Vor 50 Jahren in Nußbach
: Als Richard Sedlak ein neues Zuhause fand

Zu Fuß, hungrig und ohne Gepäck: So kam Richard Sedlak vor 50 Jahren auf dem Nußbacher Joggenhof an. Was damals noch keiner wusste: Hier fand er ein neues Zuhause.
Von
Helen Moser
Oberndorf
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Sie freuen sich über eine 50-jährige Erfolgsgeschichte auf dem Nußbacher Joggenhof (von links): Karl-Heinz Weißhaar, Richard Sedlak und Bernhard Kienzler.

Helen Moser

Es war Nikolaustag 1975, der 6. Dezember vor 50 Jahren. Ein Samstag – das weiß Richard Sedlak sicherlich noch ganz genau. Und es war ein Schicksalstag in seinem Leben – ebenso wie für Familie Kienzler vom Nußbacher Joggenhof. „Aus heiterem Himmel stand er da“, erinnert sich Bernhard Kienzler fünf Jahrzehnte später. Bis heute blieb Sedlak dem Hof als Bewohner und Arbeiter erhalten – dieser Tage feiert er sein 50. Weihnachtsfest in Nußbach.

Sedlaks Geschichte ist alles andere als alltäglich. Als er 1975 zu Fuß auf dem Joggenhof ankam, hatte der damals 35-Jährige schon so einiges mitgemacht. Geboren wurde er nahe des Schwarzen Meers, bevor seine Familie in den Wirren des Kriegs die Flucht antrat, die sie bis in den Schwarzwald führte.

Dabei passierte es vermutlich, dass Sedlak von einem Wagen stürzte – ein Unfall mit weitreichenden Konsequenzen, wie man es sich später erklärte. So genau wisse man es nicht, sagt Karl-Heinz Weißhaar, der Sedlak seit fast 50 Jahren als sein gerichtlich bestellter Vormund begleitet, doch wahrscheinlich habe Sedlak bei dem Sturz bleibende Schäden davongetragen. Er kann weder lesen noch schreiben und ist – wenn man sich nicht regelmäßig mit ihm unterhält – nicht leicht zu verstehen.

Ein ganz besonderes Talent hat Sedlak aber an anderer Stelle: Zahlen, Daten und Fakten sind fest in seinem Gedächtnis eingebrannt. Geburts- und Wochentage, Autokennzeichen, Termine, und, und, und – was er sich einmal gemerkt hat, kann er auch Jahre später noch abrufen. „Er kann mir alle meine Autos und Kennzeichen aufzählen“, sagt Weißhaar lachend. „Die kenne ich schon selbst nicht mehr.“

Zu Fuß und ohne konkretes Ziel macht er sich auf

Auch in der ganzen Stadt habe Sedlak mit diesem Talent in den Jahrzehnten, in denen er nun schon in Nußbach lebt, einiges an Eindruck gemacht, erzählt Kienzler. Überall würde er mit offenen Armen empfangen, bestätigt Weißhaar, „weil er eben auch offen und umgänglich ist und gerne auf die Leute zugeht“.

Dass Sedlaks Geschichte eine so glückliche Wendung nahm, ist ursprünglich wohl vor allem auf eines zurückzuführen: eine Reihe von Zufällen. „Er ist meinem Vater damals zugelaufen“, sagt Kienzler heute scherzhaft. Doch ein Fünkchen Wahrheit steckt schon dahinter. Denn 1975 arbeitete Sedlak auf einem Hof in Brigach. Als es ihm dort nicht gefiel, machte er sich auf – zu Fuß und ohne konkretes Ziel. Und so führte ihn sein Weg zum Joggenhof. „Er hatte Hunger und hatte nichts bei sich“, erinnert sich Kienzler heute. „Und es wurde dann auch ziemlich schnell Nacht.“ Also wurde Sedlak erst einmal einquartiert.

Ein Zufall, von dem beide Seiten profitieren

Dass er nach mehr als fünf Jahrzehnten noch immer auf dem Hof leben würde, hätte damals wohl noch niemand gedacht. „Ich hätte mir nicht träumen lassen, dass er 50 Jahre bei uns bleibt“, sagt Kienzler.

Und doch kam es so. „Ich habe es immer so gesehen, dass es ein Vorteil für beide Seiten ist“, meint Weißhaar. „Der Joggenbauer hat einen Knecht und Richard hat ein Zuhause.“ Viele Jahre lang habe man bei der Arbeit auf dem Hof auf eine verlässliche Hilfe bauen können, berichtet Kienzler. „Natürlich gab es auch mal schwierige Zeiten zwischendurch – aber die gibt es ja überall.“

Und so fällt die Bilanz nach fünf Jahrzehnten durchaus positiv aus. Heute ist Sedlak – 50 Jahre, nachdem er zu Fuß hier ankam – kaum mehr vom Joggenhof wegzudenken.

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