Verschleppt nach Furtwangen: Auf den Spuren der Zwangsarbeit – dunkles Kapitel wird erlebbar

Wie sah es früher aus, wie sieht es heute aus? Das zeigt die App für den digitalen Stadtrundgang – hier nahe der Alten Post in Furtwangen.
Lukas Müller/Deutsches Uhrenmuseum- In Furtwangen wird Zwangsarbeit sichtbar: ein digitaler Stadtrundgang mit App.
- Rund 1100 Menschen mussten in der NS-Zeit in der Bregstadt arbeiten.
- Fokus sind ukrainische „Ostarbeiterinnen“, die verschleppt wurden und in Lagern lebten.
- Die Tour dauert etwa 90 bis 120 Minuten und nutzt die Smartphone-App „Future History“.
- Historische Orte wie Bahnhof, Gasthäuser und Barackenlager werden per Bildüberlagerung erklärt.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Etwa drei Kilometer lang führt der Rundgang durch Furtwangen – und alle, die sich auf die Reise durch die Zeit einlassen, entführt er an mehreren Stationen in längst vergangene und dunkle Kapitel der Furtwanger Geschichte. Es geht um Zwangsarbeit in der Zeit der NS-Diktatur bis in den Zweiten Weltkrieg hinein. Und es geht um die Orte, an denen in der Bregstadt insgesamt rund 1100 Menschen zur Arbeit gezwungen wurden.
Mit dem eigenen Smartphone und der kostenlosen App „Future History“ folgen Interessierte den Spuren der Zwangsarbeit in Furtwangen. Kleine Schilder an den jeweiligen Schauplätzen weisen den Weg – und zeigen, wo die wenig bekannte Vergangenheit auf digitalem Weg sichtbar wird.
Denn an diesen Stellen lässt sich auf dem Smartphone einblenden, wie es von dem exakt gleichen Blickwinkel früher dort ausgesehen hat. Kurze Texte vermitteln die Bedeutung der unterschiedlichen Orte für die Zwangsarbeit. Etwa 90 bis 120 Minuten sollte man nach Angaben der Stadtverwaltung für die Tour einplanen.
Statt Texten vermittelt das Stadtbild Geschichte
Der Rundgang entstand anlässlich der Uhrenmuseum-Sonderausstellung „Wo die besten Jahre vergangen sind“ über die Zwangsarbeit von Ukrainerinnen während des Zweiten Weltkriegs in Furtwangen. Entwickelt haben ihn das Deutsche Uhrenmuseum und die Heinrich-Böll-Stiftung Baden-Württemberg.

Der Rundgang führt durch Furtwangen – geleitet wird man mithilfe einer App vom eigenen Smartphone.
Helen Moser„Wir erzählen die Geschichte der Zwangsarbeit in Furtwangen nicht wie in vielen gedruckten Beiträgen von A bis Z, sondern gehen vom heutigen Stadtbild aus, von ganz konkreten Häusern und Straßen in Furtwangen. Manche Orte haben sich im Laufe der Jahrzehnte sehr stark verändert, andere sind noch so gut wiederzuerkennen, als wäre kaum etwas seitdem passiert“, schildert das Deutsche Uhrenmuseum die Intention des Stadtrundgangs in einem Blog-Beitrag auf seiner Webseite.
Verschleppt und zur Arbeit gezwungen
Im Fokus des Stadtrundgangs stehen junge Mädchen und Frauen aus der Ukraine, die etwa ein Drittel der insgesamt rund 1100 Zwangsarbeitenden in Furtwangen stellten. „Diese ‚Ostarbeiterinnen' wurden nach Furtwangen verschleppt und lebten in Lagern unter unmenschlichen Bedingungen“, erfahren Interessierte beim Stadtrundgang.

Schilder weisen in Furtwangen auf den digitalen Standrundgang zur Zwangsarbeit hin.
Helen MoserUnd sie können erkunden, wie es etwa an der heutigen Kreuzung von Martin-Schmitt- und Bahnhofstraße um das Jahr 1910 aussah. Damals fand man hier nämlich den Furtwanger Bahnhof, an den heute – abgesehen vom Straßennamen – nicht mehr viel erinnert. 1979 wurde das ehemalige Bahnhofsgebäude abgerissen.
Doch während der NS-Zeit kamen hier die ukrainischen „Ostarbeiterinnen“ an – nach einer Reise unter menschenunwürdigen Bedingungen. Zeitzeugin Maria Koschul'ko, die 1943 nach Deutschland verschleppt wurde, erinnert sich: „Wir fuhren in einem Güterzug. Unterwegs war es kalt, wir waren am Verhungern.“
Untergebracht in Gasthäusern und im Barackenlager
Vom einstigen Bahnhof ist heute nichts mehr zu sehen – an anderer Stelle ist das ganz anders. So etwa am „Furtwanger Hof“, der damals eines der zahlreichen Gasthäuser in Furtwangen war. Er war eines der Gebäude, in denen Zwangsarbeiter untergebracht waren. 1943 lebten im großen Saal des „Furtwanger Hofs“ beispielsweise 65 sogenannte „Ostarbeiterinnen“ in beengten Verhältnissen.

Der Rundgang führt durch Furtwangen – geleitet wird man mithilfe einer App vom eigenen Smartphone.
Helen MoserNicht weit entfernt, im ehemaligen Gasthaus Arche, heute Museumsgasthaus des Geschichts- und Heimatvereins, lebten französische Zwangsarbeiter. Beide Gebäude sind noch heute beinahe genauso erhalten wie sie auf der historischen Aufnahme von 1909 zu sehen sind.
Später waren die ukrainischen Zwangsarbeiterinnen in Furtwangen in einem Barackenlager untergebracht. Es stand auf dem „Baduf-Platz“, einer Freifläche zwischen dem Schwimmbad und dem Unternehmen B. Ketterer Söhne, wo sich heute die Weibert-Mahler-Straße befindet. Beim Stadtrundgang werden die baulichen Veränderungen deutlich.
Beengte Verhältnisse, brutaler Aufseher
Im September 1942 ließ die von Furtwanger Betrieben gegründete „Lagergesellschaft“ drei Baracken für jeweils 80 Personen errichten. Das Gelände stellte die Stadt zur Verfügung. Im Sommer 1943 war das Lager mit 260 Personen mehr als voll belegt. Je 20 Personen teilten sich einen Raum. Die Verhältnisse waren beengt und unhygienisch, das Essen knapp, der Aufseher brutal.

Das Gebäude, in dem die Praxis Zorbach untergebracht war, heute und damals – mithilfe der App "Future History" lassen sich die beiden Bilder digital überlagern.
Helen Moser/Deutsches UhrenmuseumWie sehr die Zwangsarbeiterinnen unter Lageraufseher Adolf Heim litten, zeigt eine weitere Station des Stadtrundgangs: das Gebäude an der Ecke Bahnhof- und Baumannstraße, in dem sich die Praxis des Mediziners Heinrich Zorbach befand. Der Arzt berichtete im Herbst 1943 über massive Misshandlungen der „Ostarbeiterinnen“. Das Haus, in dem sich die Praxis befand, ist noch immer in fast identischem Zustand wie auf der historischen Postkarte von etwa 1910, während sich im Umfeld – wie an vielen Stellen in Furtwangen – einiges verändert hat.


