Vortrag: Historiker Friedemann Rincke sprach über die NS-Vergangenheit von Alfred Hagenlocher
"Die dunkle Seite Alfred Hagenlochers" lautet der Vortragstitel – was gemeint war, das wussten die vielen Zuhörer im Landenberger-Saal des Kunstmuseums gewiss. Wie tief der Gründungsdirektor in die Machenschaften des Nationalsozialismus verstrickt war, wohl nicht.
Albstadt-Ebingen. Was sie zu hören bekamen, empfanden nicht wenige als schockierend. "Die Biografie Alfred Hagenlochers ist nicht die eines Mitläufers, sondern die eines Täters", sagte Oberbürgermeister Klaus Konzelmann in seiner Begrüßungsansprache unumwunden. "Ein Mensch, der wie kaum ein anderer das kulturelle Leben Albstadts geprägt hat, war ein Mann mit zwei Gesichtern."
Das zweite neben dem bekannten des Kunstfreunds, -förderers und sammlers enthüllte danach sehr sachlich und fundiert der Historiker Friedemann Rincke vom Haus der Geschichte in Stuttgart. Viele Jahre lang hatte der Mantel des Schweigens über den zwölf Jahren gelegen, in denen Alfred Hagenlocher willfähriger Diener des Regimes, Mitglied von Partei, SS und Gestapo war – sie tauchten weder in den Lobreden für den Träger der Staufer-Medaille, noch in historischen Rückbetrachtungen oder Nachrufen auf. Der Reutlinger Alfred Schaal vermerkte in den 1970er Jahren lapidar in einem Text, Hagenlocher sei Soldat gewesen, doch genau das stimmte nicht – Hagenlocher war nie Soldat, sondern Polizist, geheimer Staatspolizist. 1914 in Ludwigsburg geboren war er bereits mit 17 Jahren Mitglied der NSDAP und der SS geworden; vier Jahre später besuchte er die SS-Führerschule in Ulm, und 1936 trat er in die Gestapo ein. Sein beruflicher Weg führte ihn über Bayern, Baden, das besetzte Norwegen und Hessen nach Stuttgart, wo er Leiter des Sachgebiets IV 2 b im Gestapo-Hauptquartier, dem sogenannten "Hotel Silber", wurde.
Wie viel Schuld hat er in den Kriegsjahren auf sich geladen? Das lässt sich heute nicht mehr sagen – die Quellenlage ist mehr als dürftig. Wegen Hagenlocher mussten mehrere jüdische Familien in Stuttgart binnen zwei Tagen ihre Wohnungen räumen, weil er diese für sich beanspruchte – er soll sich, wie Rincke berichtete, bei dieser Gelegenheit recht abfällig über sie geäußert haben. Ein Verbrecher war er deshalb nicht. Dass er federführend an der Enttarnung einer kommunistischen Widerstandszelle beteiligt war, zu der unter anderem der Reutlinger Friedrich Schlotterbeck gehörte, ist belegt; er hätte es wohl unter der Rubrik "Pflichterfüllung" verbucht. Neun Menschen wurden – ohne Prozess – exekutiert; die entsprechende Mitteilung ans Standesamt Stuttgart hat Hagenlocher unterschrieben.
Im Dunkeln bleiben wird, ob auch das, was Alfred Hagenlocher während seines Einsatzes im "Sonderkommando 8" der Gestapo in Weißrussland verantwortete, noch als Pflichterfüllung bezeichnet werden kann: Die Gestapo-Sonderkommandos, so Rincke, hatten nicht nur den Auftrag, in den Gebieten Widerstand zu ersticken; sie erschossen auch Juden – rund zwei Millionen! – , ehe die "industrielle" Menschenvernichtung in den Lagern anlief. In einem Kindertagebuch von Tochter Ingrid findet sich zum Einsatz im Osten ein Eintrag von Hagenlochers erster Frau: "Für Vati ist ein großer Wunsch in Erfüllung gegangen. Er hat so lange darauf gewartet, in diesem großen Freiheitskampf mitkämpfen zu können." Wie viel Bedeutung kann man der Notiz beimessen? Auch Friedemann Rincke hätte gerne Akten – es gibt sie nicht.
Wie wurde aus diesem Mister Hyde der Dr. Jekyll der späten Jahre? 1948 ordnete die entnazifizierende Spruchkammer Alfred Hagenlocher noch in die Kategorie "Hauptschuldige" ein; 1951 herrschte bereits Kalter Krieg und kein Interesse mehr an Entnazifizierung: Hagenlocher erhielt seinen Persilschein und begann ein neues Leben, das der Kunst gewidmet war – auch solcher, die den Nazis als "entartet" gegolten hatte. Als Präsident der Reutlinger Hans-Thoma-Gesellschaft, als Gründungsdirektor der städtischen Galerie Albstadt und als Gründer des Museums für Volkskunst in Meßstetten hat er sich große Verdienste um sie erworben. Wie man diese Verdienste würdigen kann, ohne "die dunkle Seite Alfred Hagenlochers" zu ignorieren, das muss jeder der Zuhörer von Friedemann Rincke für sich klären. Genau wie das Kunstmuseum Albstadt.
"Das war fällig", sagte Veronika Mertens, Direktorin des Kunstmuseums Albstadt, nach Friedemann Rinckes Vortrag über die Nazi-Vergangenheit von Alfred Hagenlocher – "überfällig" wäre noch ein wenig richtiger gewesen. Jahrzehntelang haben Laudatoren und Nachrufschreiber den tiefbraunen Fleck im Lebenslauf dieses Mannes ignoriert – sollten sie tatsächlich ahnungslos gewesen sein, dann wäre das nicht ohne weiteres erklärlich: Wer wissen wollte, der konnte wissen. Alfred Hagenlocher war kein Mitläufer, sondern Täter, sagt Albstadts Oberbürgermeister Klaus Konzelmann; "lauter!", möchte man ihm zurufen. Stadt und Museum müssen nun offensiv mit dieser Personalie umgehen; noch mehr Provenienzforschung tut Not – nicht etwa zur Herkunft irgendwelcher Kunstwerke, sondern zur Vorgeschichte des eigenen Hauses. Rinckes Vortrag war ein Anfang.