Geschichte in Villingen: Mit Kratten geht es ins Mittelalter

Sind begeistert von der spielerischen Zeitreise ins Mittelalter mit den Kratten des Geschichts- und Heimatvereins Villingen (von links): Michael Schonhardt, Constanze Kaiser, Roland Brauner, Nicole Benzing, Claudia Hummel, Alina Wagner, Jörg Westermann und Rupert Kubon.
Martina ZieglwalnerKinder können zur Feder greifen und schreiben wie in längst vergangenen Zeiten, in mittelalterliche Gewänder schlüpfen oder sich mit einem Brettspiel vergnügen: Als Schatztruhen, die in die Vergangenheit entführen, entpuppen sich die „Geschichtskratten“, die der Geschichts- und Heimatverein Villingen (GHV) an Schulen verteilt hat.
Mit dem Konzept, die Entwicklung der Zähringerstadt spielerisch zu vermitteln und das Mittelalter lebendig darzustellen, hat das Team ins Schwarze getroffen. Jörg Westermann, ehemaliger Schulleiter, Stadtführer und Beirat des GHV, war auf die Idee gekommen und hatte das Projekt zusammen mit Roland Brauner, Margot Schaumann, Michael Schonhardt, Constanze Kaiser, Ute Schaumann, Nicole Benzing, Martina Brinkmann und Cora Worms in Angriff genommen.
Entstanden ist ein Korb, auf Villingerisch „Kratte“, gefüllt mit allerlei Utensilien für den Unterricht. Vor gut einem Jahr hatten sie die Truhen an Lehrkräfte von Grundschulen und Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentren in Villingen übergeben.
Und die Kratte kommt an, freuen sich die Initiatoren. Bei einem ersten Treffen hätten die Pädagogen von ihren Erfahrungen in der Praxis erzählt und durchweg positive Rückmeldungen gegeben. Regelmäßig sei geplant, sich mit den Schulen zusammenzusetzen, um Anregungen und Vorschläge für mögliche Verbesserungen zu bekommen, betont Brauner. Ziel sei es, die Kratten immer weiter auszustatten. „Manche Schulen sind schon fleißig unterwegs“, fasst er die Eindrücke des Austauschs zusammen.
Hochwertige und liebevolle Ausstattung
Begeistert sind zum Beispiel Claudia Hummel und Alina Wagner von der Carl-Orff-Schule von der Kiste. Zum einen von der hochwertigen und liebevollen Ausstattung, zum anderen von den vielseitigen Einsatzmöglichkeiten. Schon der erste Kontakt mit all den Schätzen sei für die Kinder ein Erlebnis, erzählt Alina Wagner, ob Stempel, alte Kochrezepte oder Bilder zum Ausmalen. Und für die Lehrer eröffne sich eine ganze Bandbreite an Optionen für den Unterricht, erklärt Claudia Hummel. Beispielsweise könnten die Schüler mit der alten Maßeinheit Elle experimentieren, messen, rechnen oder mehr über traditionelles Handwerk lernen.
Und über das Leben der Menschen, ergänzt Constanze Kaiser, Lehrerin an der Bickebergschule. So finde sich die Beschreibung eines mittelalterlichen Tanzes in den Kratten samt passender Musik auf einem Stick. Viel Spaß habe der Nachwuchs auch, den Romäus aus Puzzleteilchen zusammenzusetzen. Überhaupt hat es der Lokalheld den Kindern angetan, stellen die Lehrerinnen unisono fest.
Kindgerechtes Buch im Dialekt
Den können sie hautnah erleben: Jörg Westermann schlüpft als Stadtführer ins Romäus-Kostüm und nimmt die Schüler auf Wunsch auf eine Tour auf den Spuren der Villinger Legende mit. Ob Bächle, Wasserversorgung oder Türme, das Zusatzpaket, das die beteiligten Stadtführer rund um die Geschichtskratten anbieten, ist umfassend. „Wir arbeiten keine Liste ab, sondern bieten individuelle Rundgänge an“, betont Michael Schonhardt. Gerne komme das Team zudem in den Schulen vorbei, um das Wissen zu vertiefen. „Wir möchten keine wissenschaftlichen Beiträge für Schulen liefern, sondern die Kinder in die mittelalterliche Welt mitnehmen und ihnen Bilder an die Hand geben“, schildert er die Intention der Macher. So hat er auch das Buch „Villingen rund ums Mittelalter“, das sich in jedem Kratten findet, kindgerecht im Dialekt geschrieben und illustriert.
Überzeugt ist Rupert Kubon, Vorsitzender des GHV, dass diese Körbe ein Bewusstsein für Lokalgeschichte beim Nachwuchs schaffen können – und dass sie über die Zeit des Mittelalters hinaus erweiterbar sind. Dank Sponsoren sei es gelungen, die Kosten von rund 10 000 Euro zu stemmen. Neben dem Jahrbuch sei es das größte Projekt, das der Verein derzeit finanziere.
Aber eines, das sich aus der Sicht aller Beteiligten lohnt. Und weit über die Kinder als Zielgruppe hinausgeht, sind sich Claudia Hummel und Alina Wagner sicher, die ebenso wie Constanze Kaiser und Nicole Benzing im Kollegium kräftig die Werbetrommel rühren. Der Nachwuchs gebe das neue Wissen nicht nur zuhause weiter, sondern inzwischen seien auch zahlreiche Lehrer nicht aus Villingen, sie könnten ebenfalls etwas lernen und dies dann im Unterricht einsetzen. „Es ist eine mega Idee, aus der sich viel machen lässt und die jede Menge Potential hat“, bringt es Alina Wagner auf den Punkt.
Kontakt
Ausleihe
Der Geschichts- und Heimatverein Villingen hat für Schulen oder auch Kindergärten für Projekte noch Kratten zum Ausleihen. Kontakt gibt es unter E-Mail geschichtskratten@GHV-Villingen.de.