„Zunehmend an Belastungsgrenze“: Kitas im Fokus – Seelbach richtet Brandbrief an Cem Özdemir

Auch in Seelbach bringen die Finanzierungsstrukturen der frühkindlichen Bildung Familien, Städte und Gemeinden zunehmend an die Belastungsgrenzen. (Symbolfoto)
Daniel Reinhardt/dpa- Eltern, Träger, Gemeinde und alle Fraktionen in Seelbach senden Brandbrief an die Landesregierung.
- Zentrale Botschaft: Die Finanzierung der Kitas stößt bei Familien und Kommunen an Grenzen.
- Gründe sind steigende Kosten für Leben, Energie, Wohnen und höhere Tarif- sowie Sachkosten.
- Appelle an das Land: zukunftsfeste Finanzierung, Entlastung der Kommunen und Bürokratieabbau.
- Ziel bleibt verlässliche, bezahlbare und qualitativ hochwertige Betreuung – ohne Eltern gegeneinzuplanen.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Das Schreiben, das unserer Redaktion vorliegt, ist an Ministerpräsident Cem Özdemir (Grüne) und Kultusminister Andreas Jung (CDU) gerichtet. Es ist laut Einleitung des Briefes das Ergebnis eines „gemeinsamen Austauschs zwischen den Elternvertretungen der Seelbacher Kindertageseinrichtungen, den Trägern, der Gemeindeverwaltung und Vertretern des Gemeinderats.“
Trotz unterschiedlicher Perspektiven sei man sich am Ende des Gesprächs in einem entscheidenden Punkt einig gewesen: „Die derzeitigen Finanzierungsstrukturen der frühkindlichen Bildung bringen sowohl Familien als auch Städte und Gemeinden zunehmend an ihre Belastungsgrenzen.“ Daher wenden sich die Unterzeichner gemeinsam an Özdemir und Jung.
„Niemand von uns möchte, dass Elternbeiträge regelmäßig steigen“, heißt es in dem Schreiben weiter. Gleichzeitig wisse man, dass gute frühkindliche Bildung, engagierte pädagogische Fachkräfte und eine verlässliche Betreuung ihren Wert haben und auch Geld kosten.
Jedoch zeige die Realität, dass Familien immer stärker unter Druck geraten. Steigende Kosten für Wohnen, Energie, Lebensmittel und Mobilität belasten laut den Unterzeichnern viele Haushalte erheblich. Hinzu kämen steigende Elternbeiträge. Besonders schwierig sei die Situation für Familien, deren Einkommen knapp oberhalb der Grenzen für staatliche Unterstützungsleistungen liegt: „Sie tragen die steigenden Belastungen oftmals vollständig selbst und geraten dadurch zunehmend unter finanziellen Druck."
Dabei gehe es auch um Chancengleichheit und Bildungsgerechtigkeit. Der Zugang zu frühkindlicher Bildung und Betreuung dürfe nicht zunehmend zu einer Frage der finanziellen Leistungsfähigkeit einer Familie werden. Gleichzeitig zeige der Blick über Baden-Württemberg hinaus, dass Familien bei der Finanzierung der Kinderbetreuung je nach Bundesland sehr unterschiedlich belastet werden. Andernorts bestehen demnach teilweise deutlich weitergehende Entlastungen.
Gemeinde will finanzielle Belastung der Familien so gering wie möglich halten
Gleichzeitig erleben auch die Städte und Gemeinden eine Entwicklung, die sie aus eigener Kraft immer weniger bewältigen können, heißt es in dem Schreiben weiter. Tarifsteigerungen, steigende Sach- und Energiekosten sowie immer neue gesetzliche Anforderungen führen demnach seit Jahren zu „erheblichen Mehrbelastungen“. Eltern und Kommunen stehen sich dadurch bei jeder notwendigen Beitragsanpassung scheinbar gegenüber, obwohl sie in Wahrheit dasselbe Problem haben, betonen die Unterzeichner.
Auch die Gemeinde wolle die finanzielle Belastung der Familien so gering wie möglich halten, heißt es weiter. Die kommunalen Handlungsspielräume werden angesichts der beschriebenen Kostenentwicklungen jedoch zunehmend enger. „Die Orientierung an den gemeinsamen Empfehlungen der kommunalen und kirchlichen Spitzenverbände erfolgt daher nicht mit dem Ziel, Familien zusätzlich zu belasten, sondern vor dem Hintergrund einer dauerhaft verantwortungsvollen Finanzierung der Kinderbetreuung.“
Unterzeichner wenden sich mit fünf Appellen an die Landesregierung
„Dabei verfolgen wir alle dasselbe Ziel: Eine qualitativ hochwertige, verlässliche und bezahlbare Kinderbetreuung“, heißt es im Schreiben weiter. Gerade deshalb dürfe die Diskussion nicht länger auf die Frage reduziert werden, ob Elternbeiträge erhöht werden oder nicht. „Die eigentliche Frage lautet vielmehr, wie die frühkindliche Bildung dauerhaft finanziert werden soll“, so die Unterzeichner.
Im Folgenden wenden sich die Autoren des Briefs mit fünf Appellen an die Landesregierung. Demnach solle die Finanzierung der frühkindlichen Bildung gemeinsam mit den Kommunen zukunftsfest aufgestellt werden und Städte und Gemeinden dauerhaft stärker entlastet werden. Zudem sollen die Auswirkungen neuer gesetzlicher Anforderungen auf ihre Finanzierbarkeit konsequent mitgedacht werden. Bürokratie und Dokumentationspflichten sollen kritisch überprüft und dort abgebaut werden, wo sie die pädagogische Arbeit unnötig belasten. Außerdem solle gemeinsam mit den kommunalen Spitzenverbänden tragfähige Lösungen für eine langfristige verlässliche Finanzierung entwickelt werden.
Abschließend wird darauf verwiesen, dass frühkindliche Bildung zu den wichtigsten Zukunftsaufgaben des Landes gehöre. Eltern und Kommunen dürfen bei dieser Aufgabe nicht gegeneinander ausgespielt werden, heben die Unterzeichner hervor. Beide wünschen sich demnach verlässliche Rahmenbedingungen, Planungssicherheit und eine Finanzierung, die dem hohen gesellschaftlichen Stellenwert der Kinderbetreuung gerecht wird.
Der gemeinsame Austausch in Seelbach habe gezeigt, dass Eltern, Träger, Gemeinderat und Verwaltung trotz unterschiedlicher Rollen in einem wesentlichen Punkt übereinstimmen: „Die derzeitigen Finanzierungsstrukturen stoßen an ihre Grenzen.“ Darum bitte man Özdemir und Jung, gemeinsam mit den Kommunen Lösungen zu entwickeln, die Familien spürbar entlasten und gleichzeitig eine qualitativ hochwertige Kinderbetreuung dauerhaft sichern.
Brandbrief aus Schuttertal
Seelbach ist nicht die erste Gemeinde aus der Region, die aufgrund der Lage im Bereich der Kitas einen Brandbrief an Cem Özdemir und Andreas Jung geschickt hat. Bereits Anfang Juli war das Thema Inhalt eines offenen Briefes der Gemeinde Schuttertal und der dortigen Elternvertreter.



