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Albstadt Ein Apotheker geht auf Schatzsuche

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Junger Wilder: Dieses Bild von Hieronymus Edelmann entstand in seiner Sturm-und -Drang-Zeit . Unten sieht man zwei seiner Funde. Es handelt sich um keltische Gefäße aus der Hallstatt-Zeit. Foto: Schwarzwälder-Bote

Von Martin Kistner

Albstadt. Albstädter, die das Britische Museum in London besuchen, sollten beim Abstecher in die Vor- und Frühgeschichte nicht nur die Moorleiche von Lindow bestaunen, sondern auch einen Blick in die Nachbarvitrinen riskieren. Die enthalten Prähistorisches aus ihrer Heimat.

Zugegeben, der keltische Battersea-Shield aus der Themse, der gleich nebenan gezeigt wird, oder die angelsächsische Helmmaske von Sutton Hoo sind die spektakuläreren Funde in dieser Abteilung, doch für den interessierten Albstädter dürfte es seinen eigenen Reiz haben, in einem der größten und berühmtesten Museen der Welt neben einem Hallstatt-Topf oder einer korrodierten Messerklinge Fundangaben wie "Albstadt-Degerfeld" oder "Balingen/Truchtelfingen" zu lesen – womöglich amüsiert, denn profunde Ortskenntnis verraten diese Vermerke nicht gerade. Wichtig ist, was noch auf den Schildchen steht: "Collection Edelmann", auf Deutsch "Sammlung Edelmann".

Was ist das, die "Sammlung Edelmann"? Hieronymus Edelmann, geboren 1853 in Schalkstetten bei Ulm, war neben dem Onstmettinger Landwirt Johannes Dorn der zweite große Pionier der Archäologie auf der Schwäbischen Alb. Er hatte 1879 die Untere Apotheke in der Ebinger Marktstraße gekauft. 15 Jahre lang betrieb er sie, und in diesen Jahren verbrachte er einen großen Teil seiner freien Zeit mit Grabungen an vor- und frühgeschichtlichen Fundstätten. Die Archäologie war damals noch keine Domäne staatlich bestallter Fachgelehrter, sondern Spielwiese von neugierigen und zugleich geschäftstüchtigen Amateuren. Leute wie Dorn oder Edelmann als Raubgräber zu denunzieren, verbietet sich: Dieses Delikt gab es damals noch nicht, Schatzsuche war ein ehrenwerter Zeitvertreib, und Edelmann muss man zugute halten, dass er sorgfältig zu Werk ging und seine Kampagnen und ihren Ertrag minuziös dokumentierte. Er war ein Profi, ehe Archäologie zur Profession wurde.

Die Sammlung, die er bei seinen Grabungen auf der Albhochfläche und im Donautal über die Jahrzehnte aufbaute, war überaus umfangreich: 538 Gegenstände sind im Britischen Museum katalogisiert; das Spektrum reicht von der Jungsteinzeit über Bronzezeit und Kelten bis zu den Merowingern. Man könnte problemlos ein ganzes Museum damit füllen; die Sammlung Edelmann ist der größte Komplex von vorgeschichtlichen Funden außerhalb Großbritanniens, den das Britische Museum besitzt.

Wie kam es dazu? Offenbar brauchte Edelmann, der die Untere Apotheke 1894 an die Familie Häffner verkauft und die Sigmaringer Hofapotheke übernommen hatte, 1908 Geld und versuchte deshalb, seine Schätze zu verkaufen. Er dürfte es bei den Museen in Stuttgart und vielleicht auch Berlin versucht haben, aber zu dieser Zeit hatte der Gedanke des Denkmalschutzes bereits Raum gewonnen, es waren Ankaufstopps verhängt, und daher fand Edelmann in Deutschland keine Käufer. Dafür in England: Zwei reiche Privatleute, Sir Henry Hoyle Howorth und Sir John Brunner, erwarben seine Sammlung und stifteten sie dem Britischen Museum.

Dort ist noch heute – zum größten Teil in der Asservatenkammer, denn selbst das riesige Britische Museum kann nur einen kleinen Teil seiner Bestände ausstellen. Im Jahre 1969 reisten zwei führende Mitarbeiter des Württembergischen Landesmuseums, Hartwig Zürn und Siegwalt Schick, nach London, sichteten die Keramik, Ringe, Speerspitzen und Schwerterklingen, ließen sie von der Berliner Kollegin Monika Fehre, die sie mitgenommen hatten, abzeichnen und erstellten einen Katalog der Sammlung Edelmann. Allerdings auf der Grundlage einer englischen Übersetzung von Edelmanns deutschsprachiger Auflistung, die zahlreiche Fehler enthielt, weil der britische Übersetzer sich natürlich mit Hartheimer oder Truchtelfinger Flurnamen nicht auskannte, sie mit denen von Personen verwechselte und gelegentlich recht einfallsreich übertrug: Aus dem "Alten Hau" wurde beispielsweise "Old Cops".

All diese Fehler fanden Eingang in die Stuttgarter Dokumentation. Einige Jahre nach Zürns und Schicks Besuch tauchte zwar Edelmanns Original wieder im Archiv des Britischen Museums auf, aber bis heute hat sich kein schwäbischer Student oder Doktorand gefunden, der sich durch die Liste hindurchgearbeitet und Korrekturen vorgenommen hätte.

Verschiedentlich haben heimische Kenner der Materie den Verlust der Sammlung Edelmann an das britische Empire beklagt und dem Apotheker – der 1921 in München von einer Straßenbahn überfahren wurde, ein Bein verlor und ein halbes Jahr später starb – mangelnde Vaterlandsliebe vorgeworfen. Oberlehrer Heinrich Breeg, seinerzeit die Ebinger Kapazität in Sachen Altertümer der Alb, gab noch kurz vor seinem Tod im Jahre 1944 der Hoffnung Ausdruck, die Sammlung Edelmann möge "nach dem Endsieg" ins Reich heimkehren. Dazu ist es nicht gekommen. Vielmehr muss man froh sein, dass die Sammlung seinerzeit nicht in deutschen Museen landete. Wer weiß, ob sie den Krieg überlebt hätte – oder ob sie nicht wie manche Dornsche Kostbarkeit heute irgendwo in St. Petersburg als Kriegsbeute einmottet wäre.

 
 
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