Kunstmuseum Albstadt: „Heute würde man Otto Dix als Macho einordnen“

Carina Rosenlehner versteht es, die Ausstellung „Otto Dix – Alpha Omega. Der komplette Bestand“ lebendig zu vermitteln.
Barbara SzymanskiOtto Dix legt Wert auf erotische Spannungen, die er künstlerisch so hemmungslos auslebt, dass beim Anschauen seiner Blätter vor allem Frauen mitunter die Hände zu Fäusten ballen.
„Viele der Grafiken sind eine Projektionsfläche für männliche Fantasien“, bemerkt Carina Rosenlehner mit hochgezogenen Augenbrauen und tapfer lächelnd bei der sonntäglichen Führung der mit 400 Arbeiten sehr umfangreichen Dix-Sammlung des Kunstmuseums Albstadt. Er habe die Frauen geliebt, sei bei seinen Modellen aber manchmal übergriffig geworden, habe es mit der Treue nicht so genau genommen: „Heute würde man ihn als Macho einordnen.“

Natürlich mag Carina Rosenlehner Otto Dix und seine Kunst, wie sie den Besuchern des Kunstmuseums Albstadt erklärt. Aber schwierig sei er halt gewesen.
Foto: Barbara SzymanskiMag Rosenlehner, Museums-Mitarbeiterin für Bildung und Vermittlung, Otto Dix am Ende gar nicht? Aber ja, er sei ein großer Künstler gewesen, betont sie, doch ein schwieriger Mensch. Und auch, dass er Chronist sei der Leiden und Verletzlichkeit der Menschen: alternde Huren, die mit Farbe und Pelz ihren Verfall zu kaschieren versuchen wie beim Bild Leoni: leere, große Augen, eingefallene Wangen, zur Fratze verzerrter, knallroter Mund.
„Dix mochte es, Verführerisches und Abstoßendes zu verbinden mit wenigen Farben und kräftigem Strich“, so Rosenlehner. Seinen Stil hat er oft verändert und sich orientiert am Dadaismus, Fauvismus, der neuen Sachlichkeit, und ist dennoch stets unverkennbar Dix geblieben. Auch zärtlich kann er sein, eine fast lebensgroße Schwangere zu modellieren oder seine Frau, die den Enkel das Laufen lehrt.

Der Krieg war ein Hauptthema in den Werken von Otto Dix – viele davon sind derzeit im Kunstmuseum Albstadt zu sehen.
Foto: Barbara SzymanskiEr schuf auch wunderschöne Landschaften, nachdem er schon 1933 von den Nazis als „entartet“ eingestuft wurde. Wie viele seiner männlichen Zeitgenossen glühte er für den Krieg, hoffte dadurch auf eine neue Zeit und endlich Fortschritt. Zwar habe er das Gemetzel des Ersten Weltkriegs physisch und psychisch unversehrt überlebt, aber in der Nachschau das Erlebte mit dem Kriegszyklus in fünf Mappen als Abschreckung für die Nachwelt aufgearbeitet: „Schonungslos, die Euphorie war wie weggeblasen“, so Rosenlehner.
Die Blätter im ersten Stock des Museums erzeugen wahrhaft Dauerfrösteln. Otto Dix verband die Darstellung der Kriegsgräuel mit der verwendeten Technik – nämlich der Kaltnadelradierung, diesem kräftezehrenden Ritzen und Kratzen. „Bei diesem Zerstörungsprozess auf Metallplatten vollzieht Otto Dix die Verwundungen durch Granaten oder ätzendes Gas“, resümiert Carina Rosenlehner.
Erschütternd, fast unerträglich sind manche Motive wie das einer jungen Frau, deren Baby beim Stillen, von einer Granate getroffen, vor ihr im Staub liegt. Ihr Gesicht mit den aufgerissenen Augen zwischen Entsetzen und Nichtverstehen.
Unten kichern – oben Stille
Wie wirkt die Otto-Dix-Ausstellung eigentlich auf junge Menschen? Im Erdgeschoss würde dezent gekichert und gefeixt, während es im Obergeschoss absolut still sei. Gibt uns Otto Dix mit seinen schonungslosen, verstörenden Kriegserinnerungen auch ein wenig Trost mit auf den Weg? Ja - in einer von Bomben vernarbten Landschaft sprießt zaghaft frisches Grün.
Der zweite Teil der Ausstellung „Otto Dix – Alpha Omega. Der komplette Bestand“ wird am Freitag, 27. Juni, im Kunstmuseum Albstadt eröffnet. Die Vernissage beginnt um 18.30 Uhr.