Klimawandel in Eutingen: Wetterextreme hat es schon immer gegeben

Der ehemalige Feldschuppen von Weitingens Ex-Ortsvorsteher Roland Raible in der Ergenzinger Straße wurde 1999 von Orkan „Lothar“ stark beschädigt.
Hermann Nesch- Klimawandel ist belegt; zuletzt wurden im Land erneut über 40 Grad gemessen.
- Rückblick auf Extremwetter im Gäu – häufig und teils verheerend, doch früher seltener.
- Wirbelsturm 1913 richtete große Schäden in Eutingen an und hob Wagen aus den Gleisen.
- In Weitingen starben 1956 und 1968 bei Unwettern zwei Menschen; 1968 gab es eine Sturzflut.
- Orkane „Lothar“ 1999 und „Emma“ 2008 verursachten erhebliche Sachschäden in der Region.
Die Zusammenfassung wurde durch künstliche Intelligenz erstellt.
Eines der meistdiskutierten Umweltthemen im Lande ist der Klimawandel, der aufgrund von wissenschaftlichen Erkenntnissen und statistischen Erhebungen nicht mehr zu leugnen ist. Laut dem EU-Klimawandeldienst Copernicus war der vergangene Juni der heißeste in der Geschichte Westeuropas. Weltweit war es zunächst der zweitwärmste Juni seit Beginn der Wetteraufzeichnungen im Jahr 1881 und nun ist es sogar der längste heißeste Sommer.
In vielen Ländern waren neue Allzeit-Höchsttemperaturen registriert worden, auch in Deutschland mit annähernd 42 Grad, so hoch wie noch nie und wieder ein neuer Rekord. Und auch jetzt wieder wurden Temperaturen von über 40 Grad im Ländle gemessen.
Allerdings gab es schon immer Extremwetter und unterschiedliche Jahre. Doch dies soll keine Entwarnung und Verdrängung sein, denn die Erderwärmung in den vergangenen Jahrzehnten ist eindeutig belegt. Blicken wir nun aber auf die Jahre zurück, in denen der Klimawandel noch wenig ausgeprägt war und daher die Thematik noch nicht so im Fokus stand wie seit einiger Zeit.
Für das Gäu lassen sich in den Aufzeichnungen des Rohrdorfer Ortschronisten und Heimatforschers Wilhelm Schäfer (1874-1948) dazu zahlreiche Informationen entnehmen, die er bis Mitte des vorigen Jahrhunderts niedergeschrieben und aus verschiedenen Archiven zusammengetragen hat. Ebenso bei Willi Schaupp in Eutingen und auch beim Autor dieser Zeilen selbst. Gute und schlechte Jahre wechselten sich ab, aber trotzdem nimmt die Erderwärmung zu und fördert den Klimawandel.
Der Wirbelsturm von 1913
Für Eutingen erinnert sich Willi Schaupp an den verheerenden Wirbelsturm mit schwerem Gewitter am 4. Juni 1913. Er traf vornehmlich Ahldorf, Mühlen, Eutingen, Rohrdorf und Baisingen. Dort verursachte er innerhalb weniger Minuten an den Dächern erhebliche Schäden und auf den Fluren mit entwurzelten und abgeknickten Bäumen und flachgewalzten Getreidefeldern große Verwüstungen.

Einer der schwersten Wirbelstürme im Gäu hatte verheerende Verwüstungen zur Folge und hob am heutigen „Alten Bahnhof“ Eutingen sogar einen Eisenbahnzug aus den Gleisen.
Archiv Willy Schaupp„Ein schrecklicher Anblick“ war es laut Aussagen von Zeitgenossen. Verheerende Schäden waren auf dem Gebiet des heutigen „Alten Bahnhofs“ zu verzeichnen: Zwei tonnenschwere Gittermasten samt Betonsockel wurden aus dem Erdreich herausgerissen und auf die zum Bahnhof führende Straße geworfen, dazu vier Eisenbahnwagen aus dem Gleis gehoben und die Böschung hinabgeschleudert. Davon blieben zwei in der Böschung liegen, einer lag mitten auf der Zufahrtsstraße und der vierte flog sogar frei durch die Luft, über die Straße hinweg in die angrenzenden Felder. „Es grenzt schon an ein Wunder“, so Schaupp, „dass in Eutingen keine Menschenleben zu beklagen waren.“
Wirbelstürme 1956 und 1968 in Weitingen
Aus eigenen Erlebnissen des Autors waren dies aber bei zwei Wirbelstürmen 1956 und 1968 in Weitingen. Er erinnert sich daran, dass er beim ersten Unwetter als Zwölfjähriger in der Buchhalde im betroffenen Familienwald mit anpacken musste, um das Sturmholz ins Tal zu schleppen. Am 29. September 1956 verlor der 58-jährige Weitinger Familienvater Johannes Breining bei diesen Waldarbeiten sein Leben.
Bei einem weiteren Wirbelsturm mit einem heftigen Gewitter im Gäu war nur 12 Jahre später, im Juni 1968, ein weiteres Menschenleben zu beklagen. Augenzeugen von damals berichten, dies sei der heftigste Regen gewesen, den sie je erlebt hätten. Man habe kaum auf der anderen Straßenseite etwas sehen können. Landwirt Hermann Schweizer sprach von gemessenen 100 Litern auf den Quadratmeter innerhalb kurzer Zeit.
Die Böden waren steintrocken, sodass die Wassermassen von Süden in Richtung Buch, Auchtert und die Wilhelmshöhe sowie von Norden über das Dorf im damaligen „Brechengraben“ (heute aufgefüllt), angrenzend an die heutige Jahnstraße, sich zu einer Sturzflut vereinigten, die durch die Weitinger Alte Steige ins Tal schoss.

