Wie groß ist die Gefahr in Rottweil?: Asbest-Alarm an Schulzentrum – Jetzt sind die Messwerte bekannt

Landrat Christoph Keckeisen (von rechts), der Erste Beigeordnete Hermann Kopp, Gesundheitsamtsleiter Heinz-Joachim Adam sowie die Schulleiter Michael Schuler (EHG) und Ingo Lütjohann (NBS) informieren über die Lage am mit Asbest belasteten Berufsschulzentrum Rottweil.
Otto- Asbest in Rottweiler Berufsschulzentrum entdeckt – Schule bleibt vorsorglich geschlossen.
- Messungen: Höchste Werte in WC-Blöcken 2, 3, 4, teils über 10.000 F/m3, anderswo erhöht.
- Gesundheitsamt: „Realistisch gesehen bestand keine Gefahr“, dennoch Sanierung empfohlen.
- Weitere Messungen laufen, mögliche Einhausung betroffener Bereiche und Sanierung in den Sommerferien.
- Unterricht wird verlegt oder digital organisiert, rund 100 Räume an Ausweichorten nötig.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Die Lage sei eine „große Herausforderung“ für alle Beteiligten, so Landrat Christoph Keckeisen zur derzeitigen Ausnahmesituation an der Nell-Breuning-Schule (NBS) und der Erich-Hauser-Gewerbeschule (EHG). Um Transparenz zu schaffen und drängende Fragen zu beantworten, wurde in den großen Saal am Berufsschulzentrum – der nicht betroffen ist –geladen.
Wer allerdings denkt, das Schulzentrum sei völlig verwaist, der irrt. Der Parkplatz ist voll, Schüler kommen und gehen. Vieles wird in diesen Tagen organisiert, um den Unterricht für 3000 Schüler an anderen Standorten oder im Fernunterricht sicherzustellen. „Heute werden unter anderem weitere Tablets ausgeteilt“, so NBS-Leiter Ingo Lütjohann. Und sein Kollege Michael Schuler von der EHG erklärt, dass für etliche Klassen an der Schule der Treffpunkt sei, um dann gemeinsam in Ausweichquartiere zu gehen.
Spritzasbest zur Dämmung verwendet
Bei Bauarbeiten war in dem großen, verwinkelten Gebäudekomplex hoch über Rottweil Asbest entdeckt worden. Dieser wurde nach ersten Erkenntnissen in Bereichen der Lüftungsanlage als Spritzasbest zur Dämmung verwendet.
Die Schule ist seit Ende vergangener Woche vorsorglich komplett geschlossen worden. Und sie bleibt vorerst weiter zu. Weitere Messungen laufen.
Zwar gebe es in einigen Bauabschnitten keine unmittelbaren Asbestquellen, dennoch müsse man ausschließen, dass aus belasteten Bereichen etwas übertragen wird, so Dezernent Hermann Kopp vom Landratsamt. Er erläutert gemeinsam mit den Schulleitern die einzelnen Bauabschnitte und Messpunkte. Der Kern der Belastung liege im ersten Bauabschnitt, der ab 1975 entstand und 1978/79 bezogen wurde.
Die Asbestwerte
Im Visier als direkte Asbestquellen liegen die in den Treppenhäusern befindlichen Sanitärblöcke 2, 3 und 4. Die gemessenen Werte geben die Konzentration an Asbestfasern pro Kubikmeter Luft an. Die Ergebnisse liegen
in Ebene 1 (in der Reihenfolge der Blöcke) bei 1650, 12450 und 1360,
in Ebene 3 bei 1170, 7410 und 290 sowie
in Ebene 5 kleiner 100 F/m3.
Auch in anderen Räumen wurde eine erhöhte Belastung gemessen. Von bislang 47 Messpunkten seien elf rot, davon wiederum lägen acht in den WC-Blöcken, so Ingo Lütjohann.
Wie diese Werte einzuordnen sind, darüber informierte Heinz-Joachim Adam, Leiter des Gesundheitsamts Rottweil. Sein Fazit gleich vorneweg: „Realistisch gesehen bestand keine Gefahr für Schüler und Lehrer“.
Die Beurteilung sei jedoch höchst komplex. Asbest sei eine potenziell krebsauslösende Substanz mit großer Latenzzeit, das heißt, dass sich eine Erkrankung erst 30 bis 50 Jahre später zeigen kann. Der Stoff sei allgegenwärtig als „Hintergrundbelastung“ in der Raumluft vorhanden – es bestehe jedoch ein Minimierungsgebot, weshalb in jedem Fall hier Handlungsbedarf bestehe.
Überraschend für den Laien dürften die unterschiedlichen Richtwerte sein, die es in Sachen Asbest gibt: Laut Landesbauordnung liegt der Wert, ab dem man sanieren sollte, bei 1000 F/m3 – hier liegen die Werte in der Schule also darüber. Der Sanierungszielwert liegt dann bei 500 F/m3. Diesen als ungefährlich geltenden Wert wolle man auch im Berufsschulzentrum erreichen.
Der Akzeptanzwert an einem Arbeitsplatz allerdings, so Adam, liegt bei 10.000 F/m3, der Toleranzwert sogar bei 100.000 F/m3.
En Rechenbeispiel
Die Tatsache, dass die Belastung in der Schule relativ gering sei und sich Schüler und Lehrer zudem nicht den ganzen Tag in den WC-Kernen aufhalten, legte Adam einem Rechenbeispiel zugrunde. So müsste bei den gemessenen Werten eine hochgerechnete zeitliche Belastung von 25.000 Jahren erfolgen, um an jene Grenze heranzukommen, ab der bei der Berufsgenossenschaft eine asbestbedingte Erkrankung anerkannt wird.
Dennoch: „Eine Beseitigung des Asbests unter Schutzmaßnahmen ist zu empfehlen“, so das Fazit des Gesundheitsamtschefs. Laut Hermann Kopp laufen nun weitere Messungen und Untersuchungen, um zu klären, ob es einen Übertrag in andere Bereiche gegeben hat. Dann werde ein Maßnahmenpaket erarbeitet.
Das könnte so aussehen, dass die betroffenen Bereiche komplett eingehaust werden, sodass einzelne Bauabschnitte wieder für den Betrieb freigegeben werden können. Eine Sanierung könnte möglicherweise in den nächsten Sommerferien erfolgen. Weitere unbelastete Toiletten wären vorhanden, zur Not seien auch Container möglich.
Durch Corona erprobt
Während auf die nächsten Ergebnisse gewartet wird, sind die Schulleiter und ihre Kollegen bemüht, möglichst viel Unterricht in Präsenz an Ausweichorten zu ermöglichen. Fernunterricht sei möglich, hier sei man auch durch die Coronazeit erprobt, doch dies ersetze nicht den Präsenzunterricht, so Ingo Lütjohann.
Michael Schuler dankte für jedes Angebot für außen und die große Unterstützung bezüglich der Ausweichquartiere. Unter anderem am DHG, bei Mahle, bei der Kreissparkasse, an der Bildungsakademie, der Stiftung Lernen Fördern Arbeiten und an etlichen weiteren Satndorten kommen Klassen unter. „Wir brauchen 100 Räume, damit die Schüler beschult werden können“, machte er die Dimensionen deutlich.
Auch wenn man sich auf eine Zeitschiene derzeit noch nicht festlegen kann – bis wieder „normaler“ Schulbetrieb am Berufsschulzentrum herrscht, wird es wohl noch länger dauern. Die gesetzliche Frist zur Beseitigung dieser nun bekannt gewordenen Asbest-Belastung liegt laut Heinz-Joachim Adam übrigens bei drei Jahren.




