Schifffahrt bei Basel
: Wie Binnenschiffer dem Niedrigwasser trotzen

Extrem niedrige Pegel setzen der Binnenschifffahrt auf dem Rhein zu. Der niedrige Wasserstand schränkt die Transportkapazitäten ein, erhöht den wirtschaftlichen Druck und verlangt den Schiffsführern viel Erfahrung und Fingerspitzengefühl ab.
Von
Michael Werndorff
Basel
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Zeigen sich trotz der schwierigen Bedingungen entspannt: die Binnenschiffer Dennis (links) und Martijn de Wit.

Zeigen sich trotz der schwierigen Bedingungen entspannt: die Binnenschiffer Dennis (links) und Martijn de Wit.

Michael Werndorff
  • Rheinpegel extrem niedrig: Transportkapazitäten sinken, Druck auf Schiffer steigt.
  • Kaub meldete am 12. August zehn Zentimeter – etwas Regen, aber kein Entwarnen.
  • Schweiz spürt Folgen: rund acht Prozent der Importe kommen über den Rhein.
  • Partikuliere Dennis und Martijn de Wit fahren mit weniger Ladung – höhere Frachtraten helfen.
  • Navigieren erfordert höchste Konzentration, Erfahrung und Ortskenntnis – Risiken nehmen zu.

Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.

Mit einem derben Kraftwort beschreibt ein Schiffsführer die aktuelle Situation auf dem Rhein. „Es müsste jetzt regnen, ganz viel regnen.“ Weder sein Name noch der des Schiffs soll in der Zeitung erscheinen, bittet er. Denn die Handelskontore würden trotz extrem niedriger Wasserstände und stark eingeschränkter Abladekapazitäten einen enormen Druck auf die Binnenschiffer ausüben. „Die wollen alle ihr Öl, und das so schnell wie möglich.“

Der Rumpf des Tankschiffs im Birsfelder Hafen ragt weit aus dem Wasser empor – die Ladung ist gelöscht, doch bis zur Talfahrt wird es sicher noch eine Weile dauern. Wegen des historischen Niedrigwassers – ­am 12. August zeigte der Pegel bei Kaub nur noch zehn Zentimeter an – können viele Schiffe gar nicht mehr oder nur mit stark reduzierter Fracht fahren.

Immerhin – die jüngsten Regenfälle haben den Rheinpegel erstmals wieder etwas steigen lassen. Dennoch: Für ein Aufatmen sei es jetzt noch zu früh. Die maximal mögliche Ladung falle immer noch deutlich geringer aus. „Es ist ein Bruchteil dessen, was wir gewöhnlich auf dem Rhein transportieren. Weniger als die Hälfte, um genau zu sein. Unsere Tanks sind lediglich angefeuchtet“, lacht der Schiffsführer und zuckt mit den Achseln. An der Situation lasse sich nichts ändern. Abhilfe könne nur von oben kommen, sagt er, während er mit dem Zeigefinger in Richtung Himmel deutet.

Schweiz bekommt die Folgen zu spüren

Die Transportkapazitäten sind seit geraumer Zeit erheblich eingeschränkt –­ das bekommt auch die Alpenrepublik zu spüren: Laut Bundesamt für wirtschaftliche Landesversorgung werden rund acht Prozent aller Importe in die Schweiz über den Rhein abgewickelt. An lebenswichtigen Gütern kommen unter anderem große Mengen an Mineralölprodukten, Futter- und Nahrungsmitteln sowie Dünger über den Rhein in die Schweiz. 2025 wurden zum Beispiel rund 22 Prozent der Einfuhren von Rohöl und Fertigprodukten im Mineralölbereich über den knapp 1233 Kilometer langen Fluss eingeführt.

Die "Schavuit" wurde einst für die Schweiz gebaut und kann auf eine lange Geschichte blicken.

Die "Schavuit" wurde einst für die Schweiz gebaut und kann auf eine lange Geschichte blicken.

Michael Werndorff

Derweil herrscht auf der in den Niederlanden beheimateten „Schavuit“ (deutsch: Schlingel) geschäftiges Treiben. Konzentriert und mit musikalischer Unterhaltung schleift Martijn de Wit den hölzernen Handlauf der Reling. Immer wieder fährt er prüfend mit der Hand über das Holz. Während der Liegezeit wird das vor vielen Jahrzehnten für die Schweiz gebaute Schiff auf Vordermann gebracht. An Bord gebe es immer etwas zu tun. Und man will natürlich mit einem sauber erscheinenden Schiff unterwegs sein, meint der 34-Jährige. Gemeinsam mit seinem Mann Dennis trotzt er dem historischen Niedrigwasser. Die zuletzt in Emden geladene Fracht haben sie bis nach Kehl transportiert.

