Interview mit Christian Wörpel: „Weil man sich auf den Winter nicht mehr verlassen kann“ – das wird in Schönwald anders

Schönwalds Bürgermeister Christian Wörpel im vergangenen Winter vor seiner Rathaustüre. Im aktuellen Gespräch mit unserer Redaktion sprach er auch darüber, dass die Winter kürzer, die Sommer aber länger und heißer würden. Auf den Tourismus in der schön gelegenen Hochschwarzwald-Kommune könnte das völlig neue Effekte haben.
Erika Rapthel-KieserWenn es um Urlaub in Deutschland geht, ist der Schwarzwald für viele ein Traumziel. Nicht nur für solche, die nur eine Stippvisite oder einen Kurzbesuch planen. Sie erleben eine abwechslungsreiche und spektakuläre Landschaft, und haben zahlreiche Möglichkeiten für Ausflüge oder Freizeitgestaltung mit Spiel und Sport.
Die Schwarzwälder Kirschtorte und der Schwarzwälder Schinken sind längst berühmte und teilweise kulinarische Errungenschaften und die Kuckucksuhren ein Kulturbegriff für Jedermann. Kein Wunder, dass es weder an Einkehrmöglichkeiten noch an Museen dazu mangelt.
Aber: Tourismus ist kein Selbstläufer. Und je kleiner eine Gemeinde ist, umso schwieriger könnte es sein, in einem umkämpften Markt mitzuhalten. In Schwönwald leben etwas über 2500 Menschen – aber für diese Einwohner spielen die Gästezahlen oft eine große Rolle. Warum? Das erzählt uns auch Rathauschef Christian Wöhrle.
Herr Wörpel, Ihre Gemeinde Schönwald ist eine sehr kleine, wenn es um die Einwohnerzahlen geht. Trotzdem gibt es einen Kurpark, eine Sprungschanze, ein Naturfreibad, eine Minigolfanlage samt Boulebahn. Ist der Tourismus der Schlüssel, um all das finanziell zu stemmen?
Ja, ein Großteil der Schönwälder Infrastruktur ist durch den Tourismus entstanden und hauptsächlich durch einen funktionierenden Tourismus zu erhalten. Tourismus trägt also enorm zur Lebensqualität vor Ort bei. Aktuell mache ich mir große Sorgen um die Kommunalfinanzen im Allgemeinen. Wenn diese nicht endlich gestärkt werden, dann ist die Frage, was die Kommunen künftig noch alles leisten können.
Das sind Sorgen, die ja auch alle ihre Amtskollegen umtreiben. Heißt das für Schönwald dann nicht ganz besonders: „Die Gemeinde muss versuchen, die Gästezahlen übers ganze Jahr hochzuhalten“? Wie kann das gehen? Und wo sehen Sie denn den Unterschied zwischen Sommer- und Wintertourismus?
Die Winter werden stetig kürzer und unsicherer, sind also nicht mehr verlässlich. Die Bedeutung des Wintertourismus hat leider abgenommen. Im Winter kommen Übernachtungs- und Tagesgäste sehr kurzfristig, wenn Schnee fällt. Wenn kein Schnee da ist, lässt sich jedoch vielleicht bereits gut wandern und Rad fahren. Die Sommersaison wird hingegen länger.
Wie wichtig ist Ihnen und dem Gemeinderat die Mitgliedschaft in der HTG?
Die Kooperation mit der HTG war ein wichtiger und richtiger Schritt. Die HTG ist eine sehr professionell aufgestellte Organisation, in der Zusammenarbeit und das Miteinander sehr gut sind.
Was kann ein solcher Zusammenschluss für eine kleine Gemeinde erreichen?
Viele Destinationen werben um Gäste. Da ist es nicht leicht und wird auch nicht leichter, durchzudringen, vor allem allein oder als kleiner Verbund, wie dem damaligen Ferienland.
Der Tourismusverbund HTG bündelt die Kräfte
Ein Verbund in einer gewissen Größe wie der HTG bündelt Kräfte und bringt für alle Seiten viele Synergien hinsichtlich Kompetenzen und Personal. Auch finanziell lässt sich bei einer Bündelung mehr erreichen. Und ein Gast bleibt ja meist auch nicht nur in einer Gemeinde, sondern bewegt sich in der ganzen Region. Da bieten wir im HTG-Gebiet ein breites Angebot und viele Erlebnisse.
Sie können, wie ihre Nachbargemeinde Triberg, mit dem Prädikat „Heilklimatischer Kurort“ werben, aber Schönwald ist sogar einer von nur 18 in Deutschland in der „PremiumClass“. Klingt das nur gut, oder münzt sich das in Euro und Cent um?
