Interview mit dem ehemaligen Lahrer Oberbürgermeister
: „Jede Zeit hat ihre Herausforderungen“

Wolfgang G. Müller wird am 21. Oktober 75 Jahre alt. Hier spricht er über seine 22 Jahre als Lahrer Oberbürgermeister – darüber, was in seiner Amtszeit klappte, aber auch, was ihn letztlich enttäuscht hat. Auch zu den Problemen der Innenstadt und aktuellen Haushaltssperre äußert er sich – und welche Pläne er noch hat.
Von
Herbert Schabel
Lahr
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Wolfgang G. Müller war 22 Jahre lang Lahrer OB. 2019 wurde er in den Ruhestand verabschiedet, seither ist er Ehrenbürger der Stadt. Er ist aber nach wie vor vielfach engagiert, etwa als Vorstandsvorsitzender der Bürgerstiftung Lahr-Reichswaisenhaus 1885.

Wolfgang G. Müller war 22 Jahre lang Lahrer OB. 2019 wurde er in den Ruhestand verabschiedet, seither ist er Ehrenbürger der Stadt. Er ist aber nach wie vor vielfach engagiert, etwa als Vorstandsvorsitzender der Bürgerstiftung Lahr - Reichswaisenhaus 1885.

Schabel
  • Wolfgang G. Müller wird 75 und blickt auf 22 Jahre als Lahrer OB zurück.
  • Er betont Stadtumbau und Konversion: neue Plätze, Bürgerbüro, Industriegebiet, Flughafen.
  • Landesgartenschau 2018 gilt als Meilenstein – schuldenfrei finanziert und bis heute prägend.
  • Enttäuschungen: gescheiterte Passagierfluggenehmigung und geplatztes Rathausplatz-Projekt.
  • Zur Innenstadtkrise sagt er: Strukturwandel trifft auch Lahr, Engagement für Belebung läuft.

Die Zusammenfassung wurde von einer generativen künstlichen Intelligenz erstellt.

Herr Müller, Glückwunsch zum 75. Geburtstag! Wie geht es Ihnen?

Danke, mir geht es gut und ich bin zufrieden. Danke auch für die Glückwünsche!

Bei den Bürgermeisterwahlen in Ettenheim und Mahlberg gab es acht ernstzunehmende Bewerber, der Beruf scheint nach wie vor attraktiv zu sein. Ist es tatsächlich ein Traumberuf?

Zum Träumen ist er nicht geeignet. Es ist ein Beruf, der absolut in der Realität stattfindet und vollständigen Einsatz abverlangt. Man muss seine gesamte Persönlichkeit und sein ganzes Können einbringen. Gleichzeitig verschafft diese Position aber ein hohes Maß an Zufriedenheit und mitunter auch Glücksgefühle. Natürlich muss man auch auf Enttäuschungen gefasst sein. Aber ich würde dieses Amt wieder anstreben.

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Als Sie 1997 das erste Mal in Lahr kandidierten, hatten Sie beruflich schon einiges erreicht, Sie waren unter anderem Berater bei der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit in Brasilien und El Salvador sowie Wirtschaftsattaché an der Deutschen Botschaft in Brasilia gewesen. Sie waren Regierungsdirektor im Bundesministerium für Wirtschaft. Mit welchen Hoffnungen und Erwartungen haben Sie sich dann in Lahr um die Nachfolge von Werner Dietz beworben?

Aktive Politik war für mich von jung an eine berufliche Option. So habe ich das schon im Elternhaus und in der Verwandtschaft vorgelebt bekommen. Ich wusste, was das für den Lebensalltag bedeutet. Die Lahrer SPD hatte mich auf die bevorstehende OB-Wahl aufmerksam gemacht. Im Juni 1997 haben meine Frau und ich, begleitet von unserer 14 Monate alten Tochter, Lahr näher angeschaut. Die Stadt hat uns sofort gefallen und ich habe den Hut in den Ring geworfen. Wichtigste Triebfeder für diese Entscheidung waren dabei die Chancen, die die Konversion der Stadt boten. Die Kanadier waren abgezogen. Das riesige Industrie- und Gewerbegelände sowie der große Flughafen boten ein großes Potenzial. Daran habe ich viel Erwartung und Hoffnung geknüpft. Gerade darin sah ich eine Aufgabe, der ich mich ganz verschreiben konnte.

Was betrachten Sie heute als markante Stationen Ihrer Amtszeit als Lahrer OB?

Bei meinen ersten Besuchen in Lahr und erst recht während der langen Wochen des Wahlkampfs sah ich in Lahr Ecken und Enden im Stadtbild, die ich mir schöner vorstellen konnte. Das begann mit dem Erscheinungsbild des historischen Alten Rathauses oder des Schlossplatzes. Beides nahm ich zum Anlass, den Gemeinderat, die Verwaltung, aber auch Anwohner für umfangreiche Investitionen in die Innenstadt zu gewinnen. Das zog sich durch meine ganze Amtszeit. Schauen Sie sich heute das Alte Rathaus mit Kulturbüro, den gelungenen Schlossplatz, den Urteilsplatz mit Forum Kino, den Museumsplatz mit dem Stadtmuseum, den Nordflügel des Rathauses mit Bürgerbüro oder den modernisierten Kanadaring an.