Massive Schäden am Dach der Weitinger Pfarrkirche durch den Orlan „Emma“ 2008.
Hermann NeschAm „Brechengraben“ auf Höhe der heutigen Tennisanlage befand sich auch eine Werkstatt des Feinmechanikers Alwin Markert mit einem überdachten Autoabstellplatz nebenan. Dessen Frau eilte damals zu Hermann Schweizer, damit dieser mit seinem Traktor das Auto Markerts noch schnell aus dem abrutschbedrohten Stellplatz ziehen könne. „Sekundenbruchteile zu spät“, so Hermann Schweizer. „Kurz vor dem Einklinken des Abschleppseils in die Anhängerkupplung wurden der auf Stelzen stehende Abstellplatz samt Auto und Besitzer von den Wassermassen der Weitinger Jahrhundertflut vor meinen Augen weggerissen.“
Er blieb damals verschont. Während das Fahrzeug im Talbett liegenblieb, fand man Alwin Markert mehrere hundert Meter weiter unten am linken Knick der Alten Steige nackt und tot um einen Baum gewickelt. Außer seinen Schuhen und Socken waren alle Kleidungsstücke vom Leib gerissen. Der 47-Jährige hinterließ damals Frau und zwei Kinder im Alter von 12 und 9 Jahren.
„Lothar“ und „Emma“
In neuester Zeit brachte der Orkan „Lothar“ am Vormittag des zweiten Weihnachtsfeiertages 1999 nochmals „Eine schöne Bescherung“ für das Land. Betroffen war auch das Gäu mit abgedeckten Dächern, durch die Luft fliegenden Ziegeln, Hölzern und anderen Gegenständen sowie quer über die Straßen liegenden entwurzelten Bäumen. Nicht in der Gemeinde selbst, aber in der Umgebung gab es ebenfalls Tote. Keine Menschenleben in der Gesamtgemeinde waren erfreulicherweise auch beim Orkan „Emma“ in der Woche nach Ostern 2008 zu beklagen, aber wiederum erhebliche Sachschäden, beispielsweise an der Weitinger Pfarrkirche, einschließlich des Turms.
Wetterextreme im Rückblick
Gute und schlechte Jahre wechselten sich ab. So waren unter anderem 1538 bis 1541 „unerträgliche Sommerhitzen mit ausgetrockneten Flussbetten“ zu verzeichnen und 1556 ein trockenes Jahr mit versiegten Brunnen, doch schon 1558 furchtbare Hagelwetter und Überschwemmungen im Neckartal, infolge dessen in Horb neun Frauen als „schuldige Hexen“ verbrannt wurden.
Weitere Unwetter mit verheerenden Schäden und Missernten oder auch zu trockenen Jahren sind im Gäu 1701 und 1711, 1713, 1724 und 1755 („die ganze Natur in Aufruhr“) genannt. Auch „1799 hat der Sturm im Sommer viel Holz mitgerissen“.
Und am 18. Juli 1852 hat ein Hagelschlag die Ernte total vernichtet. Sehr strenge Winter wurden 1891 und 1892 notiert, 1893 wieder ein sehr trockener Sommer und 1905 „ein gewitterreiches Jahr“.
Unvergessen ist auch der sogenannte „Hungerwinter 1946/47“ mit einer schlimmen Ernährungslage aufgrund „des kältesten Winters“ mit vorausgegangenem zu heißem Sommer.