Anschließend ging es weiter nach Birsfelden, wo der nächste Auftrag auf sie wartet. „Dann fahren wir Konstruktionsteile nach Antwerpen“, erklärt Dennis. Martijn de Wit ist ein sogenannter Partikulier, also ein selbstständiger Schiffseigentümer. „Eine aussterbende Gattung“, meint der drei Jahre ältere Dennis. Die Zahl der Partikuliere sinke zusehends, da hohe Kosten für moderne Motoren, herausfordernde Niedrigwasserphasen und sinkende Transportmengen viele Betriebe zur Aufgabe zwingen. Und: Banken würden nicht mehr in kleine Schiffe investieren wollen.

Höhere Frachtpreise sorgen für finanziellen Ausgleich

Das Ehepaar aus den Niederlanden verspürt indes keine Existenzsorgen. Auch nicht in der jetzigen, für viele Betroffene dramatischen Situation. Gleichwohl wissen sie um den hohen Druck, der auf vielen Binnenschiffern lastet. Sie hätten aber Glück: „Wir sind selbstständig, und wir können selbst entscheiden, ob und wann wir fahren. Das Schiff gehört uns, eine Hypothek müssen wir nicht bedienen“, so Dennis. Ihm zufolge können sie bauartbedingt und mit geringerer Ladung die gesamte schiffbare Rheinlänge befahren. Und die gestiegenen Frachtpreise würden für einen finanziellen Ausgleich sorgen. „Außerdem: Höhere Preise müssen sein, schließlich steigt das Risiko bei Niedrigwasser“, ergänzt Martijn. Das seit zwei Jahren verheiratete Paar arbeitet mit mehreren Kontoren zusammen – über ihre Auftragslage zeigen sie sich zufrieden.

Höchste Konzentration gefordert

Unter den aktuellen Bedingungen sei im Steuerhaus natürlich höchste Konzentration gefordert, berichten die beiden. Stellenweise lägen nur 30 bis 40 Zentimeter zwischen dem Flussgrund und der 1000 PS starken „Schavuit“, die 1950 als „Valcava“ für die Alpenrepublik vom Stapel lief –­ das Schweizerkreuz unter dem weißen Anstrich an Bug und Heck zeugt von der Vergangenheit. „Das Schiff hat eine lange Geschichte und zieht vielerorts die Blicke auf sich“, schwärmt Martijn. „Man kennt uns, und man kennt die einstige Valcava.“

Rund acht Prozent aller Importe in die Schweiz werden über den Rhein abgewickelt.

Rund acht Prozent aller Importe in die Schweiz werden über den Rhein abgewickelt.

Michael Werndorff

Angaben des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts Oberrhein zufolge sind die Pegelstände am Oberrhein seit Anfang Juni vergleichsweise niedrig. Ursache seien ausbleibender Regen und fehlendes Schmelzwasser aus den Bergen. „Niedrige Pegel sind aber keine Seltenheit, außergewöhnlich ist aber der frühe Zeitpunkt“, weiß Dennis. Niedrigwasser werde meist erst im August und September zu einer Herausforderung für die Binnenschifffahrt. Stellenweise komme man dann nur langsam voran.

Gefährliche Situationen

Was es dann brauche, um sicher von A nach B zu gelangen? „Viel Erfahrung und Kenntnisse über die Besonderheiten des Flusses. Letzteres wird aber immer seltener“, moniert der Schiffsführer mit Blick auf Änderungen bei den Rheinpatenten, die das Führen bestimmter Schiffe auf dem Fluss erlauben. „Damit geht jede Menge Wissen verloren. Und so kommt es sehr schnell zu Unfällen.“ Jede Woche gebe es gefährliche Situationen, über die aber nicht berichtet würde, ärgert sich Dennis de Wit. Indes: Die jetzige Lage nimmt das Ehepaar mit Gelassenheit. Sie wissen, dass sie mit ihrer „Schavuit“ weiterfahren können – mit einer Handbreit Wasser unterm Kiel.