Selbst Kinder nehmen Fentanyl: Warum die Fachstelle Sucht in Calw so wichtig ist

Zahlreiche Gäste kamen zum Festakt.
KlormannAlkohol gilt als Droge Nummer eins in Deutschland. Doch zunehmend Sorge bereiten auch junge Menschen, die sich synthetische Opioide übers Internet beschaffen. Zu den Opioiden zählen etwa Morphin, Fentanyl und Methadon.
Erst unlängst, so berichtete Oliver Kaiser, Geschäftsführer des Landesverbandes für Prävention und Rehabilitation gGmbH, seien im Raum Stuttgart zwei Mädchen, elf und zwölf Jahre alt, als Klientinnen aufgenommen worden – wegen Fentanylmissbrauchs.
Es sind Beispiele wie diese, die deutlich zeigen, wie wichtig die Arbeit der Drogenberatung und -prävention ist.
Arbeit, wie sie seit 50 Jahren in der Fachstelle Sucht in Calw geleistet wird.
Anlässlich dieses Jubiläums war Kaiser zusammen mit zahlreichen Gästen aus Politik und Expertenkreisen zu einem Festakt in dieser Woche ins Landratsamt gekommen.
Von einem „Höchststand an Drogentoten in Baden-Württemberg seit 20 Jahren“, sprach Kaiser. Doch auch von einem sehr guten Suchthilfesystem, mit dem Einrichtungen wie die Fachstelle in Calw dagegenhalten würden.
Anja Niedballa, Leiterin der Fachstelle Sucht, machte deutlich, wie sehr etwa Alkohol in der Gesellschaft verankert sei – während Sucht zugleich noch immer stigmatisiert werde.
Kein Randphänomen
Und „Sucht ist kein Rand- oder Außenseiterphänomen“, unterstrich die SPD-Bundestagsabgeordnete Saskia Esken. Betroffen sei nicht nur der Wohnungslose, sondern auch die Geschäftsfrau, die abends aus Frust zur Flasche greife und morgens Pillen brauche, um Leistung zu bringen.
Auch sie hatte eine Anekdote parat: Als Helmut Riegger erstmals ins Amt des Calwer Landrats gewählt worden sei, habe der damalige CDU-Staatssekretär gemeint, in diesem Beruf brauche es eine gesunde Leber. „Und hinten saß die damalige Leiterin der Fachstelle Sucht und fiel leise in Ohnmacht“, sagte Esken halb im Scherz. Gerade weil Alkohol so tief in der Gesellschaft verwurzelt sei, dürfe niemand die Augen vor den Problemen verschließen.
Die Fachstelle Sucht in Calw leiste hier wichtige Arbeit, habe Unzähligen geholfen. Hier war sich Esken mit dem CDU-Bundestagsabgeordneten Klaus Mack einig. „Das ist von unschätzbarem Wert“, so Mack.
Tobias Haußmann, Sozialdezernent des Landkreises, erklärte, die Fachstelle sei „ein wichtiger Anker“, „ein Hoffnungsschimmer“, die sich in den vergangenen Jahrzehnten buchstäblich von einer Einzelkämpfer-Einrichtung zu einem ausdifferenzierten Angebot entwickelt habe.
In dieser Zeit habe sich aber auch das Thema Sucht beunruhigend entwickelt. Rund zehn Millionen Menschen litten bundesweit an einer Suchtkrankheit – „und da ist das Umfeld der Betroffenen noch gar nicht eingerechnet“.
David Mogler als Vertreter der Stadt Calw betonte, dass es der Fachstelle Sucht in Calw gelinge, „immer wieder Türen zu öffnen, wo andere vielleicht verschlossen sind“. Sie sei „ein wahrlicher Schatz für die Region“, gebe Menschen Mut zum ersten Schritt – und begleite sie weiter in ein besseres Leben.
Musikalisch umrahmt wurde der Festakt von der 15-jährigen Violinistin Taisia Schuk, mehrfache Preisträgerin des Bundeswettbewerbs Jugend musiziert, die von Klavierlehrerin Ilonka Heilingloh begleitet wurde. Die Musikerinnen wurden durch die Musikschule Calw vermittelt.
