Hagelflieger auf Unwetter-Mission: So kämpfen kleine Flugzeuge gegen riesige Hagelkörner

Mithilfe des Hagelflieger werden die Wolken mit Silberjodid „geimpft“, sodass sich viele kleine Hagelkörner bilden anstatt sehr große. (Symbolbild)
Phillip Weingand- Hagelflieger impfen Gewitterwolken mit Silberiodid, um kleinere Körner statt großer zu bilden.
- Ziel ist „beneficial competition“: Viele Gefrierkerne teilen das Wasser – Hagel schmilzt zu Regen.
- Timing ist entscheidend: Start vor Unwettern, Einsatz in der Entwicklungsphase einer Zelle.
- Grenzen: Superzellen, späte Radarerkennung, einwandernde Zellen und zu viel Flüssigwasser.
- Weitere Hürden sind wenige Flugzeuge, Einsatzrisiken und der schwer belegbare Wirkungsnachweis.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Eine Unwetterwarnung jagt die nächste: Immer wieder werden kräftige Regenschauer, Sturmböen und teils heftige Hagelgewitter angekündigt. Besonders der Schwarzwald-Baar-Kreis wurde in den vergangenen Wochen immer wieder von Unwettern getroffen. Um schwere Hagelschäden möglichst zu verhindern, hebt bei entsprechender Wetterlage ein Hagelflieger der Hagelabwehr Südwest ab. Doch wie funktioniert die Hagelabwehr aus der Luft eigentlich? Das erklärt Diplom-Meteorologe Dominik Jung.
Entgegen einiger Annahmen fliege der Hagelflieger nicht in das Hagelzentrum, sondern in oder unter den Aufwindbereich einer heranwachsenden Gewitterzelle, typischerweise an deren Südwestflanke, meint Jung. Dort werde Silberiodid freigesetzt – etwa über Brenner an den Tragflächen. „Silberiodid besitzt eine Kristallstruktur, die dem Eis ähnelt, und wirkt daher schon ab etwa minus fünf bis minus acht Grad als Gefrierkern.“
Mehr kleine Hagelkörner durch zusätzliche Gefrierkerne
Die Idee dahinter heiße „beneficial competition“, also nützliche Konkurrenz, sagt der Meteorologe und führt aus: „In einer Gewitterwolke gibt es unterhalb von null Grad große Mengen unterkühlten Flüssigwassers, an dem Hagelkörner anwachsen.“
Bringe man sehr viele zusätzliche Gefrierkerne ein, entstünden mehr, aber kleinere Hagelkörner, die sich das vorhandene Wasser teilen müssten. Im Idealfall blieben die Körner so klein, dass sie beim Fall durch die warme Luftschicht schmelzen und als Regen oder Graupel ankommen.
Doch entscheidend ist das Timing: Das Silberiodid müsse eingebracht werden, bevor sich die Hagelkörner gebildet hätten – also in der Entwicklungsphase, wenn im Radar noch gar kein Hagelsignal zu sehen sei. Dementsprechend fliegt der Hagelflieger der Hagelabwehr Südwest auch vor den jeweiligen Unwettern los, um Hagelschäden zu vermeiden.
Die Grenzen des Hagelfliegers
Trotz dieses präventiven Ansatzes stößt der Einsatz von Hagelfliegern in der Praxis an verschiedene Grenzen, die seine Wirksamkeit einschränken können. Eine davon sind schwere Superzellen, erklärt Jung. Bei Aufwinden von 30 bis 50 Metern pro Sekunde werde das Silberiodid so schnell nach oben transportiert, dass die Verweilzeit in der relevanten Wachstumszone zu kurz sei.
„Ausgerechnet die Zellen, die den Großteil des Schadens verursachen und Körner von fünf Zentimetern und mehr produzieren, sind am wenigsten beeinflussbar“, sagt er.

Kleine Hagelkörner, die keinen nennenswerten Schaden anrichten, sind das Ziel der Hagelabwehr. (Symbolbild)
Marijan Murat/dpaEine weitere Einschränkung ist die zu späte Unwettererkennung: „Zeigt das Radar bereits ein Hagelsignal, ist der Zug abgefahren.“ In diesem Szenario sei das Zeitfenster für die Aufbauphase kleinerer Hagelkörner ebenfalls zu kurz. Auch Gewitterzellen, die fertig entwickelt von außen einwanderten – etwa aus Frankreich oder der Schweiz –, ließen sich im eigenen Gebiet kaum noch beeinflussen.
Die geringe Anzahl der Hagelflieger
Einen weiteren Punkt stellen große Mengen unterkühlten Flüssigwassers dar: Der Meteorologe erklärt, dass bei einem Überangebot an „Nahrung“ die zusätzlich eingebrachten Silberiodidkerne nicht ausreichten, um die Bildung großer Hagelkörner zu verhindern.
Noch ein Problem ergibt sich in der geringen Anzahl der Hagelflieger: Ein Flieger decke nur einen Ausschnitt ab, nicht eine ganze Region, meint er. Auch bei einer Großwetterlage mit zwanzig gleichzeitigen Zellen könnten ein oder zwei Flugzeuge schlicht nicht überall sein.
Auch der Hagelflieger selbst ist bei seinen Einsätzen gewissen Grenzen unterworfen, erklärt Jung. Faktoren wie Dunkelheit, Luftraumbeschränkungen, Vereisung, starke Turbulenzen, Blitzschlag, die geltenden Sichtflugregeln sowie die Startzeit vom Flugplatz können den Einsatz beeinflussen oder sogar verhindern.
Schwieriger Nachweis der Wirksamkeit
Zu bedenken sei zudem, dass die Hagelabwehr aus der Luft physikalisch nachvollziehbar begründet sei, ihre Wirksamkeit aber bis heute wissenschaftlich nicht belegt sei, hebt Jung hervor.
Der Kern des Problems stelle der schwierige Nachweis dar: Ein einzelner Einsatz des Hagelfliegers sei grundsätzlich nicht bewertbar – es gebe keine zweite, ungeimpfte Version derselben Unwetterzelle.
„Fällt kein Hagel, kann das am Flieger gelegen haben oder daran, dass die Zelle ohnehin keinen Hagel produziert hätte. Fällt Hagel, kann der Einsatz zu spät gekommen sein oder ohne ihn wäre es schlimmer gewesen. Beide Aussagen sind nicht überprüfbar“, sagt er.

