Unsere Besten: Heike Heubach: Die erste gehörlose Abgeordnete im Bundestag

Heike Heubach bei ihrer ersten Rede im Bundestag.
SPD Bundestagsfraktion/SPD BundestagsfraktionWenn Heike Heubach von ihrem Alltag in der Bundespolitik erzählt, dann gerät sie schnell ins Schwärmen. „Ich liebe meine Arbeit, meine Termine und Aufgaben. Und ich liebe es, mich mit Menschen zu unterhalten und auszutauschen“, sagt sie. Eigentlich keine Besonderheit im Alltag einer Bundestagsabgeordneten, aber irgendwie eben doch; denn Heike Heubach ist gehörlos. Als Einschränkung empfindet sie das nicht. „Ich kann ja alles machen, außer hören“, sagt sie, oder vielmehr gebärdet sie. Im Interview sind zwei Gebärdensprachdolmetscherinnen dabei. So auch bei vielen ihrer Termine oder auch im Bundestag. Ganz „normaler“ Alltag.
Gehörlosigkeit fällt in der frühen Kindheit zunächst nicht auf
Geboren wurde Heike Heubach in Rottweil, aufgewachsen ist sie in Oberndorf. Hier und in Dornhan lebt ihre Familie auch heute noch. Sie selbst lebt mit ihrem Mann und den beiden Töchtern seit gut 20 Jahren in Stadtbergen bei Augsburg. Vermutlich aufgrund einer Mittelohrentzündung im Alter von zwei Wochen habe sie ihre Hörfähigkeit verloren. „Meine Oma und meine Eltern haben das erst gemerkt, als ich schon anderthalb Jahre alt war“, erzählt sie. Ihr selbst habe das anfangs nicht viel ausgemacht, sie habe problemlos mit hörenden Kindern gespielt, erinnert sie sich. Sie sei wie ein hörendes Kind aufgewachsen, ihre Eltern hätten sie überall mit hingenommen.
Identitätskrise in der Pubertät
Doch in der Pubertät habe sie dann gemerkt, dass die Kommunikation nicht mehr funktioniere und sei daraufhin in eine echte Identitätskrise geraten. Die Schule hat sie in einer Gehörloseneinrichtung in Schramberg-Heiligenbronn besucht. Im Jahr 1996 machte sie hier den Hauptschulabschluss und besuchte dann die „Wirtschaftsschule für Hör-Sprachgeschädigte“ in Heidelberg-Neckargemünd. „Da war die Welt eine andere. Ich wohnte im Internat. Und erst hier habe ich dann auch meine Identität gefunden“, sagt sie. Sie liebt handwerkliche Arbeiten, aber auch Skifahren und Schwimmen.
Der Weg in die Politik
Aber wie kam Heike Heubach eigentlich zur Politik? „Sehr spät und eher durch Zufall“, gibt sie zu und lacht. Während der Schulzeit habe sie Politik nicht interessiert. Jedoch hat sie sich schon immer für Gerechtigkeit eingesetzt. Im Jahr 2019 sei sie vom Stadtratsvorsitzenden in Stadtbergen gefragt worden, ob sie für den Stadtrat kandidieren wolle. „Ich hatte ja gar keinen Politikbezug und habe dann erst mal angefangen zu recherchieren“, erinnert sie sich. Sie habe schließlich kandidiert, doch den Einzug ins Stadtparlament habe sie verpasst.
Kandidatur für den Bundestag
Auch bei der Bundestagswahl 2021 sei sie angesprochen worden, ob sie kandidieren wolle. Sie habe überlegt und den Schritt dann gewagt. Der Einzug ins Bundesparlament für die SPD ist ihr dann aber erst im Jahr 2024 gelungen. „Das war alles sehr spannend“, sagt sie und ergänzt: „In der Politik kann man etwas bewegen und auch Situationen ändern und viel erreichen.“
Einsatz für Umwelt- und Klimaschutz
Vor allem für Umwelt- und Klimaschutz setzt sie sich ein. Denn ihr ist es ein großes Anliegen, die Welt gut an die nächsten Generationen weiterzugeben.
Seit kurzem ist ihr Fokus auch auf Menschen mit Behinderung und deren Recht auf Teilhabe gerichtet. „Diese Menschen werden viel zu wenig gesehen. Das Gleichstellungsgesetz und das Bundesteilhabegesetz müssen dringend angepasst werden. Das ist eine große Herausforderung“, weiß sie. Doch aufgeben gibt es für Heike Heubach nicht. Sie habe ein Ziel vor Augen und auf dieses arbeite sie jetzt hin.
Früher habe sie ein anderes Bild von der Politik gehabt als jetzt. Die Vielfalt der Aufgaben bereite ihr große Freude. „Und meine Familie unterstützt mich sehr dabei. In meiner ersten Woche in Berlin hat mich meine 22-jährige Tochter begleitet“, erzählt sie begeistert.
Erste gehörlose Abgeordnete
Heike Heubach ist die erste gehörlose Abgeordnete im Bundestag. „Das war mir anfangs gar nicht so bewusst“, sagt sie. Viele Pressetermine und ein voller Kalender hätten dafür gesorgt, dass sie gar kein Gefühl mehr dafür gehabt habe, wo sie stehe.
Rede im Bundestag am 10. Oktober 2024
„Richtig bewusst wurde mir das erst am 10. Oktober vergangenen Jahres, als ich meine erste Rede im Bundestag gehalten habe. Das hat sich sehr gut angefühlt und war sehr schön. Ich habe später das Video gesehen. Ich stehe da. Ich, Heike Heubach. Ich war total ergriffen und hatte Tränen in den Augen“, erzählt sie.
Viele Wünsche und Ideen
Für die nächste Zeit hat sie „eine ganze Wunschliste und ganz viele Ideen“, verrät sie. Ein großer Wunsch von ihr ist, dass sich die politische Stimmung wieder verbessert. „Ich hätte mir nie vorstellen können, dass man so miteinander debattiert. Ich wünsche mir eine wertschätzende und keine verletzende Sprache“, sagt sie. Sie schätzt zudem sehr, dass es im Bundestag mittlerweile eine barrierefreie Kommunikation gibt. „Vor zwei Jahren war in meinem damaligen Anstellungsverhältnis nur eine begrenzte Teilhabe möglich. Barrierefreie Kommunikation muss jedoch für alle tauben und schwerhörigen Menschen ermöglicht und vor allem selbstverständlich werden“, das weiß sie und freut sich, dass sich die Dinge Stück für Stück im Alltag und im Berufsleben bewegen.