Otto-Dix-Ausstellung in Albstadt: Alle Abgründe werden ausgelotet

Abendsonne (Ypern), eine Gouache von 1918, ist eines der bekanntesten Werke von Otto Dix.
Frank Luger„Otto Dix – Alpha Omega. Der komplette Bestand“ lautet der Titel der großen Jubiläumsschau, mit der das Kunstmuseum in diesem Jahr sowohl den eigenen als auch den 50. Geburtstag der Stadt Albstadt begeht.
Seine Dix-Sammlung, die es einer Stiftung des Industriellen, Kunstsammlers und Ebinger Nachkriegsoberbürgermeisters Walther Groz (1903–2000) verdankt, ist mit 446 Zeichnungen und druckgrafischen Blättern in allen Stilen, Techniken und Formaten, eine der größten weltweit. Sie wird im Jubiläumsjahr in einer großen Retrospektive vollständig präsentiert, und zwar in zwei sich überschneidenden Phasen: Teil 1, „Alpha“, vom 14. März bis 12. Oktober, Teil 2 „,Omega“, vom 27. Juni bis 18. Januar kommenden Jahres.
Musik aus der Dreigroschenoper
„Alpha“ wird am Freitag, 14. März, um 18.30 Uhr eröffnet – der Einlass beginnt um 18 Uhr. Einer Begrüßung durch den Ersten Bürgermeister Udo Hollauer folgt die Einführung durch die beiden Ausstellungskuratoren, Direktor Kai Hohenfeld und seine Stellvertreterin Melanie Löckel. Sängerin Ulrike Kristina Härter und Pianist Maciej Szyrner steuern den musikalischen Rahmen mit Stücken aus Kurt Weills und Bertolt Brechts „Dreigroschenoper“ bei. Übrigens ist der Eintritt am Eröffnungstag frei.
Alpha und Omega, erster und letzter Buchstabe des griechischen Alphabets, stehen für Anfang und das Ende, für die Existenz in ihrer Gesamtheit. In seiner Kunst hat Otto Dix diese Existenz mit all ihren Höhen und Abgründen erkundet und ausgelotet, von der Geburt bis zur Vernichtung, von der Schönheit bis zur Widerwärtigkeit, von der Freude bis zur absoluten Verzweiflung.
Virtuose altmeisterlicher Techniken
Er verschloss vor nichts die Augen, hielt jede Ekstase, jeden Schmerz und jede noch so rohe Emotion im Kunstwerk fest.
Auch stilistisch ließ er kaum eine Erfahrung aus. Dix mag heute vor allem als Vertreter der Neuen Sachlichkeit und Virtuose altmeisterlicher Lasurtechniken bekannt sein, doch hatte er auch eine expressionistische Werkphase und experimentierte mit zeitgenössischen Kunstströmungen wie Kubismus und Futurismus.

Kriegskrüppel“ von 1920 ist eine Kaltnadelradierung
Foto: LugerIn einem Katalog, den Kai Hohenfeld und Melanie Löckel gemeinsam herausgegeben haben – er erscheint im Münchner Hirmer Verlag – , beschreiben fünf Aufsätze von Ralf Michael Fischer, Volker Lehnert, Löckel, Denise Merk und Maren Welsch die Entwicklung und die verschiedenen Schaffensphasen von Dix.
Durchaus problematische Vorgeschichte
Repräsentative Blätter und Werkgruppen werden analysiert; ein Verzeichnis des gesamten Albstädter Dix-Bestandes komplettiert die Synopse von Alpha bis Omega.
Hinzu kommt ein sechster Text, den Kai Hohenfeld verfasst hat. Er beschäftigt sich mit der durchaus problematischen Vorgeschichte und Entstehung des Kunstmuseums Albstadt. Im Zentrum stehen der Sammler Walther Groz und sein Berater Alfred Hagenlocher (1914–1998).
Der eine integer, der andere ein Gestapo-Mann
Während der integre Groz politisch unbelastet durch die Zeit des Nationalsozialismus gekommen war, handelte es sich bei Hagenlocher um einen NS-Täter und ehemaligen Gestapo-Mann, der sich nach dem Zweiten Weltkrieg als Künstler, Kunstfreund und Ausstellungsmacher buchstäblich neu erfand und schließlich Gründungsdirektor des Kunstmuseums Albstadt wurde. Das Buch ist ab dem 14. März für 38 Euro erhältlich, und zwar an der Museumskasse, auf den Webseiten kunstmuseum@ albstadt.de und AbeBooks.de, unter der Rufnummer 07431/ 160-14 91 sowie im Buchhandel.

„Der heilige Lukas malt die Madonna“: Die erste Fassung entstand 1942.
Foto: LugerBesucher können die Ausstellung mit einem Audioguide erkunden, der ausgewählte Werke von Dix beschreibt und für drei Euro an der Museumskasse erhältlich ist. Die Texte wurden eingesprochen von der Schriftstellerin und Erzählerin Germaine Paulus.
Ein Rahmenprogramm mit Druckworkshops, Kuratorinnenführungen, Vorträgen und Konzerten begleitet die Doppelausstellung. Zudem gibt es eine Schulkooperation #AlbstadtLebtDemokratie, die der politischen Aufklärung dienen soll.