Da ist in der Tat einiges passiert.

Dass mich das Industriegelände und der Flughafen bewogen haben, in Lahr zu kandidieren, habe ich schon erwähnt. Dort ist es gelungen, den Zweckverband neu zu strukturieren, um die Lahrer Sichtweise stärker zur Geltung kommen zu lassen. Auch musste mit der Bundesvermögensverwaltung eine praktikable Handhabung des Kaufvertrag gefunden werden. Kritik war auszuhalten, eine Durststrecke musste durchstanden werden. Aber die Anstrengungen haben sich schließlich gelohnt. Kleinere und große Unternehmen konnten angesiedelt werden, zum Beispiel die Firmen Prinzbach, Fiege oder Zalando. Insgesamt sind es nun über 140 Betriebe mit mehr als 6000 Arbeitsplätzen. Trotz einiger Turbulenzen konnte der Betrieb des Flughafens gesichert und die Lizenz ausgeweitet werden. An dieser Stelle möchte ich mich besonders beim Lahrer Gemeinderat bedanken, der mir bei der Neuausrichtung der Standortpolitik viel Vertrauen geschenkt hat. Was die fliegerische Nutzung angeht, gilt mein Dank Dr. Martin Herrenknecht. Er war und ist verlässlicher Partner für die fliegerische Nutzung.

Auch das Thema Landesgartenschau zog sich wie ein roter Faden durch Ihre Amtszeit.

Die erste Bewerbung für eine LGS in Lahr (Blaues Band der Schutter) lief für den Zeitraum 2001 bis 2008. Erfolgreich waren wir dann aber erst beim zweiten Anlauf. Der Zuschlag erfolgte 2009. Unsere LGS fand schließlich 2018 unter dem Motto „wächst- lebt - bewegt“ statt. Wir befanden uns in einer günstigen finanzwirtschaftlichen Lage und konnten die LGS schuldenfrei finanzieren. Eine erste Schlussrechnung konnte ich noch vor meinem Abschied präsentieren.
Die Elemente der LGS sind heute nicht mehr aus der Stadt wegzudenken (Bürgerpark mit Sportplätzen und Halle, Seepark mit See, Erholungsflächen und Restaurant, Ortenau Brücke). Die Vorbereitung und Durchführung der LGS hat den Gemeinderat und die Stadtverwaltung sehr gefordert, hat aber auch zu einer Leistungsstärkung und Qualifizierung geführt. Der Freundeskreis der LGS wurde gegründet und leistet heute noch eine wertvolle Arbeit.
Ähnlich ist es mit der Chrysanthema, die wir 1998 erstmals unter freiem Himmel veranstaltet haben und die seitdem jährlich die Stadt schmückt sowie tausende Besucher anzieht. Die Chrysanthema ist das zentrale und erfolgreiche Projekt für die Außendarstellung der Stadt.

Und sonst noch?

Erwähnen möchte ich noch die Wiedereinführung des LR-Autokennzeichens. Zuständig dafür war der Kreistag des Ortenaukreises. Objektiv ist es kein harter politischer Punkt, mit welchem KFZ-Zeichen wir unterwegs sind. Bei der Diskussion im Kreistag hat man mich als Nostalgiker verspottet. Schließlich bedurfte es zweier Anläufe, um eine Mehrheit im Kreistag zu erringen. Aber es hat geklappt. Mir war aber klar, die Wiedereinführung des LR-Kennzeichens berührt die „Seele“, sowohl der alteingesessenen Lahrer als auch der Neulahrer. Es war beeindruckend zu sehen, wie rasend schnell die Zahl der LR-Schilder in der Stadt und Region zugenommen hat.

Bei welchen Themen hätten Sie sich ein anderes Ergebnis gewünscht?

Da fallen mir sofort zwei Dinge ein: Wir haben über Jahre für die Aufhebung der Tonnagebegrenzung und für eine Passagierfluggenehmigung gekämpft. Der VGH Mannheim hat uns schließlich recht gegeben und 2005 die Versagung der Passagierfluggenehmigung als rechtswidrig bezeichnet. Der Betreiber des Flughafens Babcock & Brown hat diese Chance aber nicht genutzt, sondern die Klage zurückgezogen.
Auf dem Rathausplatz war ein Solitärgebäude als Beratungszentrum für Badenova und eine Gastronomie geplant. Das Projekt sollte privat finanziert werden. Wir versprachen uns dadurch eine attraktive Gestaltung für den Rathausplatz und eine Belebung der südlichen Innenstadt. Allerdings regte sich Bürgerprotest, es gab einen Bürgerentscheid und eine sehr strittige Diskussion im Gemeinderat. Schließlich zog sich der Investor, die Firma Eichner, 2004 wegen der Querelen zurück. Gerade aktuell wird wieder beklagt, dass der Platz überdimensioniert, zu heiß sei und keine Aufenthaltsqualität besitze. Ich kann das nachvollziehen und sage: Es war anders geplant! Beides sind Beispiele, über die ich mich sehr geärgert habe und enttäuscht war.

