit anpackte.
Foto: HellsternDrei bis vier Tage lang stand der Betrieb still. Seitens der Kunden herrschte, erzählt Hellstern, große Solidarität – „die fragten sogar, ob sie Leute schicken sollen“.
Dachdecker gesucht
Parallel zum Schaden im Geschäft musste er, wie so viele, auch die privaten managen. Im Zuhause von Hellsterns urlaubender Mutter waren die Dachziegel kaputt, alles stand unter Wasser. Der Dachdecker kam zwar, aber nur um das Schadensausmaß festzustellen. Erst in vier Wochen habe er freie Kapazitäten. Alle Betriebe waren restlos ausgereizt.

Ein durch Hagelschlag zerstörtes Metalldach ist in Villingen-Schwenningen zu sehen (Archivbild vom 05.10.2006). Der massive Hagel am 28. Juni 2006 richtete Schäden in Millionenhöhe an.
Foto: dpaDer Hagelschaden war eindrücklich – doch als Jürgen Wangler Peter Hellstern beim gemeinsamen Fahrradausflug auf Mallorca vorschlug, dem Hagelabwehr-Verein beizutreten, „da habe ich ihn erst für verrückt erklärt“. Hellstern lacht und gibt offen zu: „Da habe ich mir nichts darunter vorstellen können.“ Doch er machte sich schlau – „und mir war dann relativ schnell klar, wenn es irgendeine Methode gibt, Hagel zu minimieren, dann ist es dieses Silberjodid mit dem Flugzeug“. Hellstern wurde Mitglied, dann Kassenprüfer, schnell dritter Vorsitzender und irgendwann Vorsitzender der Hagelabwehr Südwest.
Ohne Hagel, wenig Drang
Nun schickt er Hagelflieger in den Himmel. Und er hofft auf mehr Mitglieder. „Das Problem ist, dass sich viele nicht mehr vorstellen können, wie das war“ – ein Hagelunwetter wie 2006 musste die Region nicht mehr erleben.
Hat der Hagelflieger das verhindert? „Wir sind nicht sicher“, räumen die Beiden vom Hagelabwehrverein ein, aber: „Wir haben viele hohe Wolken minimiert, die mit Sicherheit Schäden ausgelöst hätten in irgendeiner Größenordnung.“ Doch mit der Zeit sinkt das Bewusstsein. Die Werbung für den Hagelflieger-Verein ist eine Daueraufgabe, die mit jedem neuen Hagelschaden wieder in den Fokus rückt.
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