Faktencheck rund um die Hagelabwehr: Hagelflieger impfen Wolken – doch wie gefährlich ist das Silberiodid?

Hagelflieger sollen dafür sorgen, dass Hagel als Graupel oder Regen herunterkommt. Doch wie fuktioniert das? (Symbolbild)
Hengstler- Hagelflieger setzen Silberiodid frei, um Hagelkörner kleiner zu machen und Schäden zu mindern.
- Gewitter werden damit nicht aufgelöst, und Starkregen oder Sturmböen bleiben bestehen.
- Freisetzung nahe der Gewitterflanke – ein Flug in den Hagelsturm wäre laut Experte zu gefährlich.
- Kein Beleg für „Regenklau“ oder Dürrefolgen, eingesetzte Mengen gelten als sehr gering.
- Studien sehen keine relevante Umwelt- oder Gesundheitsgefahr, Wirksamkeit bleibt dennoch unbewiesen.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Die Hitzewelle hält an – und mit den hohen Temperaturen ziehen immer wieder Gewitter auf, begleitet von Starkregen und heftigen Sturmböen. Nicht selten fällt dabei Hagel, mit mitunter gravierenden Folgen: Für Landwirte können ganze Felder innerhalb weniger Minuten zerstört werden und auch Haus- und Autobesitzer müssen teils massive Schäden verkraften.
Um das Ausmaß der Schäden zu begrenzen, steht ein Hagelflieger der Hagelabwehr Südwest im Schwarzwald-Baar-Kreis in Breitschaft und ist derzeit häufig in der Luft. Doch rund um die Hagelabwehr kursieren zahlreiche Behauptungen und Missverständnisse. Was kann die Hagelabwehr tatsächlich leisten – und welche Annahmen gehören ins Reich der Mythen? Wir haben bei einem Meteorologen nachgefragt.
Um allgemeine Missverständnisse aufzuklären, ist allerdings wichtig zu wissen, was genau der Hagelflieger in der Luft macht, um einen Hagelsturm abzuschwächen: Mithilfe des Flugzeugs werde Silberiodid nahe der Gewitterzelle freigesetzt, erklärt Diplom-Meteorologe Dominik Jung.
Löst der Hagelflieger das Gewitter auf?
Das Silberiodid, das eine Kristallstruktur besitzt, die dem Eis ähnelt, bringe somit sehr viele zusätzliche Gefrierkerne in die Wolken ein. Somit entstünden mehr, aber kleinere Hagelkörner, die sich das vorhandene Wasser teilen müssten. „Im Idealfall bleiben die Körner so klein, dass sie beim Fall durch die warme Luftschicht schmelzen und als Regen oder Graupel ankommen“, meint Jung.
Die Annahme, dass „der Flieger das Gewitter auflöst“, ist dementsprechend falsch. Der Hagelflieger verhindert weder Gewitter noch Starkregen noch Sturmböen, meint der Meteorologe, und erläutert: „Es geht ausschließlich um die Korngröße des Hagels.“
Auch die Vorstellung, dass „der Hagelglieger ins Gewitter fliegt“, ist inkorrekt. In den Hagelsturm zu fliegen wäre lebensgefährlich, sagt Jung. Das Silberiodid werde an der Flanke beziehungsweise im Zustrom des Stroms freigesetzt.
Klaut der Hagelflieger Regen?
„Der Hagelflieger klaut den Regen“ oder verursacht anderswo Dürre oder Überschwemmungen, ist eine weitere Annahme, die rund um den Hagelflieger kursiert. Aber dafür gebe es keinerlei Beleg, berichtet der Experte. Die eingebrachten Mengen an Silberiodid seien gegenüber der Energie eines Gewitters verschwindend gering.

Um zu verhindern, dass Hagelkörner so groß werden, gibt es die „Impfung“ durch den Hagelflieger. (Symbolbild)
Alexander Wolf/onw-images.de/dpaAuch hinsichtlich möglicher ökologischer und gesundheitlicher Auswirkungen des eingesetzten Silberiodids gibt es Bedenken. Doch in diesem Punkt kann der Meteorologe ebenfalls aufklären: Die eingesetzten Mengen Silberiodid seien überschaubar. Pro Einsatz gehe es um eine Größenordnung von einigen hundert Gramm bis wenigen Kilogramm, pro Saison und Region seien das zumeist einige zehn Kilogramm, verteilt über tausende Quadratkilometer.
„Die daraus resultierenden Silberkonzentrationen in Niederschlag und Boden liegen in den vorliegenden Messungen um Größenordnungen unter den Grenzwerten und meist im Bereich der natürlichen Hintergrundbelastung“, führt er aus. Denn Silber komme ohnehin natürlich in Böden vor.
Wie wirkt das Silberiodid auf Mensch und Natur?
Toxikologisch relevant seien hingegen freie Silberionen, die für Wasserorganismen giftig seien, sagt Jung. Doch auch hier müsse man sich keine Sorgen machen. Da Silberiodid extrem schwer löslich sei, sodass praktisch keine freien Ionen freigesetzt würden.
Das ist auch durch Studien belegt: „Langzeituntersuchungen in Gebieten mit jahrzehntelanger Wolkenimpfung wie etwa in Sierra Nevada in den USA fanden keine nachweisbare Anreicherung mit ökologischer Wirkung“, erklärt der Meteorologe.
Doch wie sieht es mit den Auswirkungen auf den Menschen aus? Eine Gesundheitsgefährdung für den Menschen sei bei diesen Größenordnungen ebenfalls nicht plausibel, meint Jung – und in keiner Studie belegt.
Keine zweite, ungeimpfte Version derselben Unwetterzelle
Nach heutigem Stand sei Silberiodid aber nicht das Problem der Hagelabwehr – die fehlenden Belege zur Wirksamkeit seien es, ergänzt Jung. Die Weltorganisation für Meteorologie (WMO) formuliere es in ihren Stellungnahmen zur Wettermodifikation sinngemäß so: Die physikalische Grundlage sei nachvollziehbar, ein Wirksamkeitsnachweis für Hagelabwehr liege jedoch nicht vor.
Denn es gebe keine zweite, ungeimpfte Version derselben Unwetterzelle, sodass man nicht nachweisen könne, ob die „Impfung“ durch den Hagelflieger gewirkt habe oder nicht, erklärt Jung. Somit seien auch Behauptungen wie „Es hat nicht gehagelt, also hat er gewirkt“ genauso unzulässig wie „Es hat gehagelt, also bringt er nichts“. „Beides ist statistisch wertlos“, stellt Jung fest.