Als Lahrer OB haben Sie etliche Promis in der Stadt begrüßt. Wer hat Sie am meisten beeindruckt?

Sie haben recht. Wir konnten über die Jahre viele Prominente am Flughafen begrüßen. In- und ausländische Spitzenpolitiker, den Dalai Lama, oder den Papst. Meistens waren das sehr kurze Begegnungen, ein Händedruck, denn die Gäste reisten weiter in die Region. So konnte kein wirklicher Eindruck entstehen. Ganz anders der Besuch des Bundespräsidenten Johannes Rau 2004, der der Stadt Lahr und der Bevölkerung galt. Er kam, um sich einen Eindruck von unserer erfolgreichen Integrationspolitik zu verschaffen. Johannes Rau war sehr nahbar und unkompliziert. Wir besuchten unter anderem die Martinskirche und das Jugend- und Kulturzentrum Schlachthof. Viele hatten Gelegenheit für ein direktes Gespräch mit dem Bundespräsidenten. Ich fand ihn sehr sympathisch.

Und wen hätten Sie gern mal in Lahr empfangen, aber er oder sie ist nicht gekommen?

Hier will ich die Latte nicht unnötig hochhängen. Aber wenn ich Einladungen ausgesprochen habe, ging es immer darum, für die Stadt etwas zu erreichen. Deshalb habe ich auch wiederholt die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut eingeladen. Wir wollten ihr unser großes Industrie - und Gewerbegebiet sowie den Flughafen zeigen. Wir sahen das Lahrer Potenzial immer auch als Potenzial für unser Bundesland und sahen Möglichkeiten der Kooperation. Leider hat der Besuch nie geklappt.

Fiel es Ihnen 2019 schwer, „loszulassen“, den OB-Posten abzugeben?

Dass meine Amtszeit aus Altersgründen 2019 zu Ende gehen würde, war mir bekannt. Ich musste mich darauf einrichten – wenn auch ungern. Ich habe das Amt mit allen Fasern gelebt. Aber ich habe und hatte trotzdem nie Phantomschmerzen, wenn ich in die Nähe des Rathauses komme. Natürlich ist es schön, wenn mich Menschen auf das eine oder andere schöne Ereignis während meiner Amtszeit ansprechen.

Dem SWR-Politmagazin „Zur Sache Baden-Württemberg“ des SWR diente Lahr kürzlich als Beispiel für eine Kommune mit Leerstandsproblemen und einer unbelebten Innenstadt. Teilen Sie diese negative Sicht?

Wie in allen Städten, auch in namhaften Großstädten, findet in Lahr ein Strukturwandel statt, der zu Leerständen in der Innenstadt führt. Dieser Strukturwandel findet bei uns zeitlich sogar etwas abgepuffert statt, da die Präsenz der Kanadier längere Zeit nachwirkte. Jetzt erwischt es uns aber. Den Bericht des SWR und die Art und Weise des Vergleichs mit der Stadt Wangen finde ich vor allem reißerisch und Effekt haschend. Dieser Beitrag wird Lahr absolut nicht gerecht. Anerkennen sollten wir, dass Stadtverwaltung, Gemeinderat und Werbegemeinschaft mit viel Engagement an diesem dicken Brett der Innenstadtbelebung bohren. Vielleicht rüttelt dieser Bericht aber auch auf und sorgt für mehr Verständnis, dass eine Innenstadt vor allem durch Menschen lebt, die dort flanieren, kaufen, wohnen oder arbeiten. Für mich gehört die Innenstadt zum festen Programm.

Ihr Nachfolger Markus Ibert hat im Juni eine Haushaltssperre verhängt, nachdem die Einnahmen aus der Gewerbesteuer massiv einbrachen. Sind Sie froh, dass Ihnen solche Probleme als OB erspart geblieben sind?

Zu Corona-Zeiten hat man mir diese Frage auch gestellt. Damals habe ich geantwortet, dass ich Herausforderungen gerne annehme oder angenommen habe und mich nicht wegducke. Diese Antwort gilt auch für die Haushaltssperre. Natürlich ist das jetzt nicht einfach. Aber jede Zeit stellt Herausforderungen, die wir uns nicht raussuchen können und die zu bewältigen sind. Ich wünsche allen Entscheidungsträgern eine glückliche Hand.

Was für Pläne haben Sie noch? Welchen persönlichen Traum wollen Sie sich noch erfüllen?

„Mein Plan“ ist, noch lange gesund und fit zu bleiben. Die Zeit sinnvoll zu gestalten und mit dem Älterwerden nicht zu hadern. Pläne habe ich noch einige, zum Beispiel die Reise auf den Spuren von Georg Heinrich von Langsdorff fortzusetzen und zu vollenden. Träume habe ich keine, aber Wünsche.

Wie feiern Sie Ihren 75. Geburtstag?

Den tatsächlichen Geburtstag feiern wir im kleinsten Kreis, mit Frau und Tochter. Einige Tage danach dann mit der weiteren Familie, der Verwandtschaft, Freunden und Wegbegleitern im Bürgerhaus in Mietersheim. Ich freue mich sehr darauf.