Stadtarchiv in Ebingen: Das Schaufenster der Albstädter Historie

Stadtarchivar Nils Schulz versteht es, sein Publikum mit Preziosen aus dem Stadtarchiv zu fesseln.
Barbara SzymanskiWer Albstadt nicht kennt und liebt, den könnte es im Stadtarchiv erwischen. Denn bei einer Führung mit Archivleiter Nils Schulz wird erlebbar, auf welch außerordentlich spannende und vielschichtige Kulturgeschichte die Stadt zurückblicken kann.
Die Archivalien – insgesamt 2700 laufende Meter – reichen von den Kelten und den Römern über das Mittelalter bis zur Neuzeit, offenbaren Wissenswertes zur Naziherrschaft, dem Widerstand und dem ehemaligen Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger, beleuchten Hochschulwesen, Städtepartnerschaft und Sport, um nur einige Preziosen aus der Schatztruhe von Stadtwissen und -gewissen zu nennen.
Der Platz wird knapp bei dieser Führung von Nils Schulz, der gleich zu Beginn Herz und Gemüt der gut 30 Zuhörer mit einem Bekenntnis erwärmt: „Seit dreieinhalb Jahren ist es eine riesige Freude für mich, hier zu arbeiten.“ Hier, im „bürgernahen Archiv“, lagern die Unterlagen der Stadtverwaltung, Fotos, Karten, Pläne, Spezialliteratur, geschichtsrelevante Nachlässe und exotische Datenträger, etwa gläserne Fotoplatten. Nicht zu vergessen: Zeitungen – hauptsächlich Heimatzeitungen – ab 1834, in denen man jederzeit und kostenlos blättern kann. „Das Archiv besitzt eine Schaufensterfunktion“, sagt Schulz.
Vor 60 Jahren gab Schalke 04 dem Albstadion die Ehre
In dieses Schaufenster werfen die Teilnehmer seiner Führung nun einen Blick. Zum Beispiel der Fußball – einen Besucher versetzt die geballte Sporthistorie in Begeisterung, nicht nur über die Archivalien, die vom legendären Ebinger Gastspiel von Schalke 04 anlässlich der Einweihung des neuen Albstadtions vor 60 Jahren zeugen, sondern auch über Aufstellungen und Fotos von Mannschaften aus allen Teilen Albstadts. Findet er hier auch seinen Namen?
Die Causa Kiesinger: Beate Klarsfelds Backpfeife bleibt nicht unerwähnt.
Themenwechsel: Da ist die Causa Kurt Georg Kiesinger – der Bundeskanzler der ersten Großen Koalition war ein gebürtiger Ebinger, wie das Familienregister, eine Spezialität von Albstadt, offenbart. Kurz erinnert Nils Schulz an Beate Klarsfelds Ohrfeige von 1968 und ihren Ruf „Nazi, Nazi“ – Kiesinger hatte im Staatsapparat des Dritten Reichs Karriere gemacht.
Weniger ambivalent: der Nach- beziehungsweise „Vorlass“ Heinz Riedigers. Der heute 98-Jährige hat dem Archiv sechs laufende Meter Aufzeichnungen und Fotos übereignet, die unter anderem seine schrecklichen Kriegserfahrungen als Luftwaffenhelfer dokumentieren: „Watte in die Ohren gestopft wegen der Dicken Berta, Stahlhelm aufgesetzt, Dreck fliegt, gefallene Kameraden liegen dort mit verdrehten Gliedern.“ Es tut weh, diese authentische Schilderung zu hören.
Albstädter Artefakte im Britischen Museum
Auch der Apotheker Hieronymus Edelmann hat Stadtgeschichte von Ebingen aufgezeichnet und selbst geschrieben. Der Pionier der regionalen Archäologie grub auf den Spuren von Kelten, Alemannen und Franken – und verkaufte seine Funde später an das Britische Museum. „Albstädter Artefakte sind heute in London zu sehen“, verrät Nils Schulz.

In Inflationszeiten bezahlten die Älbler mit Milliarden.
Foto: Barbara SzymanskiViele Jahrhunderte jünger ist das papierene Notgeld, das während der Hyperinflation im Jahr 1923 ausgegeben wurde – zunächst von Firmen, später auch von den Kommunen. Zehn Jahre später ergriffen die Nazis die Macht; die sogenannte Gleichschaltung machte auch vor Ebingen nicht Halt. Widerstand dagegen leistete der Drucker Karl Lang, der in der Zeitschrift Rote Bombe wider die „falsche Herrschaft“ wetterte. Das KPD-Mitglied wurde dafür ins Gefängnis gesteckt – und später in das KZ auf dem Heuberg.

Maarten Trasser (links) absolviert ein Praktikum im Stadtarchiv.
Foto: Barbara SzymanskiÜber Urkunden referiert Maarten Trasser – der junge Mann aus dem französischen Poitiers absolviert im Archiv „mit großer Freude“ ein Praktikum.
Eine Urkunde eigener Art ist das Schild „Hochschulstadt“, mit dem sich Ebingen seit 2022 schmückt. 6000 Euro hat die Neuerung seinerzeit gekostet – eine Ausgabe, die einige Bürger allerdings seinerzeit höchst überflüssig fanden.