Die Nachbarstadt Triberg ist wie wir „Heilklimatischer Kurort“, die Nachbargemeinde Schonach ist ein staatlich anerkannter Erholungsort. Beim Prädikat „Heilklimatischer Kurort“ geht es nicht nur ums Gutklingen. So ein Prädikat über 50 Jahre zu halten, ist ständige Arbeit. Hinter dem Prädikat gilt es zu stehen und dieses Bewusstsein auch weiterzugeben. Bei „PremiumClass“ gehen wir einen Schritt weiter und erfüllen zusätzliche Kriterien, beispielsweise in Sachen Nachhaltigkeit, was ja ein aktuelles Thema ist. Als Beispiele können unser Naturfreibad und auch das Nahwärmenetz angeführt werden.

Das beliebte Schönwälder Naturfreibad trägt seinen Teil zum Prädikat „PremiumClass“, mit dem sich der Ort schmücken darf, bei. Rathauschef Christian Wörpel und dem Gemeinderat geht es auch mit und bei dieser kommunalen Einrichtung um Nachhaltigkeit.
Enrico FaustmannEffekte des Prädikats sind schwer direkt messbar. Natürlich gibt es harte Zahlen wie Tourismusstatistiken, Einnahmen aus Kurtaxe und Co. Doch viel Wertschöpfung kommt indirekt auch über die zweite und dritte Umsatzstufe. Teilweise gibt es zudem höhere Zuschüsse in höher prädikatisierten Kurorten. Viele Menschen ziehen zu uns oder machen hier Urlaub, gerade wegen des Heilklimas.
„Das Schönwälder Siegel hat Zukunft“
Zudem gewinnt das Thema durch die Klimaveränderung weiter an Bedeutung. Wichtig ist daher, am Siegel festzuhalten, es hat Zukunft. Das Schönwälder Heilklima ist ein Pfund, sogar amtlich bestätigt, und eben kein leeres Werbeversprechen.
Ist Tourismus bei Ihnen im Rathaus Chefsache?
Es ist für mich ein absolut wichtiges Thema. Schönwald braucht schließlich den Tourismus. Daher stehe ich voll dahinter, bringe mich gerne mit ein und berate mich eng mit unseren Tourismusexperten.
Was muss man tun, um Gäste, Schönwälder Unternehmer und Gemeindeinteressen gut zu koordinieren?
Wir sind eine kleine Gemeinde, da ist Koordination und Abstimmung zwischen den Akteuren sicherlich etwas leichter. Aus meiner Sicht funktionieren hier die Vernetzung und das Zusammenspiel zwischen Leistungsträgern, Touristikern, Verwaltung und Gemeinderat.
Welcher Wirtschaftszweig ist denn in Schönwald führend? Ist es noch immer die Uhrenindustrie?
Aktuell investieren wir über den Eigenbetrieb Tourismus in den neuen Wanderparkplatz Ortsmitte. Damit möchten wir künftig mehr Gäste in den Ort bringen und damit mehr Wertschöpfung generieren. Dies kommt dann dem ganzen Ort zu Gute.
Angesichts einer Sprungschanze auf Ihrer Gemarkung und der Bedeutung des Wintersports – wo sehen Sie in der Zukunft mögliche Herausforderungen durch den Klimawandel auf Schönwald zukommen?
Die große Adlerschanze ist bereits länger nicht mehr in Betrieb. Die Jugendschanzen werden nach wie vor aktiv vom Nachwuchs genutzt. Es stellt sich natürlich die Frage, welche Investitionen künftig noch im Wintersport beziehungsweise Wintertourismus getätigt werden, wie lange man die vorhandene Infrastruktur noch betreiben kann und wie sie gegebenenfalls nachgenutzt und kompensiert werden kann.
„Klimawandel heißt viel mehr als nur weniger Schnee“
Klimawandel ist natürlich jetzt ein großes Feld und heißt noch viel mehr als nur weniger Schnee. Denken wir an Trockenheit, Hitze, Starkregenereignisse und mögliche Auswirkungen auf die Wasserversorgung und so weiter.
Und wie kann man den Herausforderungen begegnen?
Generell ist wichtig, dass wir im Rahmen unserer Möglichkeiten unseren Beitrag leisten und am Ball bleiben bei Klimaschutz und ‑anpassung. Das ist jedoch ein großes Thema und würde hier den Rahmen sprengen. Durch den Klimawandel ist damit zu rechnen, dass die Hochlagen des Schwarzwaldes künftig mehr frequentiert werden, da es andernorts zu heiß ist und selbst nachts kaum abkühlt. Daran sieht man, dass Klimaveränderung vielerlei Auswirkungen mit sich bringt und uns alle noch viel beschäftigen wird.